„Kleist ist einmalig.“ Herausgeber Peter Staengle zur Münchner Kleist-Edition

Heinrich von Kleist (1777–1811) ist einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache, der in der Krisenzeit der Romantik eine einzigartige literarische Position einnimmt. Rechtzeitig zum 200. Jahrestag seines Freitodes ist jetzt im Hanser Verlag eine neue, in ihrem editorischen Ansatz revolutionäre Leseausgabe seiner Erzählungen, Dramen und Briefe erschienen. Goethe.de sprach mit Peter Staengle, einem der Herausgeber.Herr Staengle, was bringt einen Wissenschaftler dazu, sich über 30 Jahre mit Heinrich von Kleist auseinanderzusetzen?
Kleist reizt mich tatsächlich schon seit der Schulzeit. Damals haben wir im Unterricht noch Goethe und Schiller gelesen. Mehr als diese Klassiker aber hat mich schon damals Kleists Prosa fasziniert: der „Drive“ der Sprache, dieser enorme Schwung, diese ganz langen Sätze, die nach vorwärts drängen, aber auch zurückgestaut werden. Das ist, denke ich, einmalig in der deutschen Literatur.
Aber natürlich sind auch die Dramen und Briefe, die in unserer Münchner Ausgabe versammelt sind, ebenso unglaublich. Im Werk Kleists gibt es keine schwachen Stellen.
Erstmals wieder die Originale lesen
Warum braucht es heute, 200 Jahre nach dem Tod des Dichters, noch eine neue Kleist-Ausgabe?
Weil Kleists Texte bisher nie in ihrer authentischen Form, sondern immer nur bereinigt und durch die jeweiligen Herausgeber geglättet, vorgelegen haben. Das hat damit zu tun, dass man Kleists Werk vor allem für Schulausgaben zum Zwecke besserer Verständlichkeit und Lesbarkeit immer wieder an den Zeitgeschmack – und nicht zuletzt an die gerade aktuelle Rechtschreibreform – hat anpassen wollen.
Den letzten diesbezüglichen Versuch hat 1952 Helmut Sembdner unternommen, nachdem Kleist im Dritten Reich zum nationalsozialistischen Autor verklärt worden ist. Diese Ausgabe galt bisher als Standardwerk: Aus allen späteren, zum Teil mit viel Forschungsgeld finanzierten Bemühungen einer Neuedition ist dann nichts mehr geworden.
Dann haben Roland Reuß und ich 1988 beim Stroemfeld Verlag mit der 23-bändigen Brandenburger Kleist-Ausgabe begonnen, die letztes Jahr abgeschlossen werden konnte, und auf der die dreibändige Münchner Ausgabe basiert. Durch sie ist ein ganz neues Kleist-Bild enstanden, das anhand der Originalform der Texte zeigt, dass Kleist in seiner Sprache wesentlich radikaler war als bisher angenommen. Erstmals liegt Kleist bis in seine eigenwillige Orthografie hinein wieder so vor, wie er geschrieben hat: für den Leser eine echte Neuentdeckung.
Das Rätsel Kleist soll bleiben
Bei Sembdner heißt es „Kohlhaas brachte ein Plakat an“, bei Ihnen wieder – wie im Originaltext, also richtiger – „Kohlhaas plackte ein Mandat an“. Das versteht aber doch heute kein Leser mehr ...
Man muss sich mit der Münchner Ausgabe auf Kleist eben wieder einlassen! Tatsächlich haben frühere Editionen dem Leser viel weniger zugetraut – nicht zuletzt deshalb, weil man Kleist in den Kanon der Klassik eingemeinden wollte, die ja auf Verständlichkeit abzielt. Kleists Texte sind aber in vielen Passagen bewusst unverständlich. Kleist provoziert eine intensive Lektüre, die den Leser herausfordert.
Wenn ein heutiger Leser des Michael Kohlhaas an eine vermeindlich unverständliche Stelle wie die zitierte kommt, dann gibt es bei uns ja zum besseren Verständnis Erläuterungen zu dem, was „placken“ und „Mandat“ bedeuten. Die Frage ist ja ohnehin, warum Kleist ausdrücklich von „Mandat“ statt von „Plakat“ gesprochen hat. Über solche Nuancen nachzudenken ist meines Erachtens auch im Vergleich der Ausgaben interessant.
Der mündige Leser also wird mit der Münchner Ausgabe zufrieden sein. Aber es werden ihm natürlich nicht alle Rätsel gelöst werden: eine Erfahrung, die jeder Kleist-Leser bei der Lektüre ohnehin immer wieder machen wird.
Editieren für die Insel
Über die Rekonstruktion des ursprünglichen Textbestands hinaus: Worauf sind Sie als Herausgeber besonders stolz?
Dass in der Münchner Ausgabe alle Texte Kleists vollständig vorhanden sind. Und dass wir alle Dokumente zu Kleists Leben und Werk versammelt haben, sodass man als Kleist-Liebhaber mit den drei Bänden unterm Arm gut in Urlaub fahren kann – oder bei Schiffbruch selbst auf der einsamen Insel etwas zu lesen hat.
Einer der Leitgedanken Ihrer Edition ist es, dass Kleists Texte „nicht selten einer verstörenden Ästhetik der Regelverletzung folgen“. Haben Sie dafür Beispiele?
Das berühmteste Beispiel stammt wohl aus der Erzählung Die Verlobung in St. Domingo von 1811, wo eine der Hauptfiguren, ein Mann namens Gustav, in größte, identitätsgefährdende Schwierigkeiten gerät. Im Moment höchster Zerrüttung heißt er im Text plötzlich vier Mal August, bis er wieder zur Besinnung kommt und seinen ursprünglichen Namen zurückerhält.
An dieser Stelle haben die Herausgeber Kleist – beziehungsweise dem Setzer der Druckfassung – bisher immer ungenaues Arbeiten unterstellt und durchgehend wieder Gustav eingesetzt. Dabei arbeitet Kleist gerade durch diesen Kunstgriff sehr präzise die geistige Verwirrung seiner Figur heraus, der es in diesem Moment selbst die Buchstaben seines Namens – Gustav = Avgust, also August – durcheinander rüttelt.
Die Zurückhaltung des Editors
Haben Sie einen Kleistschen Lieblingstext?
Ja. Aber der wird nicht verraten. Schließlich soll jeder Kleist-Leser seinen eigenen Lieblingstext entdecken. Ich als Editor sollte mich da nicht in eine Empfehlungsposition begeben.
Aber zumindest mein Kleistsches Lieblingsdrama will ich verraten: Das ist das Lustspiel Der zerbrochne Krug. Aber das sollte man auf jeden Fall gespielt und gesprochen auf der Bühne sehen.
führte das Gespräch. Er ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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Januar 2011
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