Medien in Deutschland – Panorama

Der Klimawandel in den Medien – Interview mit Peter Weingart

Peter Weingart; © privatPeter Weingart; © privatZu den Profiteuren des Klimawandels gehören seine Propheten. Wer sich heutzutage professionell mit dem Wetter und seinen negativen Auswirkungen beschäftigt, kann mit allerhöchster Aufmerksamkeit rechnen. Für nicht wenige Wissenschaftler Versuchung und Gratwanderung. Ein Gespräch mit dem Experten für Wissenschaftskommunkation, dem Bielefelder Soziologen Peter Weingart.

Herr Professor Weingart, fürchten Sie sich vor der Klimakatastrophe?

Ich glaube an sie, aber ich fürchte mich nicht. Das wird mich zu meinen Lebzeiten nicht mehr betreffen, außer dass die Sommer schöner werden.

Kann es sein, dass Ihre Gelassenheit etwas mit den Lehren aus der Debatte über das Waldsterben zu tun hat?

Sie spielen darauf an, dass sich da die Prognosen als falsch erwiesen haben ...

Ich spiele auf Wissenschaftler an, die das Problem damals angeblich hochgepuscht und künstlich dramatisiert haben sollen.

Sie wissen ja in solchen Fällen nicht im Vorhinein, ob sie es hochgepuscht haben oder ob es stimmt. Das Problem ist ja, dass man das nicht beurteilen kann, wenn sich die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, bei denen die Meinungen der Experten hin und her wogen, vor den Augen der Öffentlichkeit abspielen. Aber der Klimawandel ist meines Erachtens evident.

Gerade der Diskurs zum Klimawandel liefert Ihrer Meinung nach aber doch gute Gründe für Misstrauen. Sie haben ihn einmal als ein „Lehrstück für die Fragilität des Vertrauens in die Wissenschaft“ bezeichnet ...

Ja, weil die Art und Weise, wie er kommuniziert wird, geeignet ist, dieses Vertrauen zu untergraben. Damit ist nicht die These als solche gemeint, sondern wie sie verhandelt wird und wie sich die Wissenschaft dabei darstellt. Traditionell wurde die Öffentlichkeit ja nur mit gesicherten Ergebnissen einer wissenschaftsinternen Debatte konfrontiert. Mit einigen wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Charles Darwin und Albert Einstein. Durch die neuartige öffentliche Kontroverse kann das Vertrauen, das die Wissenschaft immer noch in der Öffentlichkeit genießt, schweren Schaden nehmen.

Neigung zum Katastrophismus

Cover des Buchs Scientific Advice to Policy Making - International Comparison (c) Verlag Barbara BudrichSie haben verschiedentlich eine bedenkliche Medialisierung der Wissenschaften thematisiert und den Wissenschaftlern sogar eine Neigung zum Katastrophismus zur Mehrung der Forschungsmittel, ihres Ruhms und nicht zuletzt ihres Vermögens unterstellt. Starker Tobak! Sehen Sie tatsächlich ein Zusammenhang zwischen medialer Prominenz und wissenschaftlicher Reputation?

Das ist in der Tat starker Tobak und damals auch mit einer gewissen polemischen Intention formuliert worden. Untersuchungen haben aber inzwischen bestätigt, dass beispielsweise bestimmte wissenschaftliche Medien dazu übergegangen sind, teilweise unter Verletzung der Sorgfaltspflicht Sensationsmeldungen unter das Volk zu bringen, um ihre Auflagen zu steigern. Nicht nur zu Katastrophen übrigens, sondern auch in anderen Bereichen von großem öffentlichen Interesse wie etwa bei der Stammzellendiskussion. Die wachsende Zahl der Betrugsfälle in der Biomedizin und der Artikel in Fachzeitschriften, die widerrufen oder korrigiert werden müssen, sprechen für sich.

Die Wissenschaftler werden inzwischen von den Universitätsleitungen bis zur Wissenschaftspolitik dazu ermutigt, mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Dass vereinzelt auch monetäres Profitinteresse eine Rolle spielt, ist ja kein Geheimnis. Nehmen Sie Craig Venter, der das ganz offen zugibt. Nicht zu vergessen, dass bestimmte Nachrichten – und das betrifft hauptsächlich die Pharmaindustrie – unmittelbare Auswirkungen auf Aktienkurse haben können. Schon in den Sechzigerjahren gab es Wissenschaftler-Communities, die es darauf angelegt haben, durch groß angekündigte Programme die Politik für ihre Sache zu erwärmen. Das liegt ja auch nahe.

Im politischen Diskurs herrschen andere Regeln

Peter Weingart; © privatIhrer Meinung nach droht die Wissenschaft durch „Katastrophenkommunikation“ ihre Neutralität zu verlieren und ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Warum?

In der öffentlichen Kommunikation muss die Wissenschaft unweigerlich Position beziehen, sich also politisch verhalten. Nehmen Sie nur die Warnungen einiger prominenter Klimaforscher, die explizit mit Appellen an die Politik verbunden waren. Ich bin auch gar nicht so sicher, ob ich das schlecht finden soll. Wenn Wissenschaftler eine drohende Gefahr vorhersehen, sind sie verpflichtet, Öffentlichkeit und Politik darauf hinzuweisen. Nur müssen sie sich bewusst sein, dass sie damit in den politischen Diskurs eintreten – und dort herrschen andere Regeln, Interessen und Wertvorstellungen als im wissenschaftlichen. Das ist einigen vielleicht nicht so ganz klar. Anders lassen sich die verwunderten und empörten Reaktionen nicht erklären, mit denen Wissenschaftler auf Zweifel und Widerspruch reagieren.

Wohl dem, der in Zeiten wie diesen professionell mit Meteorologie oder Ozeanographie zu tun hat. Forscher mutieren ja heute nicht selten zu Bestsellerautoren. Anders als bei diesen zeigen Sie für die Sensationsmache der Massenmedien durchaus Verständnis. Warum das?

Weil die Medien andere Aufgabe erfüllen als die Wissenschaftler und im Gegensatz zu diesen ökonomischen Sachzwängen ausgesetzt sind. Wenn es einem Wissenschaftler gelingt, einen einträglichen Bestseller zu schreiben, kann man ihn nur beglückwünschen. Sofern er die Seriosität gewahrt hat. Aber gerade in der Community werden rein auf die Erheischung von Beifall ausgerichtete Ausflüge in die Populärwissenschaft äußerst kritisch verfolgt.

Wenn man böswillig ist, könnte man natürlich auch ihre Wissenschaftsschelte als kalkulierten Katastrophismus interpretieren. Waren diese ketzerischen Thesen, die Sie öffentlichkeitswirksam vertreten, Ihrer Reputation nicht ebenfalls zuträglich?

Also das glaube ich nicht. Sie haben mir höchstens den einseitigen Ruf eines Experten für eben diese Fragen eingebracht. Meiner wissenschaftlichen Reputation hat das nichts genützt. Sie sind sogar weitgehend unbekannt geblieben.

Peter Weingart, Jahrgang 1941, studierte Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Staatsrecht in Freiburg, Berlin und an der Princeton University. Seit 1973 lehrt er als Professor Wirtschaftssoziologie und Wissenschaftsplanung an der Universität Bielefeld. 

Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München

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November 2009

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