Mehrsprachigkeit & Identität

Jiddische Wörter in der deutschen Sprache

Maloche, Schlamassel, meschugge – bei einigen Wörtern ist uns die Verbindung zur jüdischen Kultur mit ihren Sprachen Jiddisch und Hebräisch bewusst, bei der „Mischpoche“ etwa, der „Chuzpe“, oder wenn uns etwas nicht ganz „koscher“ vorkommt. Bei anderen nehmen wir dies kaum noch wahr, beim „Malocher“ aus dem Ruhrpott zum Beispiel, bei der „Macke“, die jemand hat, beim „miesen“ Wetter, beim „Schmusekurs“ der Regierung oder beim Nachbarn, der gut „betucht“ ist.

1.100 Wörter jiddischer Herkunft hat der Sprachwissenschaftler Hans Peter Althaus in seinem Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft zusammengetragen, darunter alte Bekannte wie der „Großkotz“ oder das „Schmiere stehen“, aber auch solche im Deutschen exotisch anmahnenden wie „Machascheife“ („Hexe“) oder „Besomenbüchse“ („Riechsalzdose“, „Parfümflasche“), die lediglich in einigen deutschen Dialekten, Fach- oder Geheimsprachen vorkommen.

Entwicklung des Jiddischen

Was tun solche Wörter im Deutschen? Um diese Frage zu beantworten muss man sich die deutsche Sprachgeschichte des Mittelalters genauer ansehen. Denn es gab nicht nur in Osteuropa, sondern auch im deutschen Sprachgebiet Juden, die Jiddisch sprachen. Die Sprache entstand vor ungefähr 1000 Jahren aus althochdeutschen Varietäten, vermutlich entweder in der Gegend um Speyer und Worms am Rhein oder um Regensburg an der Donau. Die mittelalterlichen Juden legten den Grundstein für die Entwicklung des Jiddischen, indem sie die gesprochenen Sprachen ihrer Umgebung aufgriffen, mit hebräischen Elementen versahen, Entlehnungen aus romanischen Sprachen integrierten und durch überregionale Kontakte verschiedene Merkmale althochdeutscher Dialekte mischten.

Spätesten ab 1500 kann man das Jiddische als eine vom Deutschen zu unterscheidende Sprache betrachten. Jiddisch diente als gesprochene Sprache in der traditionellen jüdischen Gesellschaft der Aschkenasim, der „deutschen“ Juden, wie sie sich selbst nannten. Zusätzlich lernte jeder jüdische Knabe seit früher Kindheit Hebräisch, um durch Gebet, Gesang, Kenntnis und Kommentieren der heiligen Schriften seine Religion praktizieren zu können. Hebräisch war außerdem die Sprache der Rechtsprechung und der gelehrten Korrespondenz. Für die Mädchen und Frauen wurden Gebet- und Erbauungsbücher und auch schon einmal Unterhaltungsliteratur auf Jiddisch verfasst.

Geheimsprache der Vaganten als Vehikel

Trotz Diskriminierung, Verfolgung, Ausweisungen und oft genug Pogromen lebte eine jüdische Minderheit durch die Jahrhunderte hindurch auf deutschem Sprachgebiet, und auch wenn die Kontakte zu den christlichen Nachbarn zeitweise sporadisch gewesen sein mögen, so hat es sie doch gegeben. Juden, denen in den meisten Staaten und Kleinstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Landbesitz und Mitgliedschaft in den Handwerkszünften verwehrt war, verdienten ihren Lebensunterhalt traditionell im Geldverleih und im Handel, und in diesen Zusammenhängen kam es zu sprachlichem Kontakt mit der christlichen Mehrheit. Oft wird das „Rotwelsche“, die Geheimsprache der Vaganten, als das Vehikel beschrieben, durch das jiddische Wörter in die deutsche Sprache einflossen.

Zu den obdach- und heimatlos gewordenen Gruppen von Außenseitern, die seit dem ausgehenden Mittelalter auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten, nicht immer legaler Art, die Lande durchstreiften, gehörten durchaus auch Juden. Und tatsächlich bediente sich das „Rotwelsche“ unter anderem einiger Ausdrücke hebräischen Ursprungs. Die Rolle, die ihm bei der Entlehnung jiddischer oder hebräischer Wörter beigemessen wurde, wird jedoch vermutlich weit überschätzt. Viel wahrscheinlicher ist, dass die jiddischen Worte durch Alltagskontakte mit jüdischen Händlern und Schlachtern, den vorherrschenden Berufen unter den Landjuden, herrühren. Diese Berufsgruppen hatten zudem Fachsprachen entwickelt, die Anleihen vor allem bei der hebräischen Komponente des Jiddischen machten. In den Städten gab es auch nach dem Ende der jüdischen Ghettos Kontakt mit Jiddischsprechern. Wenn auch das Jiddische im Westen seit der Aufklärung zunehmend an Boden verlor, so gab es in Großstädten wie Berlin seit dem Ende 19. Jahrhundert Gruppen ostjüdisch-sprachiger Immigranten. In Osteuropa hatte sich seit dem Mittelalter die Sprache der aus deutschen Gebieten eingewanderten Juden zu einer äußerst vitalen Kultursprache entwickelt.

Verwendung jiddischer Worte im Deutschen

Wie wurden und werden jiddischstämmige Worte – die meisten aus der hebräischen Komponente der jiddischen Sprache – im Deutschen verwendet? Deutsche Schriftsteller des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts charakterisierten jüdische Figuren – oft in antisemitischer Absicht – manchmal über ihre sprachlichen Eigenheiten, also durch lexikalische oder grammatische Merkmale des Jiddischen. Die jiddischen Wörter waren demzufolge als solche bekannt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden jiddische Worte zu antisemitischer Propaganda eingesetzt oder durften nicht benutzt werden, mit dem Erfolg, dass sie den Nachkriegsgenerationen zum Teil unbekannt waren oder dass die vor dem Krieg bekannten Konnotationen kaum noch existierten. Seit den 80er Jahren erfreut sich eine Handvoll jiddischer Worte wieder zunehmender Beliebtheit und ist heute fester Bestandteil vor allem der Zeitungssprache.

Ein Beispiel, zitiert nach Hans Peter Althaus’ Buch Zocker, Zoff und Zores, das 2002 im Beck-Verlag erschien: „Kneipenzoff endete in blutigem Zweikampf in der Saarstraße”. Bemerkenswert und bei Althaus nachzulesen ist die durchaus unterschiedliche Geschichte einzelner jiddischer Wörter und ihrer Bedeutung im Deutschen. Lesen Sie die ruhig einmal nach, wenn man „Tacheles“ mit Ihnen geredet hat, wenn Sie „angeschickert“ nach Hause gekommen sind oder ein „Ganove“ Ihnen zu Leibe rücken wollte.

Literatur:
  • Hans Peter Althaus: Zocker, Zoff und Zores, C. H. Beck Verlag, München 2002.
  • Hans Peter Althaus: Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft, C. H. Beck Verlag, München 2003.
  • Hans Peter Althaus: Chuzpe, Schmus und Tacheles, C. H. Beck Verlag, München 2004.

Dr. Gertrud Reershemius,
ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Aston University in Birmingham (UK).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2006

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Mitveranstalter

„Stifterverband

Projekt im „Jahr der Geisteswissenschaften“
Jahr