Kulturelle Vielfalt und die Zukunft großer Kultursprachen

„Europas Reichtum beruht ganz wesentlich auf seiner sprachlichen Vielfalt“

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Europa spricht viele Sprachen. Und das soll auch so bleiben, wenn es nach Professor Dr. Gerhard Stickel geht, dem Präsidenten der Europäischen Föderation nationaler Sprachinstitutionen. Wir haben mit ihm über seine Visionen für ein mehrsprachiges Europa gesprochen.

Herr Professor Stickel, als Präsident der Europäischen Föderation nationaler Sprachinstitutionen treten Sie für die Förderung der Sprachenvielfalt in Europa ein. Ist Sprachenvielfalt nicht ein Konzept, das ökonomischen Überlegungen entgegensteht?

Bewahrung und Weiterentwicklung der europäischen Sprachenvielfalt kosten Mühe und Geld. Sie erfordern kostspielige Übersetzer- und Dolmetscherdienste für die Organe der EU und für Handel und Wandel über die vielen Sprachgrenzen in Europa. Hinzu kommt der Fremdsprachenunterricht in den Schulen der Mitgliedsstaaten, der ja auch nicht umsonst zu haben ist. Andererseits sollte man solche Kosten auch nicht dramatisieren. Das gesamte Übersetzer- und Dolmetscherwesen der EU kostet die einzelnen EU-Bürger jährlich knapp zwei Euro. Und etwa soviel gibt die EU auch für die Subvention der Milchkühe in den Mitgliedsstaaten aus.

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Der kulturelle Wert, den die europäische Sprachenvielfalt darstellt, ist überhaupt nicht bezifferbar. Dazu kommt mittelbar auch der Bildungswert des Fremdsprachenlernens. Europa ist nicht besonders reich an Bodenschätzen. Sein eigentlicher Reichtum besteht in seiner kulturellen Vielfalt. Und die beruht ganz wesentlich auf seiner sprachlichen Vielfalt. Die wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen und Traditionen der Europäer sind in ihren verschiedenen Sprachen bewahrt. In einer Einheitssprache würden sie nach und nach verloren gehen. Dass sprachliche Vielfalt den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt eher fördert als behindert, zeigt die europäische Geistesgeschichte. Der Beginn der europäischen Moderne in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur ging einher mit der Emanzipation der „Volkssprachen“ Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Deutsch usw. von der Einheitssprache der mittelalterlichen Eliten Europas, dem Latein. Wie wir wissen, hat die sich damals entwickelnde Vielfalt der europäischen Kultursprachen die Kreativität der Europäer nicht beeinträchtigt, sondern stimuliert.

Die Sprachenvielfalt gilt als ein zentrales Element der europäischen Identität. Aber wäre nicht gerade eine gemeinsame Verkehrssprache für die Bildung einer gemeinsamen Identität förderlich?

Gegen eine Hilfssprache (besser noch zwei oder drei) für kommunikative Notfälle, in denen es keine andere Verständigungsmöglichkeit gibt, ist nichts einzuwenden. Identität hat jedoch stets mit der Unterscheidung des Eigenen vom Anderen zu tun und ist nicht über eine Allerweltssprache zu gewinnen. Ein globalisiertes Englisch (Internationalish, Globish oder McLanguage) wird auch außerhalb Europas als Hilfssprache gebraucht. Es kann deshalb zwar für die erwähnten Notfälle auch in Europa ganz nützlich sein, ist aber zur sprachlichen Förderung einer europäischen Identität wenig geeignet.

Wie schätzen Sie die Rolle von Englisch für die Kommunikation in der Europäischen Union ein?

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von Anja Penner

MP3-Datei, 5:43 Min.
Als alleinige Verkehrssprache in der EU wäre Englisch mit der Gefahr einer Diglossie verbunden, das heißt, einer funktionalen Zweisprachigkeit. Dabei würden irgendwann alle wichtigen Dinge in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nur noch auf Englisch verhandelt. Für die übrigen Sprachen blieben eines schlechten Tages bloß noch die Domänen Familie, Freunde und Folklore übrig. Deshalb sollte auch in den Institutionen der EU auf dem Gebrauch von mehr als einer Arbeitssprache bestanden werden. Mittelbar wird auf diese Weise auch die Situation der „kleineren“ Sprachen wie Estnisch, Maltesisch oder Dänisch günstiger, die als Arbeitssprache weniger in Betracht kommen. Denn Mehrsprachigkeit wird so auf Dauer als normal empfunden und praktiziert.

Welche Rolle sehen Sie in Zukunft für das Englische?

