Mehr als ein Zigeunermärchen – die Literatur der Sinti und Roma
Jenische am Lauerzersee (Schweiz), 1928 (Foto: gemeinfrei)
Traurige Zeugnisse der Exklusion und Diskriminierung, aber auch hoffnungsvolle Ausblicke – Offenbarungen und Entdeckungen in den Werken deutschsprachiger Roma-Autoren.
Mit ihren schriftstellerischen Werken treten Roma aus einem nicht nur gesellschaftlichen, sondern auch literarischen Schattendasein heraus. Der „Zigeuner“ ist nicht länger eine Randfigur in den Werken der Mehrheitsgesellschaft wie etwa bei Cervantes, Hugo, Sand, Merimée, Grimmelshausen und Brentano. Roma-Literatur existiert, wie die Roma, in allen Ländern Europas. Zum Großteil sind die Werke in der jeweiligen Landessprache verfasst, aber vor allem Gedichte werden auch in unterschiedlichen Romanès-Dialekten publiziert. Roma reklamieren seit etwa hundert Jahren ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die Anerkennung ihrer Lebensweise und Sprache. Vor allem aber wird literarisch ihre traditionsreiche und bildhafte Erzählkunst zugänglich.
Kein Entkommen aus der Macht der Erinnerung
Ein Kapitel der deutschen Geschichte hat auf fast alle literarischen Werke der Roma Auswirkungen: der Holocaust. Während diese extremen Verfolgungserfahrungen für Roma-Autoren in Frankreich, Italien, Spanien, Argentinien, Kanada oder Ungarn ein untergeordnetes Motiv ist, war der Genozid für die Roma Deutschlands und Österreichs ein entscheidender Auslöser für ihre literarische Arbeit. Die Holocaust-Überlebende Philomena Franz, geboren 1922 in eine renommierteSinti-Musikerfamilie mit vielen Auftritten im In- und Ausland, verarbeitete ihre traumatischen Erfahrungen 1992 mit ihrem Buch Zwischen Liebe und Hass. Franz reflektiert: „Wir alle haben ein Recht, auch heute noch über unser Leiden zu sprechen. Um uns selber wiederzufinden, um die Opfer zu ehren, um der heranwachsenden Generation zu sagen: So war es. So etwas soll nie wieder geschehen.“
Das schwere Familienerbe
Die Autobiografien der deutschen Sinti Philomena Franz und Otto Rosenberg oder der österreichischen Roma Ceija und Karl Stojka zeugen von den Grausamkeiten der Konzentrationslager und appellieren an ihre Leser, die Verfolgung der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus anzuerkennen. Wie prägend die Erlebnisse des Holocaust für gesamte Familien waren und sind, zeigt sich in den Publikationen der zweiten Generation deutschsprachiger Roma-Autoren. Die Schlagersängerin und Sintezza Marianne Rosenberg betont in ihrer Lebensdarstellung Kokolores wie sehr die traumatischen Erlebnisses ihres Vaters, Otto Rosenberg, ihr eigenes Leben beeinflussten.
Der Staat gegen die „Asozialen“
Bis in die 1970er-Jahre hatte die systematische Verfolgung durch die halbstaatliche Schweizer Organisation Pro Juventute mit ihrem „Hilfswerk für die Kinder der Landstraße“ zum Ziel, nicht sesshaft lebende Gemeinschaften – vor allem die der Jenischen – zu assimilieren. Unter dem Vorwand, die Kinder der Fahrenden vor Verwahrlosung zu schützen, wurden sie ihren Familien entrissen und in Heimen oder Adoptionsfamilien aufgezogen.
Mariella Mehr, Jahrgang 1947 und Opfer des Hilfswerks, schreit in ihren Werken das Unrecht heraus und lässt dennoch Raum für Hoffnungsschimmer: „So gesehen beheimatet uns Sprache und wir beheimaten sie. Es mag zwar wie vieles andere ein Zufall sein, welcher Sprachgruppe wir angehören, kein Zufall ist es aber, dass wir unsere Sprache nutzen. So stoße ich endlich auf Heimat, ein weites Feld, auf dem herum zu vagabundieren sich lohnt, des Glücks wegen, das die Weite verleiht. Sprache also als Weg in die Zukunft, unabhängig vom Ziel. Sprache als Möglichkeit, überall zu Hause zu sein, ein Heim zu haben, ein Dach, das einem nicht auf den Kopf fällt, Sprache als einzig verbliebenes Mittel zu reisen, Heimat reisend zu leben.“
Töne und Texturen
Die künstlerische Mehrfachbegabung vieler Roma teilt auch die Jazz-Sängerin Dotschy Reinhardt. Mit ihrem Buch Gypsy. Die Geschichte einer großen Sinti Familie vermittelt sie eine erfolgreiche zeitgenössische Integrationsgeschichte; nicht ohne die Schwierigkeiten zu verdeutlichen, die sie als Kind erlebte und auch heute noch aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Sintezza erfährt. Für sie gilt, was allen Roma-Autoren ein Anliegen ist: den kulturellen Hintergrund als Roma und Deutsche beziehungsweise Schweizer oder Österreicher zu vereinen. Die neu zugewanderten Roma, die meist aus dem Balkan stammen und heute in Deutschland und Österreich leben wie Ruždija Russo Sejdović, Jovan Nikolić und Ilija Jovanović setzen sich in ihren zweisprachigen Publikationen mit der Mehrfachzugehörigkeit als Roma, Serbe, Kosovare und Deutscher beziehungsweise Österreicher auseinander. In Gedichten, Romanen und Theaterproduktionen zeigen sich die mannigfaltigen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten der Roma. Ihre Suche nach einem Platz in den europäischen Gesellschaften und als Teil der größten europäischen Minderheit lassen sie in ihren Werken nachempfinden. Eine Erfahrung, die sich lohnt!
Julia Blandfort
promoviert am Institut für Romanistik der Universität Regensburg zur Roma-Literatur in Frankreich. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes „Grenzerfahrungen: Roma-Literaturen in der Romania“.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
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