Olympia 2032 Sieben Momente

Sieben Momente
Sieben Momente | © DOON 東

Sieben Momenten von der Olympiade 2032 lassen uns über den schwarzen Humor nachdenken, mit dem die Technologie unsere Zukunft inszeniert.

Als Young Sun im Pool bereits die 29. Rollwende vollzog, kraulte Alejandro, der bislang Zweite im Wettkampf, erst in der angrenzenden Schwimmbahn auf ihn zu. In diesem 1500m Freestyle Finale waren noch 50m zu schwimmen und Young Sun hatte nun mindestens fünf Sekunden Vorsprung. Er ließ kein bisschen nach, sondern setze noch einmal seine ganze Kraft ein, denn der goldene Laserstrahl, der auf den Weltrekord verwies, war schon ganz nah vor seinen Augen. Es handelte sich um eine Technik, die in der Olympiade 2032 erstmals zum Einsatz kam: So nahm die Geschichte auf konkrete Art und Weise an den aktuellen Wettkämpfen teil.

Die Robotermannschaft, die zum ersten Mal mit einem Cyborg an den olympischen Tennisturnieren teilnahm, hätte eigentlich gute Chancen gehabt, eine Goldmedaille zu gewinnen. Der mit 3D-Drucktechnik und aus anorganischem Material gefertigte Cyborg R2DII schlug sich in den Einzelturnieren des Herrentennis geradewegs ins Finale. Sein Core-Prozessor konnte in einer Dreihundertstelsekunde Geschwindigkeit und Winkel des heranfliegenden Balls analysieren und dann, abgestimmt auf die Eigenheiten des Gegners, exakte und vernichtende Rückschläge verpassen. Tatsächlich hatte er das Finale auch gewonnen, und zwar mit 6:0 und 6:1 (sein einziges verlorenes Spiel war das Ergebnis der Teilstrategie des „den Gegner in Sicherheit wiegen“) und damit den weltbesten Spieler vernichtend geschlagen. Leider aber hatte der Designer von R2DII eine wichtige Sache vergessen: Weil dem Cyborg ein Programmmodul zum Urinieren fehlte, war R2DII nicht in der Lage, den anschließenden Urintest zu bestehen, und so fiel die Goldmedaille letztlich doch einem anderen zu.

Obschon nicht als Pförtner tätig, heftete er in diesem Moment seine Augen auf 16 Bildschirme. Es hatte tatsächlich etwas von einer Videoüberwachungsanlage, denn auf diesen 16 Bildschirmen geschah alles gleichzeitig, in simultanen Aufnahmen von unterschiedlichen Raumausschnitten. Auf diese Weise nämlich konnte das Fernsehpublikum die Olympiade 2032 mitverfolgen. Einer Videoinstallation ähnlich reihten sich an einer Bildschirmwand sechzehn verschiedene Blickwinkel aneinander: eine Sicht aus der Vogelperspektive ermöglichte den Blick auf die Laufstrecken der Spieler; ein Tracking-Shot, der dem letzten Verteidiger nachfolgte, erlaubte eine klare Beurteilung von Abseitsstellungen, außerdem gab es Nahaufnahmen, auf denen man den Gesichtsausdruck des Trainers und der Gäste auf der VIP-Tribüne mitverfolgen konnte, sowie einen Bildschirm, der ständig wie in Erinnerung versunken spezielle Reviews in Zeitlupe präsentierte. All dies konnte er gleichzeitig beobachten. Am meisten mochte er den Blickwinkel aus dem Inneren des Tornetzes: Bei jedem Torschuss war es, als bewiese diese orgasmusartige Erschütterung, dass das ganze Abwarten zuvor nur ein Vorspiel gewesen war.

