Kulturelle Vielfalt und die Zukunft großer Kultursprachen

Bas Böttcher: „Ich schreibe Gedichte für die Bühne. Ich bin ein Sprechdichter.“

Bas Böttcher Foto/Copyright: Anika BüssemeierBas Böttcher ist 1974 geboren, hat seinen Wohnsitz in Berlin, ist oft auf Tourneereisen durch die ganze Welt und als reisender Poet bekannt. Er begann seine künstlerische Laufbahn als Musiker mit seiner Gruppe Zentrifugal und wurde einer der bekanntesten Slam- und Rap-Poeten (Spoken Word Poetry) im deutschen Sprachraum.

2004 erschien auch ein Roman von ihm mit dem Titel Megaherz. Jetzt hat der Sprechdichter mit Voland & Quist einen Verlag gefunden, der seinerseits audiophone Qualitäten pflegt und Böttchers Lyrik gleichzeitig in ihrer gesprochenen Form produziert (CD plus Buch). Bas Böttcher ist als Sprachkünstler provokant und interessant, weil sich seine Kunstformen widerspenstig allen Kategorisierungen entziehen. Er baut eine Lyrikbox, stellt auf der Frankfurter Buchmesse eine Textbox für Dichter auf oder konzipiert unter anderem für das Goethe-Institut internationale „Lesungen“, wo er mit projizierten Übersetzungen der gesprochenen Texte und Visualisierungen arbeitet. Derzeit tourt er im Auftrag des „Jahr der Geisteswissenschaften“ durch deutsche Schulen. Was deutlich hervortritt: Bas Böttcher geht es um das gesprochene Wort, um die Bühne, um die sinnlichen Qualitäten der Sprache und um die eigene Kontrolle über das künstlerische Handeln.


Herr Böttcher, Sie sind Anfang der Neunziger Jahre als Musiker und Slam-Poet bekannt geworden. Können Sie sich damit noch identifizieren?

Slam-Poet ist zwar schon richtig, aber der Begriff Slam ist eine Art Einbahnstraße. Im Prinzip kann ja jeder als Slam-Poet auftreten, das ist eine Art Blankoscheck. Da muss man noch einen bestimmten Wert ausfüllen.

Wie würden Sie den Scheck ausfüllen? Wie beschreiben Sie Ihre Kunstform?

Ich schreibe Gedichte für die Bühne. Ich bin ein Sprechdichter, ein Freisprecher - das ist ein Begriff, der sich langsam durchsetzt. Ich schreibe für die Bühne und spreche das Publikum direkt an. Es ist aber keine Improvisation, die Texte werden genau konzipiert, jede Silbe hat ihren Platz, selbst das Atmen ist Teil der Konzeption. Mein Ziel ist ein ästhetisches und populäres Arrangement aus Klang, Rhythmik und Sinn.

Sie wurden als „Rap-Poet“ bezeichnet. Rap kennt man als exklusive Ausdrucksform der Afroamerikaner, als konkrete Absetzung vom weißen Mainstream und von assimilierten Traditionen, etwa dem Jazz. Wovon setzt sich das Freisprechen ab?

Bas Böttcher: 'Dies ist kein Konzert'. Copyright: Verlag Voland & QuistEigentlich schon von der Literatur, die stark von Machtstrukturen durchzogen ist. Es gibt in der Spoken-Word-Situation kein Lektorat, keine Oberkritiker, keinen filternden Betrieb. Meine Texte sind konstruierte Wort-Cluster, die frei und leicht erscheinen sollen. Kulturell gesehen ist das ein zufälliges Treffen über Zeiten hinweg – afroamerikanische Wortkunst trifft europäische Lyrik. Und es ist eine Art Rückkehr – denn diese Lyrik war ursprünglich gesprochen, und auch getanzt. Das Klangliche spielt eine sehr starke Rolle, das Sinnliche insgesamt.

Geht es mehr um Inhalte oder um die Darstellungsformen?

Inhaltlich kann man das nur sehr grob fassen. Mich interessieren neue, poetische Perspektiven auf Bekanntes.

Haben multimediale Potentiale eine besondere Bedeutung für Ihre Kunst?

Technik ist Vermittlungsform, insgesamt kommt mir das eher zweitrangig vor. Es geht ja um Poesie, Poesie ist Low-tech – man braucht im besten Fall dafür einen Stift und Papier, aber trotzdem ist es die höchste Form künstlerischer Komprimierung. Wenn ich im Ausland meine übersetzten Texte an Bühnenwände projiziere, ist das einfach ein erweitertes Instrumentarium. Es geht um Übersetzung. Bei der Text-Box auf der Frankfurter Buchmesse ging es darum, die Lärmquellen der Umgebung auszuschalten, damit der Vortrag hörbar wird. Da muss man manchmal den Umweg über Technik gehen und so nebenbei entsteht etwas Neues.

Sie reisen viel im Ausland, auch für das Goethe-Institut. Haben Sie den Eindruck, dass die deutsche Sprache durch neue Darbietungsformen an Attraktivität gewinnt? Und ein junges internationales Publikum?

Allgemein habe ich schon diesen Eindruck. Auf meiner Tournee durch Weißrussland kamen fast jeden Abend 450 Leute. Lyrik wird sehr interessiert beobachtet, und gesprochene Lyrik ist sehr direkt. Ich komme sehr offensiv an die Zuhörer heran, das beeindruckt.

Sie sind im Projekt „Jahr der Geisteswissenschaften“ ein Botschafter der deutschen Sprache. Wie kommen Sie zu der Ehre?

Man hat mich angesprochen. Ich könnte zu Leuten vermitteln, die ansonsten mit Geisteswissenschaften wenig zu tun haben.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Botschafter der Sprache?

Ich reise nicht unbedingt durch die Welt, um Werbung für Deutsch zu machen. Aber was mir gut gefällt ist die Idee, Klischees abzubauen. Es gibt ja in der Welt noch oft das Klischee vom deutschen „Befehlston“ oder vom hohen akademischen Ton - vielleicht kann ich durch meine Poesie zeigen, dass es da noch etwas anderes gibt.

Literatur:
Böttcher, Bas: Dies ist kein Konzert. Audio-CD mit 28 Seiten Textbuch. Voland & Quist 2006. ISBN: 3-938424-11-7.
Martin Zähringer,
arbeitet als freier Journalist in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Juni 2007

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