Panorama

Die deutsch-deutsche Traumfigur – 50 Jahre „Sandmännchen“

Sandmännchen auf einer Wolke; © RBB/Hanna FischerSandmännchen auf einer Wolke; © RBB/Hanna FischerAllabendlich begleitet das Sandmännchen Mädchen und Jungen beim Zubettgehen. Aber der kindlich-weise Wicht mit Ziegenbart und Zipfelmütze schrieb auch deutsch-deutsche Mediengeschichte. Im November 1959 war er erstmals im DDR-Fernsehen zu sehen.

Ur-Sandmännchen; © DRADas Sandmännchen ist ein Kind des Kalten Krieges, sein erster Auftritt ein überraschender Präventivschlag der DDR. Dort erfährt der Programmchef des Deutschen Fernsehfunks Walter Heynowski Anfang November 1959 vom Plan des Senders Freies Berlin (SFB), eine tägliche Gute-Nacht-Sendung namens Das Sandmännchen auszustrahlen. Heynowski vermutet eine bewusste Provokation des Feindsenders, um die DDR-Kinderreihe Abendgruß zu torpedieren.

Der vom SFB erklärte Krieg ums Kinderzimmer zeige, „dass wir mit unserer Sendung auch bei den Westberliner Kindern und deren Eltern ankommen“, schreibt Heynowski an seinen Intendanten. „Große politische Wirkung und Emotionen“ seien damit verbunden. Und: „Die gegnerische Absicht, uns Zuschauer abzunehmen,“ dürfe „nicht unterschätzt werden“.

Spitzbart gegen Rundbart

Die Macher des Sandmännchens: Gerhard Behrendt (Bild Mitte), der Regisseur, Autor, Puppenbildner und Sandmännchen-Vater, Wolfgang Richter (Bild links), der Komponist des Sandmännchen-Liedes, und der Trickszenenbildner Harald Serowski; ©  RBBBeim SFB sind die ersten Folgen mit einer simplen Kasperlepuppe längst abgedreht. Der Deutsche Fernsehfunk muss eilig nachrüsten. In einer Nacht- und Nebelaktion entwickelt Gerhard Behrendt eine Puppe mit markantem Spitzbart und Schlafmütze, die nicht nur der sozialistischen, sondern auch der kapitalistischen Jugend in West-Berlin Sand in die Augen streuen soll.

Sandmännchen mit Weltkugel; © RBB

Nur drei Wochen brauchen die Macher im Sendezentrum Berlin-Adlershof bis zur Produktion der ersten Folge, die bereits in aufwändiger Stop-Motion-Tricktechnik aufgenommen ist. Am 22. November 1959 um 18:55 Uhr geht Unser Sandmännchen im DDR-Fernsehen auf Sendung – ganze zwei Wochen vor seinem rundbärtigen Konkurrenten vom SFB.

„Ach du meine Nase!“

Sandmännchen mit Trabbi am Alexanderplatz; © RBB/DRA/Günther VentDer DDR-Schnellschuss ist noch ein recht müdes Spektakel: Am Ende schläft der stumme Held auf der verschneiten Straße selber ein. Prompt bieten ihm gleich mehrere Kinder brieflich ihr Bettchen an, Großmütter wollen wärmere Kleidung stricken. Um derlei Eingaben überflüssig zu machen, wird das Sandmännchen mit Knopfaugen und einer neuen Zipfelmütze kurze Zeit später ausgeschlafener gemacht. Es ist der Beginn einer beispiellosen Fernsehkarriere.

Sandmännchen mit Hubschrauber; © RBB/DRA/Waltraut DenglerAls Rahmenhandlung für Herrn Fuchs und Frau Elster, Hoppel und Mautz, Pittiplatsch und Schnatterlinchen, Plumps und das Küken entwickelt sich das Sandmännchen zur beliebtesten TV-Figur des Ostens. Plittiplatschs Ausruf „Ach du meine Nase!“ wird Allgemeingut, das anspruchsvolle Sandmann-Lied des Komponisten Wolfgang Richter mit seinen Kontrapunkten und aufgelösten Dissonanzen zur heimlichen Nationalhymne.

Der Sandmann-Schock

West-Sandmännchen; © NRDWie der Wettlauf ums Weltall zwischen der Sowjetunion und den USA in den fünfziger Jahren, so ist auch der Endspurt ums Sandmännchen für den Westen eine herbe Niederlage. Daran kann auch der Umstand nichts ändern, dass der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Figur nach mehreren Fehlstarts westdeutscher Fernsehanstalten 1962 rundumerneuert.