Bezüglich des ersten olympischen Wolkenkratzer-Drahtseil-Wettkampfs entfachten sich heftige Diskussionen. Denn als der führende französische Seiltänzer Philippe Grand sich dem Ziel näherte, zog er sein iPhone 12s und eine eigens entwickelte Handyhalterung aus der Tasche, befestigte es am einen Ende der Gleichgewichtsstange und erlaubte sich den Spaß, damit Selfies zu schießen. Erst als er sogar nach drei Instagrams noch von keinem überholt worden war, ging er mit lässigen Schritten auf das Ziel zu. Alle vier Schiedsrichter waren sich über seinen Sieg einig, denn in den Regelungen zum Seiltanz-Wettkampf waren keinerlei Restriktionen bezüglich der Handynutzung erwähnt. Die Medien jedoch verurteilten Grands Handlung größtenteils als respektloses Verhalten gegenüber seinen Mitstreitern.

Das Kunstturnen im Space-Stadion der Olympiade 2032 fand in einem 10 Quadratmeter großen silbern ausgeleuchteten Raum statt. Die Sprünge und Drehungen der Astronauten im schwerelosen Zustand erinnerten an die eleganten Dehnbewegungen in Zeitlupenaufnahmen. Das Performance-Thema des russischen Astronauten war „Body Lyrics“, er formte mit seinen Posen kyrillische Buchstaben nach. Leider konnte in der Jury kaum einer Russisch. Ein Anflug von Absurdität zeigte sich, als der englische Astronaut, der dasselbe Thema gewählt hatte („Body Lyrics“ hatte einen Schwierigkeitsgrad von 3.3, der damals schwierigste Grad von Space-Gymnastik), die Meisterschaft gewann: Er parodierte den Satz von Oscar Wilde: „We are all in the gutter but some of us are looking at the stars“, indem er ihn in einen anderen Kontext stellte: „We are all in the outer space, but some of us have floated up“.

Die Olympiade 2032 bediente sich in großem Umfang der LVR-Technik (Live Virtual Reality). Die Zuschauer konnten sich eine Brille aufsetzen, mit der sie die Wettkämpfe auf eine völlig neuartige Weise verfolgen konnten: Schwimmturniere etwa ließen sich aus der Unterwasserperspektive mitverfolgen, beim Hochsprung konnte man aus der Sicht der Matte sehen, wie die Athleten nach ihrem Satz über den Balken niedersprangen, und für die Wasserball-Turniere waren eigens durchsichtige Bälle gefertigt worden, so dass man durch eine im Innern des Balls installierte LVR-Minikamera eine ungewöhnlich besondere „subjektive Sicht“ aus dem Ball hatte. Dieselbe Technik fand auch beim Wasserspringen Verwendung, wobei eine wasserdichte LVR-Minikamera oben an der Schwimmkappe befestigt wurde. Zudem besaßen die LVR-Brillen auch noch eine Menge Suchfunktionen, so dass man etwa beim Antippen der Wettkämpfer mit einem speziellen Pointer in Echtzeit statistische Angaben und historische Daten abfragen konnte.

Das Originellste und Überraschendste an der Olympiade 2032 war der Moment, als zu Mittag das Olympische Feuer entfacht wurde: Ebenso wie beim neu als Sportart integrierten Seiltanz, zeigte sich auch hier, wie stark die allgemeine Verbreitung der Hochtechnologie im täglichen Leben mit einer paradox anmutenden, gegenläufigen Forderung nach „Wahrheit und Echtheit“ einherging. Zwölf Fackelträger standen in kompletten Spiegel-Overalls (außer der Augenpartie war der gesamte Körper von der Spiegelfläche abgedeckt) um das Olympische Feuer herum, und bald erhob sich langsam eine gigantische Säule aus Eis. Die Fackelträger erhoben ihre Fackeln und schmolzen die Säule allmählich in eine Linse zum Sammeln des Sonnenlichts. Mit einem Mal flammte ein loderndes Feuer empor, und die Eislinse löste sich allmählich in Nichts auf. Damit waren die Olympischen Festspiele 2032 eröffnet.