Sprachwandel & -politik

„Infrastrukturplanungs-
beschleunigungsgesetz“ macht misstrauisch

Copyright: adpic Deutsche Ämter pflegen eine schwer verständliche Sprache. Viele Deutsche verstehen daher oft nicht, was in öffentlichen Schreiben von ihnen verlangt wird. Welche negativen Folgen diese Sprache hat, warum manche Behörden sich wünschen, in einer anderen Sprache zu kommunizieren und wie sie das schaffen, erläutert Helmut Ebert, Professor für Linguistik in Bonn.

Herr Ebert, Sie haben ein Handbuch Bürgerkommunikation geschrieben, in dem Sie Behördendeutsch in verständliches Deutsch übersetzen. Haben Sie ein Lieblingsbeispiel, an dem besonders deutlich wird, wie man Behördendeutsch in Alltagssprache übersetzen kann?

Die Grundidee meines Buches wird am Beispiel „Rechtsbehelfsbelehrung“ besonders deutlich, den man übrigens in jedem Bescheid findet. Dieser Ausdruck ist kompliziert und schwer verständlich. Der Sprachbombast verschärft die Kommunikationssituation, die ja als ungleich aufgefasst wird, weil der Bürger hier nur als Objekt mit einem Wissensdefizit erscheint.

Bedingt durch das Wort „Belehrung“?

Ja. Dieses Wort bringt den Bürger als Objekt der Belehrung ins Spiel. Wenn ich den Begriff „Rechtsbehelfsbelehrung“ durch „Ihre Rechte“ ersetze, dann habe ich ein anderes Bild vom Bürger. Dann sehe ich ihn als einen Träger von Rechten. Die praktischen Folgen sind dabei jeweils die gleichen. Beides meint dasselbe, und zwar erfährt der Bürger, welche Rechte er hat. Nur die Sichtweise ist eine andere: Im ersten Falle wird zum Ausdruck gebracht „Du weißt sowieso nichts, und ich kläre dich jetzt mal auf.“ Im anderen Falle sagt man „Du hast Rechte und für alle Fälle zähle ich sie auch noch mal auf.“

Behördensprache ist zum einen sehr unpersönlich. Was sind denn weitere Merkmale dieser Sprache?

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Behördendeutsch

Sicherlich ist es richtig, dass Behördensprache unpersönlich ist. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Unpersönlichkeit einst ein Fortschritt war. Hinter dem ehemals fortschrittlichen Gedanken der Bürokratie steckte die „Herrschaft des Büros“. Sie war unter anderem eingerichtet worden, um Vetternwirtschaft und Günstlingswirtschaft zu vermeiden und alle Bürger gleich zu behandeln. Insofern ist „unpersönlich“ im Sinne von „ohne Ansehen der Person“ vollkommen in Ordnung. Das darf aber nicht dazu führen, dass man alle Bürger wie Nummern behandelt. Vielleicht kann man es so formulieren: Unpersönlich im positiven Sinne heißt „ohne Ansehen der Person, aber mit Respekt und Achtung vor ihr.“

Und was sind weitere Kennzeichen der Behördensprache?

Ein weiteres Merkmal ist die Ausdrucksverdichtung. Zum Beispiel heißt es: „Bei Verhinderung können Sie einen Dritten mit der Abholung Ihres Ausweises beauftragen.“ „Bei Verhinderung“ ist eine Verdichtung des Satzes „Wenn Sie verhindert sind, …“.

Woher rührt diese Verdichtung? Möchte man sich besonders korrekt ausdrücken? Oder spielen sprachökonomische Gründe eine Rolle?

Einerseits spielen sprachökonomische Gründe eine Rolle. Dann auch sprachgeschichtliche. Es lässt sich diese Verdichtung aber auch aus der Lage des Verfassers verstehen: Der Schreiber hat Zeit, um sehr viele Aussagen in ganz wenige Wörter zu packen. Die Sätze werden kürzer, aber komprimierter. Darüber geht manches Mal verloren, wer eigentlich wem was sagt: „Die Beantwortung des Schreibens wird bis zum 1.12.2006 erwartet.“ Ein anderes Merkmal der Behördensprache ist der Hauptwortstil. Also „in Zweifel ziehen“ statt „bezweifeln“. Dahinter steckt der Wunsch, einen rechtlich definierten Status zu benennen. Leider schlägt das Bestreben nach sprachlicher Genauigkeit oft in übertriebene, das heißt nur scheinbare Genauigkeit um. Ich würde sogar die These wagen, dass wir Gefahr laufen, ein Markenkennzeichen der deutschen Sprache aufzugeben, nämlich die Genauigkeit. Außerdem kommen in der Behördensprache viele abstrakte Wörter vor. Und dann darf man nicht vergessen, dass die Behördensprache eine Fachsprache ist, in der Begriffe anders definiert sind als in der Umgangssprache. Die Bedeutung von „Abfall“ im Sinne des Gesetzes ist genau festgelegt, und diese Definition muss nicht mit dem identisch sein, was wir im Alltag darunter verstehen. Deshalb funktionieren diese Begriffe anders als in der Alltagssprache, auch wenn sie gleich lauten.