Englisch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf lange Sicht die internationale Hilfs- und Verkehrssprache bleiben. Es wird in dieser Funktion vermutlich noch an Bedeutung gewinnen, zumal in vielen Ländern gerade auch außerhalb Europas der Fremdsprachenunterricht zunehmend auf Englisch reduziert wird.
Als „Allerweltssprache“ wird es sich aber wohl in einer Weise verändern, die den Menschen in den bisherigen englischsprachigen Ländern nicht gefallen kann. Eine Sprache, die von allen gebraucht wird, wird von allen verändert und gehört niemandem mehr.

Ist Ihrer Meinung nach die Sorge berechtigt, dass kleineren Sprachen im europäischen Kontext auf Dauer nur noch die Bedeutung zukommt, die heute den Dialekten zugeschrieben wird?

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Das hängt von den Menschen ab, die diese Sprachen als Erstsprachen erlernt haben und gebrauchen. Es gibt zum Beispiel keinen erkennbaren ökonomischen Grund, warum die Basken noch immer Baskisch sprechen, genauer: wieder mehr Baskisch sprechen, als sie dies während der Franco-Zeit durften. Der einzige Grund scheint zu sein, dass sie ihre Sprache behalten und nutzen wollen und dafür Respekt verlangen. Damit will ich die Basken mit ihren zum Teil schrecklichen Aktionen nicht als sprachpolitische Vorbilder hinstellen. Sie sind für mich lediglich ein Beispiel dafür, dass Sprachentwicklung nicht ausschließlich ökonomisch bedingt ist.

Sie haben einmal geschrieben: „Wer seine eigene Sprache erhalten will, muss auch andere Sprachen lernen.“ Haben Sie den Eindruck, dass die Deutschen genug dafür tun, ihre eigene Sprache zu erhalten?

Sie können und sollen mehr für ihre eigene Sprache tun. Wie die erste PISA-Studie gezeigt hat, lässt gerade auch der Deutschunterricht in den Schulen zu wünschen übrig. Unter anderem müssen Fremdsprachen- und Deutschunterricht stärker auf einander bezogen werden. Es sollte mehr Sprachglossen in den Zeitungen und Fernseh- und Rundfunksendungen geben. (Es gibt zwar einige, aber zu wenig.) Außerdem sollte die staatliche Zuständigkeit für die Landessprache Deutsch nicht noch weiter in die alleinige Kompetenz der Bundesländer übergehen (von denen einzelne sogar damit werben, dass sie alles außer Hochdeutsch können). Die gemeinsame Sprache, auf die neuerdings bei der Einbürgerung so großer Wert gelegt wird, ist keine regionale, sondern eine gesamtstaatliche Angelegenheit. Um einem nahe liegenden Missverständnis vorzubeugen: Es sollte kein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache gemacht werden. Dass sich aber die politischen Bemühungen bisher auf den sprachlich eher nebensächlichen Bereich der Rechtschreibung beschränken, kennzeichnet das geringe gesamtstaatliche Engagement für die deutsche Sprache. Die staatliche Förderung einer zentralen Einrichtung, welche die Aufgaben verschiedener Sprachinstitutionen koordiniert, so wie es der Deutsche Sprachrat versucht, würde zur Stärkung des Deutschen nach innen und außen beitragen.

Die Staats- und Regierungschefs der EU haben 2002 in Barcelona das Ziel „Muttersprache plus zwei Fremdsprachen“ formuliert. Die jüngste Eurobarometer-Studie zu den Sprachkenntnissen der Europäer hat ergeben, dass 44 Prozent der Bürger in den EU-Mitgliedstaaten außer ihrer Muttersprache keine weitere Sprache sprechen. Wie realistisch ist das Ziel „Muttersprache plus zwei“ für alle Europäer? Oder ist das eher ein Konzept für die Eliten?

Es wird immer Menschen geben, die nicht einmal ihre Muttersprache ganz beherrschen. Das Ziel „M+2“ ist jedoch für die allermeisten Menschen erreichbar, wenn damit früh genug begonnen wird. Mehrsprachigkeit ist in vielen Gegenden der Welt völlig normal. Auch in einigen kleineren europäischen Ländern wie Finnland oder Luxemburg ist Zwei- oder Dreisprachigkeit für die meisten Bürger geradezu eine Selbstverständlichkeit.

Nach der Eurobarometer-Studie sprechen 51 Prozent der EU-Bürger Englisch, 32 Prozent können Deutsch und 26 Prozent Französisch. Ist das für Sie ein ermutigendes Ergebnis?

