Cassandra’s Eyes
Das missverstandene "Pink" in Südasien: Kontraintuitionen

Misconstruing "Pink" in South Asia: Counterintuitions
© Sadia Rahman

Das heutzutage so oft verwendete Wort "extrem", erklärt kaum diese kontraintuitive Aktualität, das unter dem diskursiven Code fliessende Blut sowie den die gewaltigen neokolonialen Ausgrabungen, Erweiterungen und Umgehungen offenlegenden pinkfarbenen Eisberg.

Von Seema Amin

Dem Anfang liegt immer das Ende zugrunde; Leiden ist offenbar endlos, weil wir in Wirkungen verfangen sind, die selbst Trugbilder von Ursachen sind.

Ich kannte eine junge Frau, die mich vorher schon als Lehrerin (nicht als ihre) und später als Kollegin kannte. Als Kind wurde sie vom männlichen Geschlecht missbraucht und später musste sie noch außerhalb des sogenannten "sicheren Raums" noch weiteren Missbrauch erdulden, und zwar dort, wohin sie geschickt worden war, um über Recht und Unrecht, Schöpfung und Glauben zu lernen. Der letzte Missbraucher war ihr erster falscher Lehrer. Als junge Erwachsene begegnete sie dem, was ich ihren zweiten falschen Lehrer nenne, den sie als Erlöser/Guru missverstand:  Sie tauschte lediglich ein missbrauchtes Gewand gegen ein anderes aus, Weiss gegen Safran, Täuschung gegen Täuschung--der erste hatte seine Macht missbraucht, der zweite schien sie in eine ermächtigende Ideologie zu führen, der eine angeblich weibliche Macht innewohnte (die durch ihre Kindheit stark untergraben worden war), warf aber letztlich mit gleicher Kraft in die andere Richtung den Schatten des ersten auf sie, wie es bei projizierten Erlösern und ihren Ideologien oft der Fall ist. Sie verleugnete ihr früheres Selbst und versank in einem falschen Bewusstsein, was ich als auf einen (lokalen) ethno-linguistischen Essentialismus basierende pink-safranfarbene (regionale, glokale) Identitätspolitik bezeichnen möchte. Damit begann ein Prozess der Spaltung, der kognitiven Dissonanz, in Bezug auf das Tatsächliche und das Scheinbare.

 © Sadia Rahman Shupta
Pink wird mit Frauen und Weiblichkeit als eine Art de facto Gendering des Spektrums über alle Kulturen/Zeiten hinweg assoziiert, obwohl Pink als Code für Identitätspolitik eher eine neuere Kodierung in dieser Zeit der Globalisierung ist. Offensichtlich haben verschiedene Bewegungen diese Farbe gewählt, um ein Bekenntnis zur Weiblichkeit bzw. zu nicht-gängigen sexuellen Identitäten zu signalisieren; insbesondere mit der NGOisierung der Frauenbewegung kam es zu einer Übernahme von Begriffen und Farben aus dem Westen. Das ist jedoch schnell auch auf jene Frauenbewegungen übergegriffen, die sich selbst außerhalb des globalen NGO-Netzwerks sehen, aber an den Paraden zum Weltfrauentag teilnehmen. Auffallend viele haben sich Pink und Lila ausgeborgt, um einen Farbton zu signalisieren, der nicht Blau ist. Da besteht kein Problem, denn ähnlich wie die Farbe Schwarz Bekenntnis zur Abgrenzung und Herabwürdigung signalisiert, verhält es sich mit Pink. Der Begriff "Pinkwashing" wurde dagegen erst in jüngerer Zeit geprägt, und zwar zu einer Zeit, als die "pinke" Politik, wenn man so will, in ein falsches Bewusstsein bei  Minderheiten bezüglich ihrer Identität und Rechte auf Kosten der kollektiven Gerechtigkeit und Würde deterritorialisierte und sogar von bestimmten Regimen (d.h. insbesondere Israel, aber auch von europäischen Staaten und Amerika, die selektive Rechtsdiskurse und deren Förderung und Schutz verfolgen)  missbraucht wurde, um andere Menschenrechtsverletzungen oder Zustände überhandnehmender Verstöße zu "waschen" oder zu verbergen. Im Zusammenhang mit Frauenrechten wurde "Pinkwashing" miss-oder gebraucht, um den Exzeptionalismus westlicher Interventionspolitik in bestimmten Ländern zu rechtfertigen, und ganz allgemein gesehen als eine Art von weicher Macht oder Hegemonie in Staaten, die behaupten, inklusiv zu sein, gleichzeitig, aber extreme Hierarchien und Doppelmoral gegenüber anderen Rassen/Rechten/Völkern aufrechterhalten. Pink mag zwar kulturübergreifend sein, aber Pinkwashing wurde als Signal für einen hegemonialen Diskurs und für Rechtsregime verwendet, die schützen und gleichzeitig verheimlichen. 