Welche Auswirkungen hat die Behördensprache auf das Verhältnis zwischen Verwaltung und Verwaltungsmitarbeitern?

Ich bin überzeugt, dass eine klare und einfache Sprache ein Kapital ist, das noch weithin unentdeckt ist. Die Sprache bestimmt mit, wie sich die Behördenmitarbeiter zu ihrem Arbeitgeber verhalten. Und hier zeigt die Praxis, dass Mitarbeiter teilweise glauben, man müsse herrschaftlich schreiben, um respektiert zu werden. Es gibt aber auch viele, die das herrschaftliche Behördendeutsch nicht mehr verwenden möchten, weil sie es für unangemessen halten. Diese sind dann, wenn sie kein Gehör finden, demotiviert und gefrustet. Zum anderen: Wenn Mitarbeiter von immer mehr Gesetzen und Verordnungen überflutet werden, kann das Verhaltensunsicherheiten zur Folge haben. Die Mitarbeiter fragen sich „Darf ich das so schreiben?“ Die Folge ist, dass sie sich gegen alles und jeden absichern wollen. Das verschlingt natürlich unglaublich viel Zeit. Es gibt Reibungsverluste und oft sogar ein geschwächtes Selbstvertrauen. Die Mitarbeiter zweifeln an sich selbst, an der eigenen Kompetenz. Oder sie lassen sich im entgegengesetzten Fall zu einem falschen Selbstbewusstsein verleiten, zu Arroganz. Sie fragen sich dann nicht mehr, ob sie eine Verordnung selbst überhaupt verstehen, sondern geben sie einfach an die Bürger weiter nach dem Motto „Sollen die doch sehen, wie sie damit klar kommen“!

Und welche Folgen hat das Behördendeutsch für das Verhältnis zwischen Verwaltung und Bürger?

Im Außenverhältnis bewirkt eine schwer verständliche oder herrschaftliche Sprache einen Ansehensverlust der Behörde oder der Verwaltung. Damit hängt dann ein Vertrauensverlust zusammen, wodurch wiederum der Arbeitsaufwand steigt, weil die Bürger viel häufiger nachfragen oder sich weniger kooperativ zeigen. Die Kosten für Widersprüche steigen. Im Ganzen betrachtet hat dieser Vertrauensverlust die Folge, dass sich die Bürger weniger engagieren. Wer Wörter bildet wie „Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz“, darf sich nicht wundern, wenn die Bürger misstrauisch werden.

Auf welche Weise sind von dieser unverständlichen Sprache auch Menschen betroffen, die nicht einmal die deutsche Umgangssprache sicher beherrschen? Also Ausländer zum Beispiel?

Dazu kann ich nur allgemein etwas sagen. Zum einen wird eine Verwaltung, die begriffen hat, dass sie Dienstleisterin ist, auch den ausländischen Bürgern nach besten Kräften helfen. Gleichzeitig darf man auch nicht vergessen, dass Deutsch Amtssprache ist. Aber eine Sprache, die gelernt werden will, muss attraktiv sein. Wir müssen uns dieser Verantwortung bewusst sein. Dazu gehört auch, einmal genauer hinzuschauen, wie gut das Deutsch der so genannten Muttersprachler wirklich ist. Und damit meine ich jetzt nicht Kinder und Jugendliche.

Woher kommen diese Tendenzen, dass Behörden selbst fordern, ihre Sprache zu verändern?

Cover 'Handbuch Bürgerkommunikation' von Helmut Ebert; Copyright: LIT VerlagEin Hauptgrund ist sicherlich, dass im Zuge der Verwaltungsmodernisierung, wo einiges geschieht, immer mehr Bürgermeister und Bürgermeisterinnen erkennen: Eine moderne Verwaltung und eine moderne Sprache sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. In den siebziger Jahren war man unter Juristen noch der Meinung, Sprachwissenschaftler seien hilfreich, um einen passiven Satz in einen aktiven umzuwandeln. Immer mehr Entscheidungsträger in Verwaltung, Recht und Politik erkennen inzwischen, dass mit der Wahl der Wörter und einer anderen Sprache letztlich auch eine andere Praxis einhergeht beziehungsweise einhergehen muss.