Zu diesen Zahlen ist zu sagen, dass darin die Muttersprachen- und Fremdsprachensprecher zusammengefasst sind. Hinter den 32 Prozent für Deutsch verbirgt sich, dass Deutsch zwar von 18 Prozent der Europäer als Muttersprache, aber nur von 14 Prozent als Fremdsprache gelernt wird. Englisch sprechen dagegen nur 13 Prozent als Muttersprache (das heißt die Briten und Iren), jedoch 38 Prozent als Fremdsprache. Diese Zahlen sind aber nicht entmutigend, wenn man sie mit den Ergebnissen früherer Umfragen des Eurobarometers vergleicht. Wichtig ist, dass das Fremdsprachenlehren und -lernen in Europa sich weiterhin nicht auf das Englische beschränkt.

Was könnte/müsste jeder Einzelne konkret tun, um die Idee der Vielsprachigkeit in der EU zu fördern?

a) Jeder Einzelne sollte bei jeder sich bietenden internationalen Gelegenheit seine eigene Sprache zu verwenden suchen, sofern dies verstanden wird. Deutsche sollten also nicht ihr (oft schlechtes) Englisch anbieten, wenn die Gesprächspartner deutsch verstehen. Sie sollten auch ihre Partner ermutigen, zum Beispiel Italienisch, Spanisch oder Französisch zu sprechen, falls sie selbst etwas von diesen Sprachen verstehen. Überhaupt sollte „Interkomprehension“ mehr geübt werden (wobei jeder seine Sprache spricht und die anderen in deren Sprache versteht).
b) Sprachenlernen wird zwar mit zunehmendem Alter nicht leichter, aber das immer wieder propagierte lebenslange Lernen sollte auch Sprachenlernen umfassen. Wer selbst Mühe mit Fremdsprachen hat, sollte wenigstens seine Kinder und Enkel möglichst früh zum Sprachenlernen ermutigen.

Bitte wagen Sie für uns eine Prognose: Wie wird sich die Sprachenvielfalt in Europa langfristig – also etwa in den nächsten 50 bis 100 Jahren – entwickeln?

Linguistische Prognosen sind so unsicher wie längerfristige Wettervorhersagen, zumal die Sprachentwicklung weniger von sprachlichen als von gesellschaftlichen Faktoren abhängt. Ich kann mir aber für das Europa der Sprachen in 50 bis 100 Jahren zwei Szenarien vorstellen, ein pessimistisches und ein optimistisches. Das pessimistische Szenario: Das Sprachenlernen wird in den kommenden Jahrzehnten immer mehr auf Englisch reduziert. Das Interesse an anderen Sprachen schwindet selbst bei den Menschen, die diese Sprachen als Erstsprachen gelernt haben. Italienisch, Deutsch, Niederländisch und andere europäische Sprachen werden zwar immer noch gesprochen, aber nur noch in der Familie, beim Kartenspielen und auf Volksfesten. Alle wichtigen Angelegenheiten der Arbeitswelt, in Wissenschaft und Politik werden dagegen in einem zunehmend kreolisierten Englisch (einem amerikanischen Englisch mit französischen, deutschen, italienischen usw. Einsprengseln) verhandelt. Auf den britischen Inseln ist die britische Varietät des Englischen zu einem immer seltener gebrauchten Dialekt geworden.

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Das optimistische Szenario: Fast alle Europäer, das heißt wir Deutschen, Italiener, Niederländer, Polen usw. haben uns angestrengt und unsere Kinder dazu gebracht, außer unserer Muttersprache zwei weitere Sprachen gut zu lernen und vielleicht noch weitere wenigstens ein bisschen zu verstehen. Nur die Engländer sind eine Ausnahme. Sie haben sich daran gewöhnt, dass fast alle anderen Menschen mehr oder weniger gut Englisch können. Deshalb haben sie längst aufgehört, andere Sprachen zu lernen. Da sie aber besonnene Leute sind, bemerken sie schließlich, dass ihr Denken und ihre Wahrnehmung auf diese Weise beschränkt geworden sind. In ihrer beharrlichen Einsprachigkeit haben sie nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf die immer komplexer gewordene Welt. Und da sie nicht beschränkt bleiben wollen, lernen sie rasch und intensiv noch wenigstens zwei andere Sprachen und halten auch ihre Kinder dazu an. Und so wird es dann in 50 und 100 Jahren in ganz Europa sprachlich und kulturell wieder (oder immer noch) bunt, reich und kreativ zugehen.
Da ich weder Soziologe, Ökonom noch Prophet bin, kann ich nicht sagen, welche der beiden Projektionen die wahrscheinlichere ist. Lieber ist mir natürlich die zweite.

Dagmar Giersberg
führte das Interview. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut e. V, Online-Redaktion
Mai 2006

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