Sprachwandel & -politik

Kultursprachen – Bemerkungen zur herrschenden Sprachenlage

Flaggenballons
Was macht eine moderne Sprache aus? Wie auf allen Märkten gibt es auch auf dem Markt für Sprachen Angebote unterschiedlicher Art. Mit seiner Muttersprache hat man normalerweise keine Wahl, aber wenn man die Wahl hat, dann gibt es in der heutigen Welt eine nicht allzu große Gruppe von Sprachen, die sich insgesamt für die verschiedenen Ansprüche als brauchbar erwiesen haben. Die größeren europäischen Sprachen gehören alle zu diesem Typ, auch das Deutsche.

Auch Sprachen, die im Prinzip diese Anforderungen erfüllen, haben erkennbar einen unterschiedlichen Geltungsbereich und verschiedene Gebrauchsschwerpunkte. So hatte das Deutsche im 19. Jahrhundert einen herausgehobenen Ruf als Sprache der Wissenschaft, das Französische als Sprache der Diplomatie. Der Aufstieg des Englischen als internationale Verkehrssprache hat die Stellung der anderen Sprachen in dieser Hinsicht deutlich verändert. Aber was sind die Voraussetzungen, zum Club der modernen Sprachen zu gehören?

Sprachen sind vergleichbar

Prof. Eichinger

Für den Linguisten und für das Kind, das ohne weiteres seine Muttersprache lernt, sind alle Sprachen gleich gut. Sie haben alle das, was man von einer Sprache erwarten kann. Und das gilt auch ganz unabhängig davon, ob es sich um Sprachformen handelt, die wir gemeinhin als Sprachen bezeichnen, oder um Dialekte. Es ist nicht so, dass sich die Sprachen danach unterscheiden ließen, ob sie von Haus aus besser oder schlechter dazu geeignet wären, sich den Aufgaben zu stellen, deren Erfüllung man mit Fug und Recht von einer Sprache erwartet. Auch Sprachen, die uns Europäern fremd erscheinende Techniken benutzen – etwa große Zahlen schwer überschaubar wirkender grammatischer Kategorien wie die afrikanischen Klassensprachen - erfüllen diese Anforderungen ebenso, wie unsere europäischen Sprachen, auf die auch unsere grammatischen Beschreibungen in erster Linie ausgerichtet sind. Offenbar sind Sprachen aber dennoch nicht gleich, sondern stellen unterschiedliche Ausformungen dessen dar, was wir eine Sprache nennen. Und auch hier gibt es welche, die sich aus verschiedenen Gründen ähnlicher sind als andere: nicht umsonst spricht man von Sprachfamilien. Seit die Vielfalt der Sprachen in den Blick geraten ist, wird daher versucht, in die strukturellen Unterschiede ein typologisches System zu bringen. Was Europa und den von ihm historisch beeinflussten kulturellen Raum angeht, so kann man an dieser Stelle sogar feststellen, dass sie sich ähnlicher geworden sind, als man das von ihrer genetischen Art her vermuten würde.

Sprachen sind unvergleichlich

Mit allen Sprachen kann man sich in der Welt zurechtfinden, in der sie zu Hause sind. Die Welt, in der Sprachen zu Hause sind, ist aber nicht nur nicht gleich, sondern geradezu unvergleichlich. Der sprachliche Austausch in kleinen, in vielerlei Weise eng miteinander verknüpften Gruppen, der zudem kaum auf schriftlichen Austausch angewiesen ist, mag in mancherlei Hinsicht als die „dialogische“ Grundkonstellation gelten, von der wesentliche Merkmale von Sprache und Sprachen geprägt werden. Von daher kann man ganz grundsätzliche Dinge ableiten. Zum Beispiel, dass in irgendeiner Weise auf die beiden Partner des Dialogs und das, worüber geredet wird, systematisch Bezug genommen werden kann, was sich etwa im System der Personalpronomina oder entsprechender Flexionsendungen niederschlägt.

