Verbrecher Verlag

Vom geklauten Manuskript zum Verlag - der Verbrecher Verlag

Jörg Sundermeier
Zwei ehemalige Literaturstudenten gründeten den linken Verlag Mitte der neunziger Jahre - zunächst aus purem Idealismus und ohne klare Ziele. Daraus ist ein kleiner, unabhängiger Verlag mit einem ernstzunehmenden Belletristikschwerpunkt geworden. Ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier.

Herr Sundermeier, seit wann gibt es den Verbrecher Verlag?

Den Verlag gibt es seit 1995. Wir haben damals ein Buch gemacht und dann vier Jahre keins mehr. Wir dachten, es bleibt dabei. Wir haben uns mehr spaßeshalber Verbrecher Verlag genannt, hatten eigentlich keine ernsthaften Ziele. Daher kommt auch der Name: Als Studenten wollten wir einfach an unveröffentlichte, interessante Manuskripte herankommen. Deswegen haben wir uns als Verlag ausgegeben. Zum Beispiel haben uns die ersten Kapitel des damaligen neuen Buches von Dietmar Dath interessiert. Nie haben wir geglaubt, dass wir das herausbringen. Doch er lieferte weitere Kapitel, dann trafen wir ihn auf der Frankfurter Buchmesse, wo er das komplette Manuskript vor uns legte und sagte: "Hab' ich letzte Nacht fertig geschrieben", und wir wussten: Aus dieser Sache kommen wir nicht mehr heraus. Wir hatten keine Ahnung von Marketing, keine Ahnung vom Buchhandel, wir haben einfach ein Buch gemacht, das Allernötigste gerade noch hinbekommen, allerdings auch nie gefragt, ob eine andere Druckerei vielleicht billiger gewesen wäre oder so. Na ja, wir waren halt Studenten Mitte 20. Und wir hatten Glück. Die Woche hat uns damals rezensiert. Mein Partner Werner Labisch war schon in Berlin, ich noch in Bielefeld. Wir mussten immer alles hin- und herschicken, in der Zeit vor dem Internet. Als ich dann nach Berlin gezogen bin, haben Werner und ich zunächst bei einem Lifestyle-Magazin mitgemacht und gelernt, wie man mit Druckereien umgeht, wie man vermarktet, wie man eine Steuererklärung macht. 1999 haben wir dann wieder angefangen, als wir aus dem Magazin ausschieden und die Büroräume für den Verlag nutzen konnten. Wir wollten auf keinen Fall mehr Geld in den Verlag reinstecken, haben es aber probiert.



Sie sind ja beide keine gelernten Verlagskaufmänner. Gibt es bei Ihnen biographische Verbindungen zur Literatur?

Wir sind beide abgebrochene Literaturstudenten. Mit 20 denkt man über nicht so viel nach. Jetzt sind wir beide 36 und können es einigermaßen. Wir haben neulich eine uralte Diskette mit alten Dokumenten gefunden. Die Buchhaltung darauf ist absolut abenteuerlich: eine Zeile Einnahmen, eine Zeile Ausgaben. Als wir diese Diskette gefunden haben, waren wir berührt, aber gleichzeitig mussten wir auch lachen.

Gab und gibt es Vorbilder im Verlagswesen?

Ja: Antje Kunstmann, die Edition Nautilus, den März Verlag, - wenn man dann die Biografie von Siegfried Unseld liest, identifiziert man sich auch ein bisschen - also eigentlich die klassische linke Verlagsszene der 1970er-Jahre. Die haben zwar nicht alle alles richtig gemacht, aber dennoch. Nehmen Sie zum Beispiel die Gründungsgeschichte des März Verlags. Jörg Schröder hat immer hoch gepokert, manchmal gewonnen, manchmal verloren. Wenn man ihn heute trifft, hat man es mit einem unglaublich lustigen Mann zu tun. Da denkt man sich: Wenn ich so aus der Chose herauskomme und der Verlag läuft nebenher, wäre das doch prima. Es gibt andere aus dieser Zeit, die sehr verbittert sind, die nur über Verluste reden oder wie schön es damals war. Es gibt aber auch Beispiele aus der Gegenwart: Leute, von denen man auch lernen kann, sind Lars Birken-Bertsch und Wolfgang Farkas von Blumenbar oder Michael Zöllner von Tropen. Die arbeiten anders als die Großen. Zöllner hat ja auch ähnlich angefangen wie wir. Er hat im Keller gedruckt, sehr abenteuerliche Geschichte. Unsere Taktik ist: Wir gehen davon aus, dass wir eh kein Geld verdienen.

Und dann kommt die positive Überraschung?

…wenn sie denn kommt. Manchmal bleibt sie eben aus.

Was macht man dann nebenbei für den Lebensunterhalt, wir gehen davon aus, dass Sie nicht vom Verlag allein leben können?

Die klassisch prekären Sachen! Früher Altenpflege, heute als freie Journalisten. Der Verlag gibt uns relativ wenig Geld, dafür aber das Büro und den ganzen Rahmen. Zu Hause zu arbeiten wäre die Hölle. Da kann man immer den Fernseher anmachen, oder man surft im Internet. Im Büro gibt es immer noch jemanden, der einen überwacht. Das Schöne am Büro ist ja auch, dass man wieder gehen kann.

Wie würden Sie selber Ihr Verlagsspektrum beschreiben?

