Johannes Ebert am 12. März 2014
100 Jahre Erster Weltkrieg

Sehr geehrter Herr Dr. Küppers,
sehr geehrter Herr Generalkonsul Dr. Koller,
Sehr geehrte Frau Dr. Harrer,
sehr geehrter Herr Velikic,
sehr geehrter Prof. Dr. Münkler,
sehr geehrter Prof. Dr. Sabrow,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,


Wenn man in Kiew den Andreassteig, den Andrewski Spusk, in Richtung Dnjepr hinunterschlendert, schwebt über der Szenerie die prächtige, blau-weiß-goldene, von Rastrelli erbaute Andreaskirche. Straßenhändler verscherbeln Pelzmützen und sowjetische Abzeichen. In den zweistöckigen Häusern vom Ende des 19. Jahrhunderts sind Ateliers und Galerien untergebracht. Ziemlich genau in der Mitte des Spusk liegt rechts ein zweistöckiges braunes Haus. Hier hat in den 20er Jahren Michail Bulgakow sein Buch „Die weiße Garde“ geschrieben, das während der Umbruchzeit, die auf die Oktoberrevolution und den Zerfall des Russischen Zarenreichs folgte, spielt. 1918, im letzten Jahr des ersten Weltkriegs, war Kiew von schnell aufeinanderfolgenden Besetzungen kontrolliert. 1918 marschieren in Kiew nacheinander ein: die Rote Armee (im Februar), die deutsche Armee (im März), der ukrainische Nationalist Symon Petljura (im Dezember). Am 22. Januar 1918 wurde erstmals die volle Selbständigkeit der Ukraine als Ukrainische Volksrepublik (Ukrajinska Narodna Respublika, UNR) vom ukrainischen „Zentralrat“ (Zentralna Rada) verkündet. Ein Staat, der unter Petljura auch Judenprogrome gesehen hat. Die Existenz dieses Staates endete im Februar 1920 endgültig, als die Rote Armee einmarschierte. Erst 1992 gab die Exilregierung, die übrigens hier in München residierte, ihren Anspruch an den ersten gewählten Präsidenten einer unabhängigen Ukraine, Krawtschenko, ab. Natürlich sind meine Gedanken in diesen Tagen in diesem wunderbaren Land, in dem ich fast fünf Jahre meines Lebens verbracht habe.

In Damaskus, in der Nähe der Hauptpost, wo ich während meines Studiums in den 80er Jahren immer die kleinen Fresspakete abgeholt habe, die mir mein Vater in Sorge geschickt hat, liegt ein wunderbares Gebäude, das leider immer geschlossen war: der Hidschaz- Bahnhof. Er ist Ausgangspunkt einer Abzweigung der Bagdadbahn, ein Prestigeprojekt des Sultans Abdulhamid II. Sie verbindet auf einer Strecke von 1320 km Damaskus mit Medina. Im ersten Weltkrieg war die Hidschazbahn häufiges Angriffsziel der von Lawrence von Arabien (Thomas Edward Lawrence) gegen das osmanische Reich geführten Stämme der arabischen Halbinsel. Während meines Studiums habe ich „Die sieben Säulen der Weisheit“ begierig verschlungen. Den Stämmen wär für ihren Kampf auf Seiten der Engländer Unabhängigkeit versprochen worden. Gleichzeitig wurde 1916 das Sykes-Picot Abkommen geschlossen, welches das Osmanische Reich nach seinem erwarteten Fall in westliche Einflusssphären einteilte. Die dort festgelegten Grenzen beeinflussen die politische Geographie und die Konflikte der Region bis heute.

Zwei Beispiele, wie der erste Weltkrieg bis heute nachwirkt - aber in Teilen der Welt, die damals ferner waren und doch heute in Zeiten der Globalisierung in engster Nachbarschaft liegen. Zwei Beispiele, wie meine ganz persönliche Erinnerung mit diesen fast 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen verbunden ist.

Wenn wir uns die Erinnerung an den ersten Weltkrieg in Deutschland vor Augen führen, dann konzentriert sie sich meist auf die Schlachtfelder im Westen. Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ stand im Bücherregal meines Vaters und ich erinnere mich, dass ich - damals fasziniert von der direkten und realistischen, manchmal brutalen Sprache - in der siebten Klasse bei einem Lesewettbewerb zwei Seiten daraus gelesen habe. Das Buch ist mir immer im Gedächtnis geblieben. Ebenso werde ich nicht vergessen - auch das hat mit der Gedankenwelt in Westeuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun; mit dem Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen, das auch zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt hat - wie mein 1905 geborener Großvater sein Glück über meine enge Beziehung zu meinem französischen Freund Michel ausdrückte. Aus den Erbfeinden seiner Kindheit waren Freunde geworden.

