Deutsche Autoren und Genres

Michael Stavaric – ein Autor mit Zukunft

Michael Stavaric; © Markus KirchgessnerMichael Stavaric; © Markus KirchgessnerDie deutschsprachige Gastarbeiter-, Ausländer-, Migrations- oder Migrantenliteratur ist Geschichte, und auch die interkulturelle Literatur wird es bald sein. Michael Stavaric schreibt in seiner zweiten (deutschen) Sprache und versteht sich, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen mit anderssprachigem Hintergrund, als universeller Schriftsteller, dem es einzig und allein auf die ästhetische Qualität seiner Texte ankommt.

Tatsächlich schreibt der 1972 im tschechischen Brno geborene Stavaric europäische Literatur von heute, modern und abgründig, präzise und verspielt. Der mediengewandte Wiener Autor bewegt sich dabei zwischen Kafka-Düsternis und Blogger-Welt.

Inline-Skating und Gedichte

Cover von „Flügellos“; © Edition Va BeneMehr als zehn Jahre lang war Michael Stavaric, der Bohemistik und Publizistik studiert hat, Lehrbeauftragter für Inline-Skating an der Sportuniversität Wien. Gleichzeitig arbeitete er für die Wiener Botschaft der Tschechischen Republik. Beides passt wunderbar zu seinem Auftreten als weltzugewandter, kommunikativer, täglich mit E-Mail und Twitter umgehender Literat. Ein Dichter von heute, modebewusst, smart und sexy, gebildet und geistreich, vielsprachig und vielseitig. Und ein hervorragender Übersetzer aus dem Tschechischen.

Und seine Literatur? Mit dem Gedichtband Flügellos wagte er sich im Jahr 2000 ans Licht der Öffentlichkeit. Die Sammlung wurde, wie es bei Gedichtbänden in Kleinverlagen häufig der Fall ist, wenig bis gar nicht beachtet, und den folgenden literarischen Versuchen – Prosatexte, ein Kinderbuch – ging es nicht viel besser. Erst als in rascher Folge die beiden Romane stillborn (2006) und Terminifera (2007) erschienen, wurde der Literaturbetrieb in Österreich, Deutschland, in der Schweiz und anderswo auf den Tschechen aus Wien aufmerksam.

Es folgten die Romane Magma (2008) und Böse Spiele (2009). Zehn Jahre nach Flügellos ist Michael Stavaric ein vielfach mit Preisen und Stipendien bedachter deutschsprachiger Autor, dessen Können sich in der weiten Welt herumgesprochen hat. So wurde er 2009 Gastdozent an der Rutgers University New Brunswick in New York.

„stillborn“

Cover von „stillborn“; © Residenz VerlagDas entscheidende Thema von stillborn sei „die Identitätsfrage, dargestellt am Beispiel eines Außenseiters, dessen Ausgrenzung und (Selbst-)Entfremdung als eine paranoiaähnliche Ich-Spaltung inszeniert wird“, stellt die tschechische Germanistin Renata Cornejo fest. Elisa, die Protagonistin von stillborn, wie auch Lois, die Hauptfigur von Terminifera, seien „heimatlose, entwurzelte und sich selbst entfremdete Wesen“, Sonderlinge, Außenseiter, Grenzgänger zwischen Wahn und Normalität.

Dass die lebenslang körperlich und sozial benachteiligte Elisa sich als Maklerin gerne in leeren Wohnungen aufhält, dass sie wahrscheinlich sogar Wohnungen und Häuser abfackelt – wie soll man das anders verstehen denn als ihren verzweifelten Versuch, Spuren der Vergangenheit zu tilgen? Als Versuch, ein schreckliches Verbrechen vergessen zu machen, das ihre Mutter, offenbar aus Liebe zu ihrem Mädchen, einst begangen hat?

Jedenfalls ist stillborn spannend, und was gleich auffällt, ist Michael Stavarics eigenwilliger Umgang mit den erzähltechnischen Konventionen – und mit der Sprache. Vielleicht kann man so wirklich nur schreiben, wenn man durch einen Sprachwechsel höchst sensibel gemacht wurde für feine Nuancen und verborgene Konnotationen des neuen Idioms.

