Peter-Hammer-Verlag – mit Pierre Marteau am Mainstream vorbei
Es kommt regelmäßig Post adressiert an Peter Hammer. Auf Verlagsveranstaltungen fragt man nach Peter Hammer, erkundigt sich neugierig, warum er nicht kommen konnte, wie es ihm gehe. „Aber Peter Hammer gab es nie“, Monika Bilstein lacht. Seit 2001 leitet sie jenen Wuppertaler Verlag, der nur scheinbar nach einem Gründer benannt ist. Peter Hammer ist die deutsche Übersetzung von Pierre Marteau – eine Legende in der Verlagswelt. Es ist der Name eines fiktiven Verlegers, im 17. Jahrhundert ersonnen, um kritische, verbotene, subversive Bücher verlegen zu können. Das erfundene Verlagshaus diente als Schutz, ein Weg an der Zensur vorbei.
„Auch unsere Bücher sollen andere Perspektiven auf die Welt zeigen, über den Tellerrand, jenseits des Mainstreams“, erklärt Bilstein die Namenswahl. „Wir wollen im besten Sinne für Furore sorgen.“ Und das mit Kinder- und Jugendliteratur einerseits und Texten postkolonialer Autoren aus Lateinamerika und Afrika andererseits. Wolf Erlbruch und Chinua Achebe bestehen hier nebeneinander, sie gehören zu den Aushängeschildern des Hauses.
Jenseits der großstädtischen Schnelllebigkeit
Wolf Erlbruch, der Zeichner, dessen Figuren herrliche Stupsnasen haben, der meist mit Ölkreiden auf Packpapier bonbonbunte Kinderbuchwelten erschafft, ist so etwas wie der gute Geist des Hauses. Nicht, dass er dauernd im Verlag säße – er hat ihn gewissermaßen gerettet. Er und Werner Holzwarths Geschichte Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. 1989 erschien die erste Auflage des Buchs, dem Verlag sei es damals nicht wirklich rosig gegangen, so Bilstein, die schon damals im Haus arbeitete. Mittlerweile sind über eine Million Exemplare verkauft. Keiner hätte anfangs gedacht, dass ein Maulwurf mit einer Kackwurst auf dem Kopf drollig sein könnte, geschweige denn zum Kinderbuchklassiker werden könnte. Erlbruch wurde zum Glücksgriff für den Verlag. Der Zeichner lebt auch in Wuppertal. Man trifft sich mal zufällig in der Stadt, für Besprechungen kommt man eben mal auf eine Tasse Kaffee vorbei. Familiär, gelassen, ein Verlag jenseits der großstädtischen Schnelllebigkeit. Mit Erlbruch veränderte sich das Profil des Verlags. Neben den „Dritte-Welt“-Themen kamen nun verstärkt Bilderbücher dazu; Erlbruchs Name zog talentierte junge Illustratoren an, wie etwa Nadia Budde, die mit ihrem Debüt, dem schlichten aber pfiffigen Eins, zwei, drei, Tier, den Deutschen Jugendliteraturpreis abräumte. Die, die folgten, kann man kaum zählen. „Anspruchsvoll“ wolle man sein, „innovativ“, sagt Bilstein, kurz: nicht massentauglich. Fünf bis sechs neue Bilderbücher erscheinen jährlich, man hat mittlerweile ein Renommee in diesem Bereich.Geschichten aus anderen Kulturen
Der andere Teil des Themenspektrums, für den der Peter-Hammer-Verlag bekannt geworden ist, prägte den Ruf des Hauses von Anfang an: Geschichten aus anderen Kulturen, vor allem aus Schwarzafrika. Hier kommen jene zu Wort, die ehemals von Kolonialherrschern unterdrückt, erobert und vertriebenen wurden. Dass die Verlagsgründung mit eben jenem thematischen Fokus in die Zeit kurz nach der großen Unabhängigkeitswelle der ehemaligen Kolonialstaaten fällt, ist kein Zufall. Und so finden sich im Peter-Hammer-Verlag der Booker-Prize-Gewinner Chinua Achebe genauso wie junge Autoren, die aus ihrer Realität erzählen, von ihrem Leben in der Stadt, ihrem Verliebtsein, dem Jungsein. „Wir wollen so den jungen Leserinnen und Lesern das Gefühl der Fremdheit vor anderen Kulturen nehmen“, sagt Monika Bilstein.
Furore machte der Verlag übrigens schon in den Anfangsjahren, als er noch „Jugenddienstverlag“ hieß, gegründet 1966 von einem halben Dutzend Männer aus dem Dunstkreis der evangelischen Kirche. Auch der spätere Bundespräsident Johannes Rau gehörte dazu, war der erste Leiter des Verlags und übergab wenig später an Hermann Schulz, der dem Haus später einen neuen Namen verpassen sollte und bis 2001 am Ruder blieb.
Mehrfach ausgezeichnet
1974 sorgte das offenherzige Fotobuch Zeig mal! von Will McBride für Aufregung. Man sieht einen kleinen Jungen, ein kleines Mädchen, beide nackt, in Schwarz-Weiß fotografiert. Sie sitzen nebeneinander, popeln lachend und selbstvergessen in ihren Bauchnäbeln, die Beine nach vorne gestreckt, der Mini-Penis, die Scheide, sie sind nicht zu übersehen. Über diesem und weiteren Fotos zieht sich schmal ein Satz über die Doppelseiten, einzelne Worte sind riesengroß: „Samen“, „aufgeregt“, „Orgasmus“ und „schön“. Zuerst von allen gefeiert, zwei Jahrzehnte später sollte es wegen Pädophilie- und Pornoverdachts immer wieder auf den Index. In den 1990er-Jahren nahm es der Verlag aus dem Programm, es sei nicht mehr zeitgemäß gewesen, heißt es, und die Nachfrage habe auch zu wünschen übrig gelassen. In jener Aufklärungswelle erschienen bei „Jugenddienst“ übrigens auch Anders als bei Schmetterlingen vom späteren „Dr. Sommer“ Martin Goldstein – illustriert, wohlgemerkt, vom legendären „Yellow Submarine“-Zeichner Heinz Edelmann – oder das Lexikon der Sexualität, das Goldstein und McBride gemeinsam veröffentlichten.Mehrfach wurde der Verlag schon ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kurt-Wolff-Preis für unabhängige Verlage, mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis oder dem Hans-Christian-Andersen-Preis, so etwas wie der internationale Oscar für Kinder- und Jugendliteratur.
„Leider ist das, was wir machen, nicht der Trend“, so Bilstein. Mainstream sei derzeit bei Kinderbüchern mehr gefragt, sie sagt es mit einem leichten Seufzen. Und Stromlinienförmiges ging Pierre Marteau und seinen Nachkommen schließlich von Anfang an gegen den Strich.
schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien.
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August 2010
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Links zum Thema
- Peter-Hammer-Verlag

- Website zu „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“

- Porträt von Wolf Erlbruch (arte.tv)


- Die Geschichte hinter „Zeig mal!“ (PDF, ca. 0,5 MB)

- Seite des fiktiven Verlegers Pierre Marteau

- Für Werner Holzwarth gibt es beim Bücherschreiben nur die eigenen Grenzen (goethe.de)


- „Kein Platz für Tamagotchis“: Wolf Erlbruch im Gespräch (goethe.de)





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