Martin Walser

Martin Walser - Brandung

Helmut Halm ist der Held in Brandung. Er erhält die Chance, in Kalifornien einen alten Studienfreund zu besuchen. Er verunglückt im Pazifik und erhält die Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er verstrickt sich in eine Liebesaffäre mit einer Studentin. In Stuttgart jedoch sind Erbfragen zu klären. Brandung ist die Erzählung eines alternden tragischen Helden, getragen vom burlesken, Walser eigenen Humor.

Brandung

Die Beerdigung im Pragfriedhof ging überraschend leicht über die Bühne. Theater war es ja, wie sie schwarz kostümiert auf die Imponier-Architektur eines babylonischen Niederwalddenkmals zuschritten. Operntreppen hinauf. Drinnen Orgelmusik. Der Sarg wurde in ein putziges Gehäuse geschoben. Vor lauter Blumenberg merkte man es kaum, daß der Sarg nachher fehlte. Und das Sausebrausgeräusch kann sowohl der Orgel als auch der Verbrennung gedient haben. Halm dachte: wahrscheinlich soll man sich bei dieser Art Beerdigung genau die Gedanken machen, die ich mir mache. Er fand jede Art von Beerdigung richtig. Dem Tod gegenüber ist alles richtig. Nachmittags saß man noch mit dem Vater, den Brüdern Franz und Elmar und mit Elmars Frau Gitte. Der Vater wollte nicht ins Haus. Das wußte man. Er hatte vor Jahren einmal zu Halm gesagt, daß er von der Mutter seiner Frau nicht gut behandelt worden sei in diesem Haus. Vater Gottschalk war aus Heslach, ein mittelloser Lehrer, der die Heimbuchertochter geheiratet hatte. Die Heimbuchers hatten zwar keinen Konzern, auch keine Fabrik, auch keinen Metzgerladen, aber sie hatten dieses Haus in der Buowaldstraße. Das war ihr Stolz. Das Landhaus. So hatte es sein Erbauer genannt, der Bäcker Kugel, der das Sillenbucher Bauernbrot geschaffen hat und sich ein Landhaus draußen im Wald hat bauen können. Aber die Tüchtigen waren auch die Heimbuchers nicht, tüchtig waren nur die Gutöhrleins. Der Postsekretär Heimbucher konnte froh sein, eine Gutöhrlein geheiratet zu haben, dadurch kam er zu einem Haus. Der Lehrer Gottschalk konnte froh sein, eine von Gutöhrleins abstammende Heimbucher heiraten zu können, wie anders hätte ein Lehrer, also ein Hungerleider, zu einem Haus und auch noch zu einem Landhaus kommen können. Sabines Vater hatte das Landhaus so bald wie möglich verlassen. Allerdings, die Eigentumswohnung am Hegelplatz, in die er und seine Frau gezogen waren, hatte wieder nicht er verdient, sondern die letzten Endes von den einzig tüchtigen Gutöhrleins abstammende Frau, die sich in Abendkursen zur Steuerhelferin ausgebildet und ein eigenes Büro gegründet hatte. Jetzt war sie also tot. Vater Gottschalk sagte an diesem Nachmittag nur einen Satz, und den zu Sabine, gleich als er, von Franz den steilen Weg herab geleitet, Platz genommen hatte: Warum hast du's mir nicht selber gesagt. Halm wollte die vorwurfsvolle Klage zurückweisen, Sabines Blick hinderte ihn. An ihrem Gesicht sah er, daß sie ihrem Vater recht gab. Sie ging gleich hin zu ihm, legte ihr Gesicht an seine Schulter, so blieben sie eine Zeitlang. Elmar fing von seinem Thema an. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte das elterliche Haus längst verkauft werden müssen. Ein altes, mickriges Haus, aber 2700 Quadratmeter, in Stuttgart-Sillenbuch, Hanglage, im Augenblick allerwenigstens 2 Millionen wert, also 700 000 für jeden. Das sagte er deutlich zum jüngeren Bruder Franz hin, von dem seit langem eine solide Geschäftstätigkeit erwartet wurde.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1985
Aus: Walser, Martin: Brandung / Roman. - Frankfurt am Main: Suhrkamp
1. Aufl., 1985.- 324 S.
ISBN 3-518-03570-3
S. 20f

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