„Terminifera“

Cover von „Terminifera“; © Residenz VerlagDas gilt gleichermaßen für Terminifera, einen szenisch erzählten Text, dessen sprachartistische Bruchstücke sich der Leser ganz nach Gusto individuell zusammensetzen darf. Weshalb sind Spinnen oder Heuschrecken wie die titelgebende Terminifera, warum sind andere, aus vielen Horrorfilmen bekannte, furchteinflößende Lebewesen die besten Freunde des Protagonisten? Woher hat Lois seine Hirngespinste? Ist er eigentlich ein Mann? Oder doch eher eine Frau?

„Die innere Leere und ‚Ausgebranntheit‘ der Figuren, ihre Unfähigkeit überhaupt, etwas zu empfinden, wird als Folge von physischen und psychischen Schädigungen begründet“, bemerkt Renata Cornejo. Lois leidet an den Folgen körperlichen Missbrauchs im Kinderheim: Seine frankensteinähnlichen Handlungen, von Gefühlen wie Liebe oder Angst nirgendwo auch nur gestreift, folgen undurchschaubaren Mechanismen. Mister Spock vom Raumschiff Enterprise kommt ebenfalls vor, als Halb-Vulkanier-Alter-Ego der Hauptfigur. Lois’ subversiver Doppel-Blick prägt auch die Erzählstruktur: Perspektivenwechsel, Brüche, Sprach-Irritationen. Was Nicht-Zugehörigkeit bedeuten kann – Stavaric führt es literarisch vor.

„Magma“

Cover von „Magma“; © Residenz Verlag

Dieser Mann, Verkäufer in einer recht schäbigen Wiener Zoohandlung, entpuppt sich als ein gealterter und bestens getarnter Mephisto, der einst am Rad der Geschichte kräftig gedreht hat – wenn ... ja, wenn sich dieser verschrobene, schwadronierende Alte nicht alles nur ausgedacht hat. Um die Zweifel an der historischen Überlieferung, vor allem an jeglichem Fortschrittsoptimismus, gehe es Stavaric in seinem furiosen „Sprachfeuerwerk“, schreibt Beate Tröger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Selten sei man von einer Lektüre „derart charmant eingewickelt worden“.

„Böse Spiele“

Cover von „Böse Spiele“; © C. H. Beck VerlagHauptfigur der Sprechszenenfolge Böse Spiele ist ein Ich-Erzähler, namenlos wie die beiden Frauen, zwischen denen er steht. Um die Liebe in unsteten Zeiten geht es hier, und „die Verschränkung des zeitgenössischen Geschlechterdiskurses mit Bruchstücken verschiedener Mythen“ führt dabei zu einem „großen männlichen Klagegesang“ (Meike Feßmann): Was ist nur aus der Liebe geworden? Die rhetorische Raffinesse und assoziative Struktur des Textes sind bemerkenswert – und von der indirekten Rede, die zumeist vorherrscht, darf sich der Leser nicht abschrecken lassen.

Stavaric breitet ein Dreiecksverhältnis aus, das den Keim des Todes schon in sich trägt, und er macht das bilder- und anspielungsreich, manchmal auch ein bisschen sprunghaft, vor allem aber mit einem geradezu grandiosen Gespür für Rhythmus. Böse Spiele sei „in erster Linie ein Sprachspiel, dicht an der Kriegsfront angesiedelt, das aber immerhin auf Friedensverhandlungen hofft“, meint Christoph Schröder. Den universellen Krieg der Geschlechter überleben in diesem „Roman“ genannten Sprechstück übrigens nur der Ich-Erzähler und ein paar Krähen.

Sprachartistik: lokal, global, surreal

Ein Wiener Autor tschechischer Herkunft ist Michael Stavaric immer noch – und natürlich wird er das auch bleiben. Zugleich aber ist er ein global agierender, ästhetisch avancierter Literat des 21. Jahrhunderts, ein das Surreale, das Absurde und das Groteske in hochsensible Textgeflechte Bannender, und selbstverständlich ein exzellenter Artist der deutschen Sprache. Man wird noch von ihm hören.

Klaus Hübner
arbeitet als Publizist, Literaturkritiker und Redakteur der Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“ in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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