„Geben Sie Ihren Dialekt an die Kinder weiter!“
An der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wird derzeit am zweiten Band des Bayerischen Wörterbuchs gearbeitet. Über 25 000 Stichworte fasste allein Band 1. Bis zur Fertigstellung des Lexikons werden noch einige Jahrzehnte ins Land gehen. Warum Dialekte in unserer Gesellschaft so wichtig sind, erklärt im Interview Prof. Anthony Rowley, Dialekt- und Mundart-Forscher aus Leidenschaft und federführender Autor des Bayerischen Wörterbuchs.
Herr Prof. Rowley, Ihr Lebenslauf lässt staunen: Als gebürtiger Brite pflegen und dokumentieren Sie nun die bayerische Sprache. Welche Bedeutung haben Dialekte in ihrem Leben?
Als Nordengländer spreche ich ein regionales Englisch und habe mich immer für Sprachen und besonders für das interessiert, was um mich herum gesprochen wird. Als ich in Regensburg zu studieren anfing, ließ sich nicht ignorieren, dass viele der Studenten Dialekt sprachen. Das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Als Assistent an der Bayreuther Universität war ich Teil einer Arbeitsgruppe, die einen regionalen Dialektatlas konzipierte, und jetzt ist der Wortschatz des Bairischen mein Hauptberuf.
Sie haben aus mehreren Millionen Belegen der bayerischen Mundart das Bayerische Wörterbuch entwickelt, dessen erster Band A - Bazi allein über 25 000 Stichworte umfasst. Bis zum Z ist es noch ein langer Weg. Worin liegt der Reiz und die Motivation bei dieser akribischen Arbeit? Worin liegt die Faszination der bayerischen Sprache?
Im Dialektwortschatz spiegeln sich ja Sachkultur und Alltagsleben wieder. So bringt jedes Wort etwas Neues und Reizendes. Ich habe gerade den Wortartikel „Bier“ fertig gestellt und dabei eine Menge über das Brauwesen und die Bierproduktion überhaupt gelernt, weil ich den Artikel erst dann richtig gliedern kann, wenn ich die sachlichen Hintergründe kenne. Ein anderes Mal ist es die Wortgeschichte eines Reliktworts oder die Vielfalt der mundartlichen Aussprachen, die mich fasziniert.
Nicht nur Sie und die Bayerische Akademie der Wissenschaften arbeiten an einem Wörterbuch, auch in anderen Bundesländern werden regionale Mundarten in Lexika verschriftlicht. Welchen Nutzen bringt diese Archivierung für unsere Gesellschaft?
Wie gesagt, die regionalen Wortschätze sind ein Spiegelbild der regionalen Kulturen. Sprache ist immer Indiz für den Zustand einer Gesellschaft, und so ist die Darstellung des Dialekts unerlässlich für die Darstellung der Region: Dialekt ist der Ausdruck der lokalen oder regionalen Identität schlechthin. Während Sprachhistoriker früher eher den steinigen Weg zur Einheitssprache in den Vordergrund stellten, sieht man heute viel stärker die bis heute anhaltende regionale Vielfalt – die Geschichte Deutschlands ist auch sprachlich keine einzige zielgerichtete Linie. Man kann die Entwicklung der deutschen Sprache nicht verstehen, wenn man sich nicht mit den Regionen befasst.
Forscher sehen Dialekte in Deutschland vom Aussterben bedroht, gleichzeitig sind viele Eltern verunsichert: Dürfen wir mit unseren Kindern überhaupt noch Dialekt sprechen? Auch in den Schulen werden Dialekte höchstens noch in Projekten oder Arbeitsgemeinschaften gepflegt. Wie steht es um den Erhalt der Mundarten und Dialekte in Deutschland?
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Es entstehen also neben – vielerorts auch anstelle von – alten Dialekten neue regionale „Umgangssprachen“. In einem Land, das besser vernetzt ist als jemals zuvor, ist diese Entwicklung aber kaum verwunderlich – auch hier ist Sprache Indiz für den Zustand der Gesellschaft.
Hier in Bayern sind die Dialekte relativ gut erhalten, eine Behandlung ist sogar im Lehrplan der Schulen vorgesehen, aber den Sprachwandel kann man sicher auch im Süden Deutschlands nicht aufhalten, solange der soziale Wandel anhält.
Experten sind sich einig: Die mehrsprachige Erziehung wirkt sich positiv auf die sprachliche Entwicklung aus. Welche Empfehlung geben Sie Eltern bei der Weitergabe des regionalen Dialekts an ihre Kinder? Worin liegen die Vorteile, wenn Jugendliche neben der hochdeutschen Sprache auch einen Dialekt erlernen?
Ich rate: Geben Sie Ihren Dialekt an die Kinder weiter! Wenn erstens der Dialekt die Sprache des Vertrauens innerhalb einer Familie ist, finde ich es ungünstig, eine andere Variante gegenüber den Kindern zu benutzen. Hinzu kommt: Wer daheim Schriftdeutsch von Leuten lernt, die es selbst nicht in allen Situationen gewohnheitsmäßig sprechen, läuft Gefahr, ein besonders holpriges oder hölzernes Deutsch zu erwerben. Ausdruckskraft verleiht eine dialektale Grundlage allemal, man sollte auf diese Ausdruckskraft nicht verzichten.
