Sprachwandel & -politik

Peter Eisenberg: "Die deutsche Sprache war noch nie so gut in Form wie heute"

Peter Eisenberg; Copyright: Universität PotsdamAllenthalben wird über den Verfall der deutschen Sprache geklagt. Für solche Klagen sieht der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg jedoch keinen Grund. Wir haben mit ihm über den Zustand der deutschen Sprache gesprochen.

Herr Eisenberg, ist der ungeheure Erfolg etwa der Bücher und Shows von Bastian Sick ein Zeichen dafür, dass sich die Deutschen um ihre Sprache sorgen?

Vielleicht sorgt sich mancher, aber der wichtigste Grund für den Zulauf ist nicht diese Sorge. Wissen Sie, wir leben inzwischen in einer Ratgeberkultur. Allgemeines Wissen, das die Generationen vor uns selbstverständlich erworben haben, wird heute auf vielen Feldern in Ratgebern weitergegeben. Bastian Sick ist einfach ein Teil des allgemeinen Ratgeberbooms.
Hinzu kommt, dass wir offenbar Entertainment suchen. Und Leute wie Bastian Sick sind halt Entertainer. Der Gegenstand ihrer Shows spielt nicht die Hauptrolle. Wichtiger ist, dass man sich gut fühlt – etwa mit dem Bewusstsein, dass man mehr über den Gegenstand weiß als die anderen.
Ich glaube, dass die Art und Weise, wie diese Shows gemacht sind, dem Gegenstand vollkommen unangemessen ist. Und ich glaube, dass sie keine positive Wirkung auf den Sprachgebrauch haben.

Inwiefern wirken sie denn negativ?

Sie haben zum Beispiel eine sehr negative Wirkung auf das Bild der deutschen Sprache im Ausland. Die Auslandsgermanisten klagen darüber, dass aus Deutschland permanent die Nachricht kommt, das Deutsche sei nicht in Ordnung. Das macht es für sie schwer, die deutsche Sprache zu vertreten. Extrem verunsichert hat die Germanisten im Ausland der Streit um die Orthografiereform, aber auch die endlose Fremdwortdebatte und die Diskussion über die Notwendigkeit von Sprachgesetzen. Dadurch wird das Ansehen der deutschen Sprache im Ausland schwer geschädigt.

Sehen Sie auch negative Wirkungen für die Muttersprachler in Deutschland?

Ja, wenn die Sprecher ihren Sprachgebrauch entwickeln sollen, dann brauchen sie dazu erst einmal eine positive Einstellung zu ihrer Sprache. In diesem Zusammenhang ist der Begriff „Sprachsolidarität“ geprägt worden. Doch gerade die Sprachsolidarität wird von Leuten wie Bastian Sick oder den Fremdwortjägern im Verein von Walter Krämer untergraben. Denn hier wird den Leuten gesagt, dass ihre Sprache und ihr Sprachgebrauch schlecht seien. Wer nicht bereits ein großes sprachliches Selbstbewusstsein hat, der muss denken: „In der deutschen Sprache ist alles krumm und schief, nichts funktioniert richtig – und es wird immer schlimmer.“

Dabei gibt es Ihrer Meinung nach keinen Grund zur Sorge?

Nein, in keiner Weise.

Es geht also mit der deutschen Sprache nicht bergab?

Die deutsche Sprache war noch nie so gut in Form wie heute. Gar keine Frage! Das Deutsche hatte noch nie einen so großen Wortschatz. Und wir haben heute im Bereich der Syntax wahnsinnig feine Differenzierungsmöglichkeiten – viel größere etwa als zur Zeit der Klassik. Außerdem hat es noch nie so vielfältige Verwendungsmöglichkeiten des Deutschen gegeben. Wir haben eine ausgebaute Wissenschaftssprache, eine ausgebaute Literatursprache, eine ausgebaute Mediensprache.
Sie können hingucken, wohin Sie wollen: An unserer Sprache liegt es nicht, wenn wir nicht gut sprechen. Sie gibt uns alle Möglichkeiten – und die waren noch nie so vielfältig wie heute.

Wünschen Sie sich eine normierende Instanz, die entscheidet, was richtiges und was falsches Deutsch ist?

Nein, ich wünsche mir eine normalisierende Instanz. Wenn man heute in der Sprachwissenschaft von „Norm“ spricht, dann versteht man darunter etwas, was mit „normal“ zusammenhängt. Der normale Sprachgebrauch ergibt sich aber nicht dadurch, dass jemand die Norm setzt und sagt: „Ich weiß, was gut und richtig ist.“

Wer könnte denn eine normalisierende Rolle spielen?

Die Lehrer – vor allem die Deutschlehrer –, wenn sie ein klares Bild davon haben, wie heute im Normalfall auf Deutsch geschrieben wird.

Und was ist der Normalfall? Das, was die Mehrheit macht?

Nein. Aber genau darüber muss man sich Gedanken machen. Man braucht eben ein Maß. Ich finde den Vorschlag ziemlich vernünftig, das geschriebene Deutsch in der überregionalen Presse als normal – eben als den geschriebenen Standard – anzusehen. Wir verfügen heute über riesige elektronische Korpora, an denen wir genau sehen können, an welchen Punkten die Journalisten ihren Schreibgebrauch in den letzten Jahren verändert haben. Damit sind wir vielleicht in der Lage zu sagen: „Normal oder richtig ist nicht mehr nur das, sondern jetzt auch das.“

Welche Entwicklung, die unsere Sprache nimmt, bedauern Sie am meisten?

Ach, ich bedauere eigentlich gar nichts an unserer Sprache. Allerdings bedaure ich sehr viel von dem, was heute über unsere Sprache geredet wird.
Gewisse Gefahren lauern vielleicht in der hohen Komplexität des Deutschen. Unsere Sprache differenziert sich zum Teil so weit aus, dass ihre Beherrschung schwieriger wird. Nehmen Sie nur mal die deutsche Nominalgruppe. Die wird wirklich immer komplexer. Ein Beispiel: „gut erhaltene Knochenfunde“. Worauf bezieht sich hier „gut erhalten“? Auf die Knochen oder auf die Funde? Da muss man gewaltig aufpassen.
Die hohe Komplexität kann dazu führen, dass Sprecher, die in ihrem Sprachgebrauch nicht solide sozialisiert werden, diese und jene Verwendungsunsicherheiten zeigen. Das passiert, wenn der Sprachgebrauch nicht mehr von innen entwickelt wird, sondern wenn dem Sprecher etwas Äußerliches ohne Begründungen übergestülpt wird: „Das ist richtig, das ist falsch – richte dich danach.“ Dabei müsste man zum Beispiel Kinder dazu führen, dass ihnen klar ist, was sie sprachlich machen.

Die hohe Komplexität unserer Sprache kann also durchaus ein Problem werden. Auf der anderen Seite gibt sie uns fast unbegrenzt genaue, wunderbare Ausdrucksmöglichkeiten.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Juni 2007

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