In Südasien und insbesondere in Indien ist "shakti/prakriti" oder das weibliche Prinzip/die weibliche Energie im Allgemeinen außerhalb des NGO-Mainstreams nicht pink-kodifiziert. Dennoch herrscht die Farbkodierung durch den neuen "Respekt", der dem spirituellen New-Ageismus durch Hindu-Youtube-Evangelikale wie Sadhguru (der die elaborierte These darüber vertritt, dass "Schwarz" negative Energie besitzt) zuteil wird, während das fundamentalistische Hindutva-Regime der klassischen Farbe Safran mit dem Markenzeichen Yoga neue Dimensionen verliehen hat und - ich wage sogar, zu behaupten, dass es ihnen gelungen ist, den komplexeren Begriff der weiblichen Göttlichkeit mit einer rötlichen Staubschicht zu mystifizieren, die ihr grober religiöser Chauvinismus für eine essentialisierte spirituelle Zuordnung und territoriale Expansion innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen missbraucht.

Zurück zu der jungen Frau, von der ich sprach.

Der Glaube war das erste Opferlamm im Spiel all dieser Psychopolitik, obwohl sie das Gefühl hatte, ihre Berufung als spirituelles Wesen erkannt zu haben, indem sie Anspruch auf eine Identität, eine essentialisierte Quelle der "Wahrheit" erhob, die sich notwendigerweise vom "Anderen" abgrenzte; letzteres war der abrahamitische und mehrheitliche Glaube des Landes, den sie in ältere "Essenzen" umzuwandeln versuchte - Reinigungen unter welcher Bezeichnung auch immer. Kurz gesagt, sie konvertierte, gab ihren so genannten fremden arabischen Namen auf und bekannte sich zu einem 'Guru-zentrierten dualistischen Weg'. Als ich ihr zu erklären versuchte, dass dies ebenso fremd ist, dass eine solche Indigenität anderen Wesen, anderen 'Essenzen' aufgezwungen wird, was zwangsläufig Gewalt gegen Heterogenität zur Folge hat, entgegnete sie mit der Antwort, dass sie und ihr Guru an einem Projekt der 'Archivierung' beteiligt seien, das kristallisierte Essenzen der 'sanatan'- Kulturen in Bangladesch 'an den Tag legen' würde. Es war so, als ob einige Archäologen nach Schichten früherer Zivilisationen suchten und selektiv auswählen konnten, wo sie mit den Ausgrabungen beginnen sollten. Alternative Archäologie oder Neokolonisierung? Im Zirkus der Modeworte der internationalen Regierungsbehörden und ihrer Dollars/Euros mit ihren glokalen Entsprechungen in Bangladesch haben Begriffe wie "Entkolonisierung" die rätselhaftesten, zweitklassigen Bedeutungen angenommen, wobei eigentlich das genaue Gegenteil des Begriffs in seinem Namen enthalten ist. Gemeinsam mit ihrem Guru unternahm sie die heilige Gralsaufgabe, die "Buchstaben der bengalischen Sprache" als Signifikanten eines ontologischen Entwurfs für orts- und glaubensbasierte Gewissheiten/Fakten (Ethos) zu archivieren, wobei jeder Buchstabe irgendwie Essenzen des Ortes, Essenzen der Sinnhaftigkeit darstellen sollte. Auch wenn einiges davon kreativ war, sogar ethisch vertretbar, wie etwa die Gleichsetzung bestimmter Buchstaben mit ökologischen Räumen wie den Sundarbans oder die Aufdeckung undokumentierter Feste, die allesamt beachtungswert und sogar notwendig waren  spiegelte der eigentliche Akt der Beanspruchung von "altem" Territorium und sexuellem Boden die ironische Paradessenz unseres postmodernen Jahrhunderts wider: Die Rückeroberung der Babri-Moschee, die "shakti" und die in Safran gekleideten  Zauberer wurden missbraucht, um moderne hegemoniale Einflusssphären zu erweitern. Es ist, als ob die Zauberer des Tantra, die zu modernen Pseudo-Yogis und politischen Pandits im Lotussitz geworden sind und die Öffentlichkeit mit ihrer weltlichen List in königlicher Macht verzaubern, nun moderne Mantras heraufbeschwören. Dabei greifen sie zurück auf die alten Tricks einer reinen, einzigen, essenziellen Hierarchie eines Volkes, das sein "Kernwesen" und seine "Ursprünge" mit allen Mitteln bewahren will, einschließlich des genozidalen Impulses der Homogenität.