Sprachen, die das Bild der heutigen Welt prägen, sind unterschiedlich weit, aber weit davon entfernt, mit diesem Bild einer vermeintlich natürlichen Kommunikation angemessen beschrieben werden zu können. So haben wir auch nicht zu Unrecht das Gefühl, Sprachen wie das Deutsche bestünden eigentlich aus einer Menge von sprachähnlichen Erscheinungen, die miteinander das Bild einer Sprache prägen. Diese Kultursprachen haben in dieser Hinsicht die Gemeinsamkeit, dass sie eine eigene schriftsprachliche Form entwickelt haben, neben der in unterschiedlicher Funktion gesprochene Varianten stehen.

Sprachen haben ihren eigenen Charakter

Bei einem so gearteten Blick auf unsere Sprachen fällt auf, dass die Unterschiede nicht hinreichend erfasst sind, wenn sie als unterschiedliche Ausprägungen sprachlicher Systeme beschrieben werden. Und diese Art der Beschreibung reicht auch nicht, weil sie verschiedenen Zwecken unterliegt. Wie „Sprachen“ eingeschätzt werden, hängt nämlich nicht nur davon ab, welche strukturellen Eigenheiten sie haben und in welchen Kontexten sie sinnvoll genutzt werden. Vielmehr werden sie als soziale Symbole eingeschätzt; sie unterliegen der Einordnung in ein Normengefüge, das seinen Wert nur behält, wenn es in vertretbarem Ausmaß geteilten gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. Und so machen wir traditionell Unterscheidungen, die jeweils verschiedene Aspekte dieses Gefüges aufnehmen. Welche Rolle dabei Fragen der Deutungsmacht und ihrer realen Voraussetzungen spielen, lässt sich an der gern zitierten Äußerung ablesen, dass Sprachen Dialekte mit einer Armee und einer Flotte seien. Dass diese die Objektivität solcher Termini relativierende Äußerung ursprünglich auf Jiddisch formuliert wurde, passt zweifellos zum beschriebenen Sachverhalt: „A shprakh iz a diyalekt mit an armey un a flot".

Moderne Charaktere

Sind dann Sprachen, die ein der Moderne angepasstes Wesen zeigen, einfach die Sprachen mit den größeren Armeen und Flotten? Ja und nein: natürlich spielt es eine Rolle, wie der muttersprachliche Hintergrund einer Sprache aussieht. So ist es sicherlich mehr als Zufall, dass das Lateinische, das Französische und das Englische ihre Bedeutung jeweils aus historischen Konstellationen bezogen, hinter denen wohl gleichsam äußere Macht und intellektuelle Kraft standen. Der Vergleich der heutigen Situation mit den früheren Verhältnissen hinkt allerdings erheblich. Im Unterschied zu dem kulturellen Umfeld, in dem die beiden genannten früheren Sprachen den Höhepunkt ihrer Geltung erreichten, ist in der Zwischenzeit etwas geschehen, was einer größeren Zahl von Sprachen die gleichen Möglichkeiten eröffnen würde. Die Emanzipation der (europäischen) Volkssprachen und ihre Festigung als Nationalsprachen spiegelt die zunehmende Teilnahme ihrer Sprecher am öffentlichen Diskurs. Für den zentralen europäischen Raum und seine Sprachen vom Italienischen bis zum Schwedischen und vom Portugiesischen bis zum Russischen ist dieser Zustand bis hin zum Ende des 19. Jahrhunderts hin abgeschlossen.

