Deutsche Autoren und Genres

Ein Webpionier der Literaturkritik – zehn Jahre Literaturkritik.de

Website von literaturkritik.de; © literaturkritik.deJan Süselbeck; © privatWenige Wochen nachdem eine amerikanische Suchmaschine namens Google ihren Testbetrieb gestartet hatte, ging die Zeitschrift Literaturkritik.de mit ihrer Nullnummer online. Seit 1999 erscheint sie regelmäßig und hat sich zu einem der wichtigsten Online-Medien für Literaturkritik entwickelt. Goethe.de sprach zum zehnjährigen Bestehen mit Redaktionsleiter Jan Süselbeck.

Herr Süselbeck, wie ist Literaturkritik.de entstanden?

Unser Herausgeber Thomas Anz hat Anfang der achtziger Jahre bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Redakteur gearbeitet. Als er dann 1998 hier in Marburg seine Professur antrat, hat er den Studiengang „Literaturvermittlung in den Medien“ aufgebaut. Dort bieten wir unter anderem Seminare zu verschiedenen berufsbezogenen Bereichen wie dem kulturjournalistischen Schreiben an. Dieser Studiengang wird flankiert von der Zeitschrift Literaturkritik.de.

Wer schreibt für Ihre Online-Zeitschrift?

Am Anfang haben wir verstärkt Studierende als Rezensenten eingebunden. Doch in den letzten Jahren hat sich die Zeitschrift mit großen Schritten professionalisiert. Wir haben immer auch renommierte Wissenschaftler und professionelle Journalisten, die für unsere Schwerpunkte schreiben, wie zum 200. Geburtstag von Darwin. Und wir bekommen Texte als Zweitverwertung oder in einer ausführlicheren Fassung. Aber es gibt nach wie vor die Möglichkeit für Studierende, sich hier auszuprobieren. Wir bieten auch Redaktionspraktika an, die sehr stark nachgefragt werden.

"Wir sind schneller geworden"

Website von Literaturkritik.de; © Literaturkritik.de Literaturkritik.de erscheint periodisch, zwölf Mal im Jahr – eine ungewöhnliche Publikationsweise für ein Online-Medium, das bekanntlich keinen Redaktionsschluss kennt ...

Ja, das stimmt, aber es ist nicht mehr nur periodisch: Wir sind schneller geworden und stellen alle fertig redigierten Texten sofort online. Denn die Konkurrenz hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Heute stellt beispielsweise jede Zeitung ihre Rezensionen auch ins Netz. Darum wird bereits seit einigen Jahren unsere Website täglich aktualisiert. Aber wir halten dennoch an dem monatlichen Erscheinen fest, denn das ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal für uns gegenüber Blogs oder anderen Websites, die ja wie Pilze aus dem Boden schießen.

Sie erscheinen online und auch offline als Printversion ...

Die Auflage der Printausgabe ist gering. Es sind nur einige Dutzend Exemplare, die zum Beispiel von Bibliotheken abonniert werden. Aber es ist immer wieder beeindruckend, wenn man die Druckversionen zur Hand nimmt. Unsere Ausgabe vom Februar 2009 ist zum Beispiel 400 Seiten dick. Wir machen hier mit zwei Redakteuren, zwei Praktikanten und Herrn Anz als Herausgeber sozusagen jeden Monat ein ganzes Buch.

Zugriffe aus 131 Ländern

Website von Literaturkritik.de; © Literaturkritik.deImmer wieder werden Kürzungen in den klassischen Feuilletons der Zeitungen beklagt. Kann dies durch Online-Kritik ausgeglichen werden?

Ich bin auf jeden Fall gegen kulturpessimistische Einschätzungen der Lage. Ich sehe es grundsätzlich positiv, dass durch Online-Medien die Kommunikation und die Sichtbarkeit zunehmen. Weltweit Literaturkritiken zu lesen war früher so nicht möglich. Unsere Statistiken verzeichnen Zugriffe aus 131 Ländern.

Ein wesentlicher Vorteil von uns ist, dass wir kein Platzproblem haben. Wenn wir statt einem fünf Seiten langen Essay einen 15 Seiten langen bekommen und er gut ist, dann stellen wir ihn eben in dieser Länge ins Netz. Natürlich liest das keiner am Bildschirm. Aber man kann es sich ja ausdrucken, so mache ich es auch.

Man muss allerdings kritisch sehen, dass es auch viele schlechte Websites gibt. Aber jeder, der mündig im Netz unterwegs ist, kann auf Anhieb gut recherchierte und geschriebene Texte erkennen. Die Zugriffszahlen zeigen, dass sich im Netz schnell die Spreu vom Weizen trennt.

Fundierte Kritiken für Genießer

Website von Literaturkritik.de; © Literaturkritik.deUnter ihren Kritiken finden sich Links zu Amazon. Sind die Laienrezensionen, die dort erscheinen, eine eigene Meinungsmacht, eine Konkurrenz der professionellen Literaturkritik oder eine durchaus sinnvolle Ergänzung?

Ich möchte nicht als Redakteur und Journalist auf die Laienkritik herabblicken. Diese Rezensionen haben einen Gebrauchswert: Es geht um die Kaufentscheidung, mit entsprechend impulsiven Äußerungen. Damit ist aber auch klar, dass diese Rezensionen selten von einem informierteren Niveau aus geschrieben sind. Dieser Unterschied wird von jüngeren Lesern nicht mehr auf Anhieb wahrgenommen. Sie bewegen sich im Netz viel vorbehaltloser und vielleicht auch naiver. Passionierte Leser wissen allerdings, dass sie bei Literaturkritik.de oder in den Feuilletons der Zeitungen fundierte Kritik lesen können und dass eine gut geschriebene Rezension auch ein Genuss sein kann.

Gegenstimmen sind wichtig

Das Fernsehen hat einige der wirkmächtigsten Kritiker hervorgebracht: Elke Heidenreich konnte zum Beispiel durch schlichte Empfehlungen Bücher zu Bestsellern machen. Wie ist im Vergleich dazu die Einflussmöglichkeit eines Online-Mediums?

Natürlich kann man mit dem Fernsehen im Moment die meisten Menschen erreichen. Aber auch unsere Website hat im Schnitt 4.300 Besucher pro Tag und über 200.000 Zugriffe pro Monat. Es ist einfach wichtig, in aktuellen kulturpolitischen Debatten Gegenstimmen zu haben. Und die können eine ganz eigene Langzeitwirkung entfalten, wenn die Fernsehsendung vielleicht längst vergessen ist. Wir haben die Freiheit, dass wir unabhängig von Verkaufszahlen rezensieren.

Wie wird Literaturkritik.de in zehn Jahren aussehen?

Wie es weitergeht, wenn unser Herausgeber Thomas Anz in vier Jahren emeritiert wird, ist noch völlig offen. Sicher ist auf jeden Fall: Wir haben jetzt schon ein beachtliches Kompendium mit weit über 10.000 Rezensionen und Essays zusammengetragen. Und das wird weiter wachsen.

Dr. Jan Süselbeck, Jahrgang 1972, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere Deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg/Lahn. Seit 2005 leitet er die Redaktion von Literaturkritik.de.
Sabine Tenta
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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