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Copyright der Audiobeiträge: Deutsches Spracharchiv im Institut für Deutsche Sprache |
Sollten sich Schulen stärker um die Förderung von Dialekten bemühen?
Dort, wo sich die Schüler für das Thema erwärmen können, ja. Da Dialekte ein Teil der Tradition der deutschen Sprache insgesamt sind, wäre der Deutschunterricht die geeignete Stelle dafür. Hier in Bayern bietet das Unterrichtsministerium den Schulen sogar Unterrichtshilfen dazu an.
Dialekte werden von Comedians oft genutzt, um regionale Eigenarten der Menschen sprachlich verstärkt darstellen zu können. So entstehen Klischees vom bedächtigen Hessen, vom derben Bayern, vom kühlen Hanseaten. Haben Dialekte tatsächlich die Kraft, Menschen mit landestypischen Eigenarten zu versehen? Wie weit trägt der Dialekt zur regionalen Identität bei?
Die Klischees waren schon vor den Comedians da. Vorurteile braucht der Mensch, weil wir uns nicht über alles objektive Urteile bilden können. Solche Klischees sind eine weltweit bekannte Erscheinung. An dem auffälligsten Merkmal der Region – und das ist ja der Dialekt – hängt man die Vorurteile auf. Dabei wird die Bewertung der Region auf die Sprache übertragen – Bairisch als Sprache eines Urlaubslandes eher schön, Sächsisch als Sprache eines ehemaligen Industriegebietes eher hässlich, wenn man den Umfragen Glauben schenken will. (Ich mache diese Einschränkung, weil ich selbst als anderswo Aufgewachsener alle Dialekte gleich schön finde.) Zur letzten Frage: Dialekte sind das Merkmal schlechthin der regionalen Identität, der „symbolischen Ortszugehörigkeit“, wie ein Kulturgeograph es einmal genannt hat.
Wie schätzen Sie die Wirkungskraft von Dialekten im Berufsleben ein: Kann ein Bayer mit starkem Dialekt auch im Norden Deutschlands beruflich Karriere machen? Wie wichtig ist das Beherrschen der Hochsprache tatsächlich in Deutschland?
Wenn er gut ist, kann ein Bayer im Norden Deutschlands Karriere machen und sogar ein Norddeutscher in Bayern.
Der Dialekt prägt natürlich schon den ersten Eindruck, den ein Mensch macht, sobald er seinen Mund aufmacht. Aber wenn dieser Eindruck alles andere übertönen sollte (was hoffentlich nur bei besonders voreingenommenen Sturköpfen der Fall sein wird), wäre der Gesprächspartner schuld, der seinen Vorurteilen gleich freien Lauf lässt, ohne sich auch ein objektives Urteil über den ganzen Menschen zu bilden. Hochsprache und regionale Sprachen sind in Deutschland beide wichtig, darum sollte die Spracherziehung auch auf das Thema der Dialektvielfalt eingehen. Allerdings dürften die Situationen, in denen reinstes Hochdeutsch gesprochen werden muss, im Alltag der Bevölkerungsmehrheit eher selten sein. Es gibt ja sogar ein wirtschaftlich recht erfolgreiches Bundesland, das von sich behauptet, alles zu können - außer Hochdeutsch.
Wie ist das Verhältnis von Hochsprache zu Dialekt in anderen europäischen Ländern? Sind die Deutschen bei Dialekten und Mundarten gelassener als ihre europäischen Nachbarn? In England beispielsweise fürchten viele um den Verlust der „Received Pronunciation“ (Standard Englisch). Besonders das Estuary Englisch(ein Akzent aus dem Südosten des Landes), welches auch von Politikern und Prominenten gesprochen wird, gilt hier als „Unterklasseakzent“, als vulgär und schmutzig.
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Zurück zum Bayerischen Wörterbuch: Welches Wort beschäftigt Sie gerade?
Ich habe gerade den Wortartikel „Biest“ geschrieben: Der Biest ist die erste Milch einer Kuh nach dem Kalben, so dick, dass man es mancherorts dem Kälbchen nicht gönnt, sondern daraus besondere Speisen zubereitet – für die Menschen. Als Nächstes kommt die Wortgruppe um das Verb „bieten“ dran.
Herr Prof. Rowley, vielen Dank für das Interview. Als Norddeutsche würde ich jetzt auf Plattdeutsch sagen: „Ick bin di dankbor för dat goote gespreek. Hol di gaut un stöt di nich vörn Fout.“
Ich sag auch: „Vergelt’s Gott und pfiat Eahna.“
Prof. Anthony Rowley ist Leiter der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München.
Geboren und aufgewachsen im nordenglischen Yorkshire, zog er in den 1970er-Jahren nach Deutschland. Seit 1988 arbeitet Rowley am Bayerischen Wörterbuch und doziert als Dialektforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
| Literatur zum Thema
Kommission für Mundartforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Bayerisches Wörterbuch, Band 1. A - Bazi. Oldenbourg-Verlag 2002, 812 Seiten. ISBN: 3-486-56629-6 |
führte das Interview. Sie ist freie Journalistin.
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Mai 2006

