Durch ihren neuen Guru schien sie ein Fingerspitzengefühl für die Macht zu haben, was an ihren Stimmbändern, ihrem Körper und ihren imaginären Territorien, vor allem an ihrer Weiblichkeit zu merken war. Aber im trügerischen Gewand eines instrumentalisierten (ausbeuterischen) Freiheitsdiskurses verkörperte sie die Macht der Missdeutung des Weiblichen und ihrer vermeintlichen Göttlichkeit durch die Abhängigkeit von einer essentialistischen Identität, die ihrerseits leicht in ein nationales hegemoniales Unternehmen einer Nation, eines Glaubens (oder, zur Vervollständigung, sogar einer Kaste) vereinnahmt werden kann, wenn wir uns Indien ansehen. Was hier in Bangladesch unerbittlich vor sich geht, ist ein Schritt weiter als Hegemonie.  Nur durch "falsche Annäherungen" ist eine solche Selbst-Kolonisierung möglich, bloße Hegemonie reicht nicht aus. Es war diese junge Frau, die mich zum ersten Mal darauf aufmerksam machte, dass unser Land, seine Landschaft, für sie eine Topographie verstreuter Energien der shakti in verschiedenen heiligen Stätten und Tempeln sei. Die imaginäre spirituelle Kartierung von Bangladesch als eine Landschaft, in der diese shakti verstreut ist, wurde kürzlich als Teil des transreligiösen Diskurses verwendet, um Modis Besuch per Hubschrauber in Gopalganj kurz nach seinem Dhaka-Besuch anlässlich der Hundertjahrfeierlichkeiten Mitte März zu rechtfertigen. Unheimlich:  Dies ist eine spirituelle Kartierung, die auf ein "Großes (sogenanntes altes) Indien" abzielt, und zwar in einer grotesken Weise, die an Israels extraterritoriale Kartierung seiner selbst als Groß-Israel erinnert, zur Rechtfertigung der Geschehnisse, bevor sie eintreten. Wieder eine kognitive Dissonanz.

Das heutzutage so oft verwendete Wort "extrem”, erklärt kaum diese kontraintuitive Aktualität, das unter dem diskursiven Code fließende Blut sowie den die gewaltigen neokolonialen Ausgrabungen, Erweiterungen und Umgehungen offenlegenden pinkfarbenen Eisberg. Diese Missdeutung in Form von Feind und Freund, sexueller Unterdrückung und sexueller Befreiung, jeweils ein Satz von Gegensätzen, die sich, in einer endlosen Kette etwa von Bezeichnungen gegenseitig verschärfen und den binären Kampf der Sprache ausspielen, was zur Erstarrung von Ideologien führt. Ich lasse mich von der Sprache führen, statt sie einzusetzen. Zum Beispiel die Art, wie Pink eingesetzt wird und führt. Das falsche Bewusstsein der besagten jungen Dame liegt in der Illusion, dass sie ihren Körper, ihr Land und ihren Geist durch die Neukodierung ihrer Muttersprache mit imaginären Essenzen bereichern kann. In ihrem Bestreben, die Erkenntnistheorie der Ontologie und die Hermeneutik dem Ursprung gleichzusetzen, indem sie die Essenzen von Sprache, Land und shakti verwendet, umgeht diese junge Frau bedauerlicherweise alle strukturalistischen und poststrukturalistischen Beiträge zum Verständnis von Sprache und zur Kritik an essentialisierten Identitäten. Was als harmlose und wohlwollende, ja sogar wichtige kulturelle Aktivität erschien, entpuppte sich als der Schlüssel zur Kammer des neuen Herren.

Wir befinden uns immer noch im Haus des Herren, es wurde nur umbenannt.