Sandmännchen im Raumschiff; © RBBDer Deutsche Fernsehfunk sieht das ebenso – und schickt seine Puppe zur Erinnerung an den kommunistischen Doppelsieg nicht nur mehrmals mit einem Raketenmodell ins Filmuniversum, sondern 1978 auch ganz real mit Sigmund Jähn in den Kosmos. Damit ist das Sandmännchen neben Jähn der erste Deutsche im Weltall. Noch die Filmkomödie Good bye, Lenin! wird diese denkwürdige Sternstunde 2003 mit Originalaufnahmen würdigen.

Unbeschränkte Ausreiseerlaubis

Auf der Erde darf das Ost-Sandmännchen Kinder aller Herren Länder in bewährter Art betäuben – außer 1974, am 25. Gründungstag der DDR: um eine missverständliche „politische Symbolik“ der ins Bild gesetzten Redewendung („Sand in die Augen streuen“) zu vermeiden, wie das Drehbuch der Episode in ideologischer Korrektheit anmerkt.

Sandmännchen mit Schneeräumer; © RBBÜberhaupt ist das Sandmännchen ein permanenter Republikflüchtling mit unbegrenzter Rückreiseerlaubnis. Nicht nur ins Pionierlager, zur Nationalen Volksarmee, zur Leipziger Messe oder in die offiziellen DDR-Urlaubsländer Ungarn und CSSR darf es fahren, sondern auch nach Japan, Lappland oder Afrika. Gleich mehrfach reist es sogar ins fabelhafte Westdeutschland: zu den Bremer Stadtmusikanten etwa oder zu den Sieben Schwaben.

Im Jeep des Klassenfeinds

Sandmännchen mit fliegendem Teppich; © RBBAus dem Kunstmärchen kommend – E.T.A. Hoffmann und Hans Christian Andersen liefern die Vorbilder –, reist das Sandmännchen mit immer neuen Fahrzeugen einer fortschrittsgläubigen sozialistischen Zukunft entgegen, ohne die Tradition des „Arbeiter- und Bauernstaates“ zu verleugnen. Neben Pferdekutschen und Mähdreschern, Straßenbahnen und Zementautos, einem modischen Trabant-Cabrio oder einem Landrover-Jeep des Klassenfeinds sind es immer wieder detailliert ausgearbeitete High-Tech-Erfindungen, die die Traumfigur zu den Kindern bringen.

Sandmännchen im U-Boot; © RBB/DRA/KonangEine Rucksackflugapparatur ist ebenso dabei wie eine revolutionäre Papierkorbleermaschine oder ein nach „geheimen Plänen“ entworfenes Delphin-Luftschiff, das 1974 über ein Modell des neu erbauten Berliner Alexanderplatzes schwebt. Rund 250 Fahrzeuge sind es insgesamt. Neu gedreht werden muss 1961 allerdings eine an der Ostsee spielende Episode mit einem Segelschiff: Inzwischen ist die freie Fahrt auf offener See an der „nassen Grenze“ aufgrund des Mauerbaus verboten.

Was vom Osten übrig blieb

Sandmännchen mit dem kleinen König; © RBBNahezu 30 Jahre befahren Ost- und West-Sandmännchen in friedlicher Koexistenz den geteilten Himmel über Deutschland. Erst nach dem Fall der Mauer 1989 muss das Revier im Traumland neu zugeteilt werden.

Aber die DDR-Bürger wollen zwar auf Ostmark und Spreewaldgurken, nicht aber auf ihre Kultfigur verzichten. Als Gerüchte entstehen, mit dem Deutschen Fernsehfunk solle auch Unser Sandmännchen abgeschaltet werden, hagelt es Proteste. Eine „Interessengemeinschaft Sandmännchen“ sammelt Tausende von Unterschriften, Eltern gehen im Beitrittsgebiet für ihre Kinder auf die Straße. „Wenn Sie in diesem Land an einem Mann scheitern können“, warnt ein Journalist den neuen Rundfunkbeauftragen, „so ist es der Sandmann!“. Diesen Volksaufstand hätten sich die westdeutschen Medienwächter wohl nicht träumen lassen.

Am DDR-Sandmann aber soll die Wiedervereinigung nicht scheitern. Statt seiner muss der West-Kollege in den Ruhestand. Heute bringt Unser Sandmännchen jeden Tag zu verschiedenen Zeiten über eine Million gesamtdeutsche Kinder in ihr Bett.

Thomas Köster
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

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November 2009

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