Die blödeste mögliche Antwort auf diese Frage stimmt leider: Wir machen, was wir wollen. Das sagt jeder, aber das ist bei uns auch wirklich so. Wir können mit wenigen verkauften Exemplaren leben. Das dürfen nicht immer 300 sein, es müssen aber auch nicht immer 2000 sein. Deswegen haben wir sehr viel Spielraum. Wir haben die Stadtbücher, die sich ziemlich gut verkaufen, die bringen auch mal das Geld, um andere Titel zu machen und mitzutragen.



Grundsätzlich sind wir ein linker Verlag mit einem Belletristik-schwerpunkt. Wir haben auch ein kleines Kunstprogramm. Dass wir links sind, das schaffen wir eher "ex negativo". Wir sorgen dafür, dass unsere Texte grundsätzlich nicht rassistisch, nicht sexistisch, etc. sind. Und wir haben natürlich einen gewissen Qualitätsanspruch. Schreiben sollten unsere Autoren schon können.

In welchem Verhältnis steht der Inhalt zum Ästhetischen und zum Handwerk des Buchmachens?

Wir müssen uns von unseren Vertretern unserer Bücher wegen manchmal einiges anhören. Wir haben angefangen mit einer relativ reduzierten Ästhetik und haben die Reduktion dann zu einer Linie weitergetrieben. Die Stadtbücher und die Belletristikbücher haben ja schon fast ein Einheitslayout. Wir benutzen keine Sonderfarben, immer nur eine Farbe. Das war am Anfang durchaus eine finanzielle Überlegung. Aber es war uns dann ziemlich schnell klar, dass vier Farben gar nicht mehr kosten. Gerade hat jemand für ein Buch über Buchtitelgestaltung angefragt. Da wird jetzt eine Auswahl unserer Titel abgebildet. Am besten verkauft sich eben ein Buch mit einer spärlich bekleideten Frau und einem Auto aus den 60er Jahren auf dem Cover. Wir möchten das Buch, von dem wir erwarten, dass es sich 3000 Mal verkauft, deshalb nicht besser ausstatten, als das, das wir nur 600 Mal verkaufen, um ein Gleichheitsprinzip einzuführen. Man kann sagen, wir geben unseren Büchern einen Maoanzug, ohne dass wir mit den Maoisten in Verbindung gebracht werden wollen. Aber uns ist dieses Prinzip ganz wichtig.



Außerdem benutzen wir sehr teures Innenpapier. Viele Leute empfinden das als billig, weil sie – ich muss es so hart sagen – Taschenbuch-Klopapier gewohnt sind. Es gibt auch Buchhändler, die noch so tun, als hätten sie davon Ahnung.

Jetzt machen wir gerade eine neue Reihe. Da hat unsere Layouterin mit ihrer linken Hand statt der rechten die Buchstaben geschrieben. Das wirkt dann verzerrt und ist angelegt an Bücher, die in der frühen Sowjetunion unter der Hand reproduziert und verteilt wurden. Wir haben die gesehen, uns gefreut wie Kinder und uns gedacht: So etwas müssten wir auch mal machen. Das erste verkauft sich vielleicht schlecht, aber wenn man das in Reihe sieht, werden die Leute sehr erstaunt sein. Man sieht, dass es einen Grund hat, auch wenn der vielleicht nicht direkt erkennbar ist.

Wie stehen Sie zu neuen Formen der Veröffentlichung, etwa den digitalen Medien?

Es ist komisch: Ich bin 36 und zu alt dafür. Nehmen Sie zum Beispiel mal jetzt.de. Diese Webseite überlastet mich. Das ist mir zu viel, obwohl ich sehr viel online bin. Wir haben ja mit 13ter Stock von Florian Thalhofer und Kolja Mensing einen interaktiven Dokumentarfilm herausgebracht. Der ist sehr interessant, gerade weil er sich immer neu aufbaut und man ihn nicht linear ansehen kann. Im Grunde sind wir aber sehr buchaffin. Wir schleppen ja selber immer wieder Berge von unseren eigenen Büchern ins Büro hinein und aus dem Büro hinaus. Man kann mit uns auch schwer in eine Buchhandlung gehen, wenn man nicht viel Zeit hat oder uns kein Geld leihen will. E-Books werden sich schon durchsetzen, funktionieren aber nicht für mich. Lesen am Bildschirm ermüdet mich.

Wie wichtig ist das Netzwerk für Sie? Welche Vorteile hat es, ein unabhängiger, kleiner Verlag zu sein?

Ich bin immer wieder überrascht, wie klein der Kulturbetrieb ist. Ich war vielleicht vier Mal in München, treffe aber immer Leute, von denen man gar nicht weiß, dass sie in München sind. Es ist ein enger Zirkel, man kennt sich, mag sich aber nicht immer unbedingt, doch man kennt sich. Das wird Ihnen genauso gehen. Daraus ergeben sich die ganze Zeit so Querschüsse, weil auch alles immer prekärer wird. Die Süddeutsche Zeitung und die FAZ stellen ja auch nicht mehr ein, zumindest nicht mehr fürs Leben. Vor Entlassungswellen ist niemand gefeit. Was es aber gibt in unserer Generation, das ist das Netzwerk, und zu dem sind wir gezwungen. Das hat manchmal durchaus etwas Inzesthaftes. Mich stört es schon, wenn man merkt, dass sich die immer gleichen Leute gegenseitig bejubeln. Ein Netzwerk hat natürlich auch sein Gutes, manchmal gewinnen wir dadurch neue Autoren für unsere Anthologien. Wir bemühen uns nicht darum, dass unsere Autoren andere Bücher aus unserem Verlag besprechen, aber immer lässt sich das nicht vermeiden, wenn die halt Fans voneinander sind…

Die Fragen stellten Kerstin Fritzsche und Wenzel Bilger.

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Juli 2006

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