Sprachwandel & -politik

„Rede ist Führung, und Führung ist immer Kampf um Gefolgschaft“

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Wie viel Einfluss muss man eigentlich politischen Redenschreibern zumessen? Wir haben darüber mit Dr. Thilo von Trotha, dem ehemaligen Redenschreiber von Helmut Schmidt, gesprochen.

Herr von Trotha, Sie haben jahrelang politische Reden geschrieben – etwa für Helmut Schmidt. Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben, das damals zwischen dem Kanzler und Ihnen bestand?

Helmut Schmidt ist ja ein sehr distanzierter Hamburger, und das war auch während dieser Redenschreiberzeit so. Ich habe sechs Jahre lang für ihn Reden geschrieben, aber dabei mit Sicherheit nicht auf seinem Schoß gesessen. Auf der anderen Seite bin ich bei der Vorbereitung vieler seiner Reden dabei gewesen. Es war kein wahnsinnig enges Verhältnis im Sinne eines permanenten Gedankenaustausches. Aber wir haben jeden Monat viele Stunden zusammen gearbeitet.

Wie fließt die Persönlichkeit des Redners in eine Rede ein, wenn ein anderer für ihn schreibt?

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Anfänger versuchen, sich in die Person des Redners hineinzuvertiefen und sie dann widerzuspiegeln. Ich halte davon nicht viel, weil das auf Dauer auch den eigenen Charakter verbiegt. Wenn ich eine Rede schreibe, dann schlüpfe ich in die Rolle des Redners. Ich stelle mich sozusagen in seine Schuhe und sehe das Publikum durch seine Brille. Ich bringe meine Persönlichkeit, meine Sicht der Dinge – natürlich in Kenntnis der Position des Redners und dessen, was ich von ihm weiß – in die Rede hinein. Aber im Prinzip schreibe ich das, was ich selber sagen würde, wenn ich seine Position innehätte.

Zur Wirkung der Rede gibt es eine Reihe von Untersuchungen – auch vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache. Eigentlich sind sich alle darüber im Klaren, dass der Vortrag für die Wirkung der Rede ausschlaggebend ist. Da ist natürlich die Persönlichkeit des Redners gefragt.

Kein vernünftiger Redner wird sich von seinem Redenschreiber manipulieren lassen. Helmut Schmidt hat sich damals bei mir als jungem Mann Anregungen geholt, hat sich Fakten sortieren und ordentlich aufbereiten lassen. Aber dann hat er die Rede, die ich geschrieben habe, als seine eigene vorgetragen.
Die Rede ist die Rede des Redners, auch wenn er sich Teile oder die ganze Rede von einem anderen vorformulieren lässt. Der Redner liest die Rede durch. Wenn ihm Passagen gefallen, dann einzig und allein deswegen, weil sie seine Meinung widerspiegeln. Passagen, die ihm nicht gefallen, wird er streichen oder umformulieren. So kommt die Persönlichkeit des Redners in die Rede.

Hatten Sie als Redenschreiber des Bundeskanzlers das Gefühl, auch inhaltlich – als Ideengeber oder Berater – Einfluss nehmen zu können?

In bescheidenen Grenzen: ja.

Inwiefern?

Helmut Schmidt hat sich zum Beispiel relativ schwer getan im Umgang mit jungen Leuten. Als er 1974 bis 1982 Kanzler war, spielte der jugendliche Einfluss auf die Politik, auf das gesamte gesellschaftliche Leben, eine sehr starke Rolle. Er hat sich aber mit diesen – ich nenne es jetzt mal etwas übertrieben – Brauseköpfen sehr schwer getan. Ihre Ideen wollten seinen hamburgerischen Vernunftvorstellungen nicht recht entsprechen. Ich habe immer versucht, eine Brücke zwischen ihm und dem jugendlichen Verständnis, den jugendlichen Empfindungen zu schlagen.

Wann ist eine politische Rede gut? Wenn sie dem Redner dazu verhilft, Macht zu erwerben oder zu erhalten?

Eine Rede ist dann gut, wenn sie dem Publikum deutlich macht, was der Redner will. Rede ist Führung. Führung ist immer auf die Zukunft gerichtet, Führung ist immer Kampf um Köpfe, um Gefolgschaft – und das ist zugleich auch Machterwerb. Ein Politiker, dem es gelingt, sein Publikum von der Richtigkeit seines Wollens und seiner Ziele zu überzeugen und die Zuhörer somit zu seinen Gefolgsleuten zu machen, der hat erstens eine gute Rede gehalten und zweitens Einfluss – also Macht – gewonnen.

Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Uwe Pörksen hat in seinem Buch Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede großen politischen Reden die Kraft zugesprochen, die politische Lage verändern zu können, weil sie die Wahrnehmung der politischen Herausforderungen verändern. Stimmen Sie ihm zu?

Also, ich weiß nicht. Das gibt es in der Geschichte ganz, ganz, ganz selten. Die Rede leistet einen Beitrag zur öffentlichen Debatte in einer Demokratie, aber sie verändert dadurch die Lage nicht grundsätzlich.
Nehmen Sie zum Beispiel die berühmte Agenda 2010-Rede, die Bundeskanzler Gerhard Schröder am 14. März 2003 gehalten hat. Diese Rede war vollkommen unverständlich, voller Details, die kein Mensch verstehen konnte. Trotzdem hat sie eine Politik eingeleitet, die in der Öffentlichkeit als eine Reformpolitik verstanden wird. Die Rede selbst hat das nicht bewirkt, sie war nur ein Signal. Das gilt selbst für die berühmte Ruck-Rede von Bundespräsident Roman Herzog: Meine Güte, wie oft ist die zitiert worden – aber bewirkt hat sie gar nichts. In normalen Zeiten kann eine Rede eben die Welt nicht verändern. Umgekehrt: Eine Lage, die durch eine einzige Rede grundsätzlich zu ändern wäre, ist keine gute, keine stabile Lage.