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg insgesamt ist in Deutschland - und das wird von vielen Autoren bestätigt – überlagert vom Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. In anderen Ländern, die nicht in unserem Fokus liegen, ist das ganz anders. Ich zitiere aus einem Artikel des Sydney Morning Herald vom September 2013 unter dem Titel „Alles ruhig an der deutschen Front“: „Die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Berlins Historischem Museum ist schockierend. Schockierend, weil sie so klein ist. Sie befindet sich in einer Ecke im ersten Stock, beinahe ein Nachgedanke zur Darstellung des großen Fortschritts des 19. Jahrhunderts. In einem kleineren Raum sieht man ein paar Helme, die Militäruniform von Kaiser Wilhelm II., einige Poster und eine kurze Darstellung der Weltpolitik zu jener Zeit. (…) Für einen Australier fühlt sich das fast an wie ein Affront. Das ist der Krieg – so hat man uns gelehrt – der unsere Nation geschmiedet hat. Ein Schrecken, der niemals vergessen werden darf. (…) Aber wenn man hier nur eine Erwähnung von Gallipoli finden will, muss man sich durch das Multimediaprogramm im Computer in der Ecke klicken. Australien ist buchstäblich nicht auf der Landkarte."

Für das Goethe-Institut – und darüber waren wir uns bei der Planung von Programmen zum Ersten Weltkrieg einig – muss die Erinnerung der anderen, auch der Länder, die beim Thema Erster Weltkrieg in Deutschland nicht sofort im Fokus stehen, einen festen Platz haben. Denn wir haben durch unser weltweites Netzwerk Zugang zu Akteuren und Diskursen der nationalen Erinnerungskulturen und wir fühlen hier auch eine Verantwortung. Weiterhin wollen wir uns in den Programmen weltweit auch die Frage stellen, welche Erkenntnisse wir aus dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen auch für unser heutiges Zusammenleben gerade in Europa gewinnen können.

Zwei Beispiele: Das Projekt Hikayah (arab.: Erzählung, Geschichte) will Geschichte durch eine gemeinsame Erzählung erfahrbar machen. An verschiedenen Stationen entlang des ehemaligen Osmanischen Eisenbahnnetzes (Bagdadbahn) werden deutsche und arabische Historiker und Historikerinnen in gemeinsamen Residenzen recherchieren und das Erfahrene sowie neue Erkenntnisse in Workshops mit Geschichtsstudierenden diskutieren. Für das Theaterprojekt „1914/2014: Schlachtfeld Erinnerung" hat der Regisseur Hans-Werner Kroesinger fast ein Jahr zusammen mit der Regisseurin und Filmemacherin Regine Dura in Belgrad, Istanbul und Sarajevo, in Deutschland und Österreich recherchiert. Aus Interviews und Gesprächen und in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern haben sie eine Versuchsanordnung für „1914/2014: Schlachtfeld Erinnerung" entwickelt: Je ein bosnischer, serbischer, türkischer, österreichischer und deutscher Performer erzählen einander Geschichten und Geschichte und konfrontieren die jeweils unterschiedlichen Erinnerungen und Perspektiven miteinander..

Insgesamt beteiligen sich mehr als 40 Goethe-Institute in verschiedenen Ländern mit Projekten zum Thema Erster Weltkrieg. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte erwarten wir uns in erster Linie immer auch eine Selbstvergewisserung in der Gegenwart und durch den Perspektivwechsel, der durch das Netzwerk der Goethe-Institute möglich ist, Impulse für die Zukunft.

Diesen Grundsätzen folgt auch die gemeinsame Veranstaltungsreihe des Kulturreferats der Landeshauptstadt München in Kooperation mit dem Goethe-Institut, die mit der heutigen Veranstaltung beginnt und der noch zwei weitere am 1. April und am 22. Mai folgen werden. Wir freuen uns sehr, mit der Stadt München gemeinsam an diesem spannenden Thema zu arbeiten und diese Reihe gemeinsam zu organisieren.

Ich wünsche Ihnen und uns eine anregende Diskussion

Vielen Dank!

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