Deutsche Autoren und Genres

Der Boom der Regionalkrimis

Lokalkolorit; © ColourboxDie Deutschen haben offensichtlich Blut geleckt. Weil die Leser vom Krimi einfach nicht genug bekommen, schreiben einheimische Autoren um die Wette an Mordgeschichten, in denen eins nicht fehlen darf: Lokalkolorit!

Bereits seit geraumer Zeit wird in deutschen Dörfern und Städten geraubt und gemordet, was das Zeug hält. Deutschland ist im Krimifieber, besser gesagt im Regionalkrimifieber, und die Liste der Autoren, die mit Geschichten um Mord und Totschlag auf den Markt drängen, wird zusehends länger. Die Erfolgsformel von Kriminalromanen, die eine breite Käuferschaft im Visier haben, scheint dabei schnell geschrieben: Man nehme einen sympathischen Kommissar, betraue ihn mit einem nicht allzu komplizierten Fall und siedle die Handlung in einer bestimmten Region an – klingt simpel. Oder etwa nicht?

Kultstatus

„Schutzpatron“ Kluftingers neuer Fall von Volker Klüpfel , Michael Kobr; Piper VerlagVom Schwarzwald bis Hiddensee hat so gut wie jede deutsche Provinz ihren eigenen Kommissar hervorgebracht. Der bekannteste unter ihnen, Kommissar Kluftinger, hält seine schützende Hand über Kempten im Allgäu und wurde 2003 vom Autorenduo Michael Kobr und Volker Klüpfel erschaffen. Acht Jahre später tüftelt Klufti, so der Kosename des süddeutschen Kriminalbeamten, bereits an seinem sechsten Fall (Schutzpatron, 2011). Dank eines effizienten Marketings, das etwa Lesungen mit regelrechtem Showcharakter vorsieht, hat sich Klufti mittlerweile zur Marke mit eigener Homepage und Merchandise-Artikeln gemausert. Der Kommissar ohne Vornamen ist nicht nur versierten Krimilesern ein Begriff und hat in Deutschland erheblich dazu beigetragen, das Image der Kriminalliteratur von trivial auf Hochglanz zu polieren.

Lokalkolorit

Friedrich Ani „Süden“; Droemer VerlagDer Startschuss zum Kriminalroman vor regionaler Handlungsbühne fiel indes schon früher. Ab 1989 etablierte Jacques Berndorf mit Eifel-Blues das Genre des sogenannten Eifel-Krimis, dessen Protagonist Siggi Baumeister schon bald eine feste Fangemeinde um sich scharte. Was diese an der Krimireihe schätzt, ist nicht nur der packende Plot, sondern auch das zum bergigen Landstrich zwischen Trier und Aachen mitgelieferte Lokalkolorit. Dass sich der deutsche Leser besonders gern gruselt, wenn Mord und Totschlag vor der eigenen Haustür spielen, haben seit Berndorf nicht nur die kreativen Köpfe hinter Kluftinger erkannt. Nicola Förg, Jörg Maurer, Birgit Lautenbach und zahlreiche andere Schriftsteller haben dem deutschen Buchhandel mittlerweile ein wahres Füllhorn an Kriminalliteratur beschert, dessen qualitative Bandbreite zweifelsohne beachtlich ist. Doch so unterschiedlich der deutsche Krimi in puncto Erzählstil und Handlungsaufbau auch sein mag – alle Autoren nutzen die Ermittlungen ihrer Charaktere, um die Eigenheiten eines bestimmten Gebietes und seiner Bewohner in der Geschichte zu verankern. Der ortskundige Leser kann im Regionalkrimi real existierende Straßen, Kneipen und Metzgereien wiedererkennen. Dass Großstadtkommissare, wie sie etwa von Friedrich Ani für München oder von Jan Seghers für Frankfurt geschaffen wurde, dabei etwas seltener anzutreffen sind als ihre Kollegen vom Land, lässt sich leicht erklären: In Deutschland gibt es schlichtweg mehr Klein- als Großstädte – und somit auch eine höhere Zahl an potenziellen Handlungsschauplätzen mit provinziellem Flair.

Verkaufsstrategien

Die Vorliebe für Verbrechen in der Nachbarschaft belegt einmal mehr: Beim Deutschen, mit nationalen Gefühlen ansonsten ja eher zurückhaltend, hat offensichtlich eine Rückbesinnung auf die eigenen Werte stattgefunden, die im Trend zum Inlandsurlaub ebenso zum Ausdruck kommt wie im Appetit auf regionale Küche. Also Kohlroulade und Wattwanderung anstelle von Petits Fours und Frankreich-Urlaub? Die Marketingexperten der Buchverlage vertrauen zumindest darauf, dass ausführliche Landschaftsbeschreibungen beim Kunden genauso gut ankommen wie waghalsige Verfolgungsjagden. Doch selbst wenn Regionales boomt wie lange nicht mehr: Untertitelungen à la „ein Allgäu-Krimi“, im Gerangel um die Gunst der Leser als gutgemeinte Entscheidungshilfe gedacht, bringen den deutschen Krimi vorschnell in Verdacht, lediglich um Mord und Todschlag angereicherte Heimatliteratur zu sein. Auch dem Vorwurf, dass komplexe Motive und gründliche Hintergrundrecherche bisweilen kurzweiliger Unterhaltung Platz machen, musste sich der Regionalkrimi schon stellen. Sei’s drum. Möglicherweise sind es ja gar nicht akribisch ausgeklügelte Mordfälle, die uns zum Regionalkrimi greifen lassen, sondern etwas anderes – Nähe. Auf Tuchfühlung zu gehen, begünstigt bekanntlich Bindung – und das gilt auch für das Verhältnis zwischen Romanfigur und Leser. Der konzeptionelle Clou: Je besser der Leser seinen Kommissar zu kennen glaubt, desto dauerhafter gestaltet sich in der Regel die verkaufsfördernde Allianz. Eine liebevolle Ausarbeitung der Figuren zahlt sich daher ebenso aus wie den Krimi als Serie anzulegen.

Sympathieträger

Oliver Bottini „Das verborgene Netz“, Scherz VerlagEs „menschelt“ im Regionalkrimi – und zwar gewaltig. Statt unantastbarer Superagenten sind Kluftinger und Konsorten mit liebenswürdigen Ticks ausgestattete Sympathieträger. Mal mehr, mal weniger kauzige Kriminalbeamte, die wir vor allem lieben, weil sie uns auf den Polizeirevieren jeder Kleinstadt begegnen. Klischees sind nicht nur erlaubt, sondern gewünscht. So dürfte dem aufmerksamen Klufti-Leser kaum entgangen sein, dass der Allgäuer Kommissar für sein Leben gern Kässpatzen isst, im Umgang mit Computern eine Niete ist und unter Leichenunverträglichkeit leidet. Wie sympathisch Schwächen machen, zeigt sich auch am Beispiel von Louise Boni. Die Hauptkommissarin der Freiburger Kriminalpolizei bekämpft im mittlerweile fünften Band (Das verborgene Netz, 2010) nicht nur das Verbrechen, sondern auch ihr Alkoholproblem. Für die einfühlsame Entwicklung der Charaktere und einer differenzierten Handlungsstruktur wurde Autor Oliver Bottini bereits mehrfach ausgezeichnet.

Franziska Gerlach
arbeitet als freie Autorin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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