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Der Philosoph Hermann Lübbe hat im Mai 2006 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Kanzlerin Angela Merkel im Zusammenhang mit dem Begriff "Kopfpauschale" kritisiert. "Sie hätte das Wort niemals in Umlauf bringen dürfen", hieß es da, "denn damit hatte sie ihrer richtigen Idee – die einer allgemeinen Versicherungspflicht der Bürger – den größten möglichen Schaden zugefügt. Es war ein kapitaler Fehler, dass sie bei ihrer Wortwahl das schöne Wort 'Bürger' links liegengelassen hat." Funktioniert das Ihrer Meinung nach auch umgekehrt – dass also ein schlechtes Konzept wegen eines brillanten Begriffs dafür reüssiert?

In unserer Sprache sind "Nebel- und Lügenworte", Euphemismen, also Worte, die etwas anderes vorspiegeln, als sie eigentlich beinhalten, ganz weit verbreitet. Ein Beispiel ist das Wort "Entsorgungspark". Das klingt gut: Die Sorgen verschwinden, das Grün ist herrlich und schön. Wer könnte dagegen sein? Wer aber weiß, es handelt sich um eine Deponie für Atommüll, mag den Sachverhalt völlig anders beurteilen. So ging es mir mit dem Wort "Gummigeschoss", auf das ich jahrelang reingefallen bin. Ich dachte immer, das ist eine Art Flummi. Dabei handelt es sich um Metall mit einem hauchdünnen Plastikbezug.
Schöne Wörter nehmen unangenehmen Tatbeständen die Härte. Unsere Sprache ist voll von Beschönigungen. Die "Kopfpauschale" war hingegen eine Entschönigung. Man denkt sofort an Kopfgeld und an der Kriminalistik entnommene Zusammenhänge. Ein sehr ungeschicktes Wort, das dem in der Tat vernünftigeren Anliegen der Gesundheitsreform überhaupt nicht gut tut.

Hat die Bedeutung, die das gesprochene Wort für die Selbstdarstellung eines Politikers hat, in den letzten Jahrzehnten abgenommen – gegenüber der visuellen Inszenierung?

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Die Kraft des Visuellen hat mit der Fernsehgesellschaft zugenommen. Aber: Ich glaube nicht, dass der Sinn des gesprochenen Wortes vollkommen verloren geht. Es mag Augenblicke geben, in denen das Wort zurücktritt. Aber im Prinzip ist der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen. Vernunft kommt durch den Sinn der Worte zustande. Das kluge – wie übrigens auch das dumme – Wort schafft Realitäten, nicht jedoch allein der optische Eindruck.

Kann man als Redenschreiber eigentlich Rednern entspannt zuhören? Oder anders gefragt: Hören Sie berufsbedingt anders zu?

Ich höre ganz entspannt zu. Ich merke, dass es Hunderte von Arten gibt, eine Rede interessant und erfolgreich zu machen.
Mich stört zum Beispiel ein "äh" in der Rede überhaupt nicht. Ich habe großartige Reden mit vielen "ähs" gehört und grauenhafte ohne ein einziges "äh". Und: Sich einmal zu versprechen, ist auch nicht schlimm – wenn der Redner nicht gerade das Gegenteil von dem ausdrückt, was er ursprünglich sagen wollte. Es ist auch nicht schlimm, ein bisschen Unsicherheit auszustrahlen – es sei denn, der Redner hält gerade eine aggressive Überzeugungsrede.
Es gibt sehr viele Varianten, eine Rede gut zu machen. Ich höre mir das mit größtem Vergnügen, aber ohne Professionalität an. Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich eine neue Variante erlebe – und sage mir: Schau an, das geht eben auch.

Der Beruf des Redenschreibers ist nicht unbedingt etwas für eitle Menschen, denn den Ruhm erntet ja meist derjenige, der die Rede hält. Was zeichnet einen guten Redenschreiber aus?

Diskretion, Einfühlungsvermögen, mangelnde Eitelkeit, eine Verbindung zur Wahrhaftigkeit, Freude an der Sprache und Literatur, Fantasie, Lebendigkeit, Flexibilität – das sind vielleicht die Hauptelemente.

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Thilo von Trotha, 1940 in Gera geboren, ist promovierter Jurist und Redenschreiber. Nach dem zweiten Staatsexamen war er persönlicher Referent eines Staatssekretärs in einem Bonner Ministerium. 1974 wurde er ins Kanzleramt berufen und schrieb sechs Jahre lang Reden für den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Seit 1980 arbeitet er als freier Redenschreiber und hat seither mehr als 2000 Reden für Führungskräfte aus Industrie und Wirtschaft verfasst. Er ist Ehrenpräsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Redekultur zu verbessern und einen Markt für das Redenschreiben im deutschsprachigen Raum aufzubauen. 1998 gründete von Trotha in Weimar die Akademie für RedenSchreiben, 2005 die Stiftung Redekultur.

Dagmar Giersberg
führte das Interview. Sie ist freie Publizistin in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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August 2006

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