Können Sie auch das an einem Beispiel zeigen?

Es ist ein Unterschied, ob ich „Fälle manage“ oder ob ich „Bürger berate“. Wenn ich einen „Fall manage“, habe ich einen Routineablauf: Jemand stellt einen Bauantrag, ich hake einzelne Kriterien ab und komme zum Schluss, dass der Bauantrag abgelehnt werden muss. Diesen Entscheid gebe ich an den Bürger weiter. Entsprechend dieser Arbeitsweise wurde man früher belohnt nach der Anzahl der abgearbeiteten Anträge. So konnte man Masse machen, ohne Probleme zu lösen. Heute ist es in modernen Verwaltungen wie etwa in Arnsberg so, dass man die Bürger berät. Wenn ein Mitarbeiter sieht, dass der Bauantragsteller nur eine Winzigkeit verändern muss, damit der Bauantrag genehmigt wird, dann soll der Mitarbeiter dem Antragsteller diese Empfehlung geben. Das klingt nach nicht viel. Es bedeutet aber einen Mentalitätswechsel.

Das Handbuch Bürgerkommunikation geht auf ein Projekt in Arnsberg zurück. Warum haben sich die Mitarbeiter an Sie gewandt, um ihre Schreiben zu verbessern?

Arnsberg war schon sehr weit, was die Verwaltungsmodernisierung angeht. Etwas altmodisch, aber treffend gesagt: Der Geist des Hauses war offen für die sprachliche Seite des Verwaltungshandelns.
Schließlich waren es die Mitarbeiter, die gesehen haben, dass viele Leitfäden, die es als Formulierungshilfen für Behörden gibt, ungenügend waren und sie sogar unterfordert haben. Zum anderen hatten viele dieser Leitfäden den Charme eines Telefonbuches. Manche, wie das Handbuch des Bundesverwaltungsamtes, geben den sprachwissenschaftlichen Stand der siebziger Jahre wieder. Daraus ist der Wunsch entstanden, ein eigenes Handbuch zu schreiben. Mit diesem Wunsch sind die Arnsberger auf mich zugekommen.

Worin bestünde die größte Schwierigkeit, wenn man in Deutschlands Behörden eine bürgernahe Sprache einführen wollte?

Die größte Schwierigkeit besteht im täglichen Kampf gegen neue Gesetze. Es werden so viele neue Gesetze gemacht, ohne dass alte abgeschafft würden. In dieser Flut von neuen Gesetzen bleiben Klarheit und Einfachheit auf der Strecke. Aber es müsste auch eine methodisch viel anspruchsvollere Kommunikation mit den Bürgern im Vorfeld der Gesetzgebung geben.

Haben Sie drei kurze Tipps, wie man Behördendeutsch vermeidet?

Mein erster Tipp: Lesen Sie sich Ihren Text laut vor und gucken Sie sich dabei im Spiegel an. Mein zweiter Tipp: Machen Sie sich erst klar, was Sie erreichen wollen, bevor Sie schreiben. Und ein dritter Vorschlag, der aber auf einer anderen Ebene liegt: Man sollte, bevor Gesetze gemacht werden, viel mehr miteinander reden beziehungsweise einen strukturierten Dialog führen und diesen kommunikationswissenschaftlich begleiten. Die Entwicklung einer modernen Verwaltungssprache und -kommunikation sollte uns so viel wert sein wie die Entwicklung weltweit gefragter Autos.

Professor Helmut Ebert; Copyright: Helmut EbertHelmut Ebert, Jahrgang 1958, studierte Germanistik, Kommunikationsforschung und Psychologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Promotion 1986 über die Sprache Martin Luthers, Habilitation 1994 über Unternehmensleitbilder. Seit 2004 ist er außerplanmäßiger Professor für Linguistik mit Schwerpunkt Organisationskommunikation. Helmut Ebert ist zudem als Kommunikationsberater für Wirtschaft, Politik und Verwaltung tätig.

Helmut Ebert, Handbuch Bürgerkommunikation. Moderne Schreibkultur in der Verwaltung - Der Arnsberger Weg. LIT Verlag, September 2006. ISBN-Nr.:382588757x.

Antonia Loick
führte das Gespräch. Sie ist Publizistin in Köln.

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Dezember 2006

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