Notwendige Erfahrungen

Austausch

Solche Erfahrungen haben jene Sprachen gemacht, die man als „Kultursprachen des europäischen Typs“ bezeichnen könnte. So lässt sich als eine der Voraussetzungen für „moderne“ Sprachen festhalten, dass sie den unbestrittenen Status von Nationalsprachen haben sollten. Nationalsprachen haben eine weitgehend normierte oder zumindest gut beschriebene und tradierte schriftliche Form. Diese Eigenschaft sichert nicht nur die Lernbarkeit einer Sprache, sie ist auch ein Garant dafür, dass die wichtigen Dinge unserer Welt in dieser Sprache schon besprochen worden sind. Es muss sich daher nicht um eine Art von Schreiben handeln, das mit verschiedensten Sachverhalten in verschiedensten Stilen fertig werden kann. Am besten ist dieses Kriterium von den großen Sprachen des europäischen Typs erfüllt worden, die mit der Entfaltung einer Welt von gedruckten Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und dergleichen selbst groß geworden sind. Doch was bei dieser Entwicklung nebenher geschehen ist, ist nicht weniger wichtig: Beiläufig sind den großen Sprachen auf diesem Wege geteilte Traditionen des Sprechens und ein im gegenseitigen Austausch entwickelter gemeinsamer Wortschatz zugekommen. Das zeigt sich am deutlichsten in dem Teil des Bildungswortschatzes, der uns eine Vielzahl wissenschaftlicher und fachlicher Phänomene in der Form lateinisch-griechisch wirkender Wörter in den verschiedenen Sprachen nahe bringt, von „Hypersensualismus“ bis „Diskothek“. Zur Erlangung eines adäquaten Grades von Modernität war auch wichtig, dass es in all diesen Fällen gelungen ist, praktisch alle Muttersprachler an der Lese- und dann auch Schreibfähigkeit in der eigenen Sprache in angemessener Weise zu beteiligen. Die Untersuchungen zu Briefen, die deutsche Auswanderer im 19. Jahrhundert in die Heimat gesandt haben, zeigt deutlich, welch langer, mühseliger und mäandernder Weg dabei zurückgelegt wurde. Die andere Seite dieser Entwicklung ist, dass solche Sprachen eine der schriftlichen Form in weitem Umfang entsprechende, vereinheitlichende Sprechform gefunden haben. Ob dazu im Einzelnen die Sprachform einer dominanten Schicht oder Region (wie in England oder Frankreich) oder eine Art Kompromissform gewählt wird, die einem bildungsbürgerlichen Konsens entstammt (wie eher im Deutschen), ist zweitrangig. Diese Sprachform sollte zudem ihren problemlosen Platz in den Medien haben – und zwar für Themen aller Art.

Ein neues Problem

Medienprägung

Um alle diese Anforderungen zu erfüllen, braucht es aber eine größere Gruppe an Menschen, die eine Sprache als Muttersprache teilen, und es braucht ein gewisses Maß an Ausgreifen dieser Sprachen in großräumigere Zusammenhänge. Das ist das Problem von Minderheitensprachen, bei denen man sich recht häufig dazu gebracht sieht, außerhalb eines engeren Alltags auf eine größere Sprache zurückzugreifen. Zum Beispiel im Sorbischen, bei dem es ja nicht einmal an schriftsprachlichen Traditionen fehlt. Gab es aufgrund dieses Zusammenspiels von Faktoren Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts einen im Prinzip gleichwertigen, wenn auch in der Größe variierenden, Anteil an „Minderheitensprachen“ an einem nationenübergreifenden Sprachenmarkt, so hat sich dies heute geändert. Aus verschiedenen Gründen ist das damals alle Schichten prägende Modell der Mehrsprachigkeit in den größeren europäischen Sprachen nicht mehr zeitgemäß.
An die Stelle eines einigermaßen eurozentrischen Modells von Eliten, deren Mehrsprachigkeit sich auf einige dieser Kultursprachen bezog, ist ein Modell mit einer Muttersprachebene und einem internationalen Englisch getreten. Das hat damit zu tun, dass es nicht mehr nur um den geographischen Raum geht, der von diesen europäisch-amerikanischen Sprachen abgedeckt wird. Drei Dinge sind in der derzeitigen Übergangsphase zu solch einem Modell unklar. Zum einen ist das Englische, das unter anderem eine europäische Kultursprache darstellt, im weltweiten Gebrauch zu einem sprachenübergreifenden Passepartout geworden, das sich wegen der Reduktion auf diese Funktion von den kulturellen Traditionen des Englischen gelöst hat. Zum anderen stellt sich die Frage, wie eine vernünftige Mehrsprachigkeit auf dieser Basis aussehen könnte, wie die Rolle von Kultursprachen neben und unter dem Englischen als Sprache der internationalen Kommunikation aussehen könnte. Und drittens ist dadurch neu zu klären, wie man sich eine vernünftige funktionale Interaktion zwischen den verschiedenen Sprachtypen vorstellen könnte.

Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger
ist Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Ordinarius für Germanistische Linguistik.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2006

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