Zwischen 2013 und 2016 wurde in den internationalen Schlagzeilen der Tod von Personen hervorgehoben, die offenbar wegen ihrer "Minderheit"-Identität als Atheisten, Blogger, Homosexuelle und sogar Schriftsteller/Lehrer, die sich auf umstrittenes religiöses Terrain wagten zur Zielscheibe wurden. Dennoch stieg die Gesamtzahl der gezielten Tötungen über mehrere Jahre hinweg auf etwa 10 (die sich verdoppelte, wenn man die Kategorie erweitern würde, wie es in einigen Artikeln der Fall war) und man konnte Schlagzeilen wie "Inside Bangladesh's killing fields" lesen, wohingegen die mehr als 3071 außergerichtlichen Tötungen im letzten Jahrzehnt nicht in den Schlagzeilen erschienen. Am beunruhigendsten ist die Zahl der verschwundenen Personen (wenn über sie berichtet wird, dann aufgrund der Stellung der Verschwundenen in der Gesellschaft, die dann als Ausnahme und nicht als Regel angesehen werden, während die Schlagzeile "Killing Field" (Tötungsfeld) bezüglich des Todes von Minderheiten die Gleichung offensichtlich umkehrt: Die Regel wird zur Ausnahme, die Ausnahme zur Regel, je nachdem, wie ehrenwürdig das Opfer ist). Der oben erwähnte Artikel enthält wichtige Details über die Umstände, unter denen Verhaftungen (falsche Verhaftungen und tatsächliche Terroristenverhaftungen) stattfanden, doch der Hauptschwerpunkt und die Rhetorik des Artikels sowie die Überschrift führen den Leser zur Aufwertung bestimmter Todesfälle gegenüber anderen. Der Artikel liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel für das, was Noam Chomsky in Manufacturing Consent sehr detailliert als Propagandamodell und Filter beschrieben hat, der über würdige und unwürdige Opfer entscheidet. Erst in jüngster Zeit, durch den Gefängnis-Tod von Mushtaq Ahmed und die Folterung des Karikaturisten Kishore, waren alle Scheinwerfer für kurze Zeit auf das Feld gerichtet, in dem das Töten sozusagen stattfindet: Beide passen nicht in die frühere Kategorie der "Minderheit", sie verliehen lediglich dem Entsetzen der Mehrheit über bestimmte Korruptionen Ausdruck. Während ich dies schreibe, gehen die Verhaftungen von Journalisten weiter.

Trotz der wochenlangen heftigen Proteste von tausenden von Studenten und Bürgern im Vorfeld von Modis Besuch zur Hundertjahrfeier Bangladeschs, gefolgt von etwa 62 Verhaftungen aus den Reihen der Studentenrechtsgruppe und 17 toten islamischen Madrasa-Schülern, war in den internationalen Schlagzeilen von "Zusammenstößen", "Blutvergießen" und nur von islamistischen Gruppen die Rede (aber nicht von den Linken, nicht von den Studenten sowie anderen zivilen Gruppen). Die größtenteils von Bürgern geführten Proteste wurden in diesen internationalen Schlagzeilen nicht mit denen in Verbindung gebracht, die sich fokussiert mit dem DSA (Digitales Sicherheitsgesetz von Bangladesch) auseinandersetzten, ausgelöst durch den Tod des Karikaturisten und Schriftstellers (dabei ging es allerdings um Korruption und nicht um Religion), noch gab es eine Verbindung mit den von jungen Studenten organisierten früheren Straßenprotesten sowie Protesten der Universitätsstudenten wegen Quoten. Kein Eisberg unter der Spitze der willkürlich hochgespielten Zahlen der Todesopfer. Während des anschließenden Corona-bedingten Lockdown wurden mehrere hundert weitere der (größeren) Opposition angehörende Personen verhaftet.

Die Macht der oben erwähnten pinkfarbenen Kodierung, die entscheidet wessen Leben zählt, ist nun zu einer pink-safranfarbenen Kodierung geworden, die entscheidet wessen Leben nicht zählt. Und die Frauen? Die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen ist unüberschaubar, die Zahl der Fälle von politischer Korruption, Mobbing und systematischem Missbrauch ist niederschmetternd. Für den Leser von bangladeschischen Zeitungen ist das alles so offensichtlich, dass ich nicht einmal den Wunsch verspüre, darauf hinweisen zu müssen.
 

Und doch, für manche ist es kontraintuitiv. Es sieht so aus, als wäre die Vorstellung, dass Weiblichkeit bzw. das weibliche Prinzip nicht durch staatlichen und ideologischen Chauvinismus geschützt wird, eine wilde Ketzerei für ein so sehr an koloniale Teilung und Herrschaft gewöhntes Südasien, so dass es deren Fortsetzung in der Selbst- und Neokolonisierung nicht erkennen kann. Frauen machen einen Spagat zwischen "Minderheit" und "Mehrheit", sie sind mal Opfer, mal Unterdrücker, mal unterdrückendes Opfer.

Die kollektive Gerechtigkeit, ob mehrheitlich oder minderheitlich, wird von der alten Geopolitik der "Feinde/Freunde" überschattet. Umkehrung zu Gayatri Spivak: Die Frage der Verbündeten ist von größter Bedeutung. Wer ist wirklich ein Verbündeter in diesem Uroboros-Universum, in dem Kopf und Zahl die den Zwilling verschlingende Nemesis spielen? Wer ist ein falscher Verwandter, ein Zwilling, ein unmittelbares Selbst/Anderes? Wer kommt mit süßem Gerede und hinterlässt eine Blutspur?

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