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Kurzgeschichte
Der Mann, der die Zeit erhellte (Teil 1)

„Es besteht keine logische Notwendigkeit, dass die Zeit mit anderen physikalischen Größen interagieren muss. Dies ist nur eine natürliche Gesetzmäßigkeit des Universums. Wäre es theoretisch möglich, dass sich die Zeit von anderen physikalischen Größen abkoppelt?“

Von Wanxiang Fengnian (万象峰年)

Die Handleuchte wurde von einer hageren Hand außerhalb der Gitterstäbe abgestellt, gerade so weit weg, dass er sie mit ausgestreckter Hand nicht hätte erreichen können.

Durch das kleine Kellerfenster schimmerte die Abendsonne hell auf den vom Leuchtenträger aufgewirbelten Staub. Der Häftling hinter den Gitterstäben blickte auf den Mann mit der Handleuchte, der ihm vorkam wie ein Gespenst, das in unstetem Wechsel auftauchte und verschwand. Allerdings nicht, dass er wirklich verschwunden wäre – der Mann war immer da. Nur dass er sich bisweilen am Rande des Raumes auflöste, um dann gleich wieder am anderen Rand zu erscheinen, etwas frische Luft mit sich bringend.

Der Häftling schnupperte. Diesmal war es ein ihm unbekannter Geruch, wohl irgendein Arzneimittel. Der Leuchtenträger ließ sich auf das nebenanstehende Feldbett sinken und reckte seine Glieder. Das Knacken der Gelenke mischte sich zum Geräusch der Liege, dann wurde es still.

„Hast du auch diesmal vor, kein Wort zu sagen?“, fragte der Häftling.

Der Leuchtenträger blieb stumm, als hätte er mit dem Häftling gar nichts zu tun. Alles versank in absoluter Stille. Der Häftling wartete. Er wartete, bis der mit der Leuchte eingeschlafen war und dann wieder aufwachte. Am Fenster stand immer noch das abendliche Sonnenlicht.

„Gestern – nein, wohl beim letzten Schlaf – hattest du einen Alptraum. Als ob dich irgendeine Schuld plagen würde“, sagte der Häftling.

Der Leuchtenträger erstarrte einen Augenblick und die Leuchte an seiner Hand geriet leicht ins Schwanken. Es war keine Flamme darin und sie gab auch kein Licht von sich. Sie hatte nur eine pechschwarze kristallähnliche Leuchtröhre, die wie von einem unsichtbaren Mondlicht schimmerte.

„Mmh“, machte er. Der Häftling lachte leicht auf. „Bist du also ein Monster oder ein Magier?“

Ohne sich umzublicken meinte der Leuchtenträger: „Nein, ich bestrafe nur dein Verbrechen.“

Der Häftling weitete fast unmerklich die Augen: „Du...“

Der Leuchtenträger war bereits weg, und im Raum hinter ihm blieb der Häftling in seinem angefangenen Satz stecken.

Die Handleuchte bewegte sich schwankend durch die Silhouetten der Bäume. Der Leuchtenträger ging durch den Wald. Alles im Umfeld der Handleuchte begann neu zu erwachen. Der in der Luft erstarrte Wind wurde frei, fuhr dem Mann abflauend über die Wangen und verflüchtigte sich im begrenzten Raum. Das im Wind steckengebliebene Zirpen der Insekten drang an sein Ohr, um sogleich wieder zu verstummen. Die Blätter der Bäume fuhren ihr unbeendetes Schaukeln fort, begleitet von einem feinen Säuseln. Ein paar Schritte weiter wurden die Insekten auf den Zweigen belebt und ihr Surren schwoll laut an, als wären sie auf einem kurzzeitigen Karneval. Ein in der Luft stehengebliebener Vogel schoss pfeilschnell heran, dem plötzlich aufgetauchten Menschen in einer jähen Kurve ausweichend, um dann auf der anderen Seite wieder in der Luft anzuhalten. Wo die Sinne des Leuchtenträgers hinreichten, schöpften die Bäume mit ihrem Wurzelwerk wieder Wasser aus der Erde, Laubfrösche schufen im Innern durch Oxidation neue Energie für ihren nächsten Sprung, die Myzelien der Schimmelpilze setzten ihre ungeheure Spaltung fort, und Milliarden von Sporen setzten ihr lange erstarrtes Dahintreiben fort. Wenn der Leuchtenträger ein wenig stolperte und sein Schritt langsamer wurde, schienen die meisten Stimmen im Umraum an den Seiten des Raumes festzufrieren. Kein Laut drang von weiter weg heran, ringsum wurde es totenstill. War der Mann vorbeigegangen, hörte das Gras hinter ihm augenblicklich auf zu schwanken, fallende Blätter verblieben in ihrer letzten Stellung, noch bevor sie den Boden erreicht hatten, und jeder Windstoß, jedes Vibrieren der Luft, wurde im Leerraum versiegelt, so wie auch alle Sporen, die ihr Ziel noch nicht erreicht hatten. Ohne ein einziges Stöhnen kehrte sich alles in eine scheinbar ewige Stille.

Die winzige Zeitblase durchquerte den Wald, zog dann weiter durch einen Bereich der Stadt und kam in einen Häuserkomplex.

Es war ein Forschungsinstitut, das der Leuchtenträger nur zu gut kannte. Die Praktikanten, die gerade von der Arbeit kamen, steckten noch immer im Plaudern und Lachen. Der Leuchtenträger umging sie sorgfältig und betrat eines der Gebäude. An einem Arbeitstisch öffnete er, noch behutsamer als bei allem, was er sonst tat, die Hülse der Leuchte und setzte Kabelspulen, Schaltungen und das Kerngehäuse frei. Nachdem er alles mit einer Staubpistole gereinigt hatte, schloss er ein Messgerät an und entnahm verschiedene Messwerte. Dann fügte er etwas Antioxidanslösung bei, damit das kleine Gerät in einwandfreiem Zustand blieb. All das war recht zeitaufwändig, doch es lohnte sich. Schließlich setzte er alles wieder zusammen und begab sich in ein Bibliothekszimmer.

Dort war es dämmrig; es fehlte die Elektrizität, die die Lampen zum Leuchten gebracht hätte. Immerhin würde es auch nicht dunkler werden. Auch der Computer funktionierte nicht. Selbst wenn er eine Stromquelle hätte besorgen können, hätte er sich ja noch übers Internet mit dem Server verbinden müssen. Das einzige worauf er sich jetzt noch stützen konnte, um nach Anhaltspunkten zu suchen, waren einige wenige Unterlagen auf Papier. Er ließ sich zwischen einem Haufen technischer Handbücher nieder. Es war noch genau gleich, wie er es beim letzten Mal verlassen hatte. Nicht einmal die Notizen, die er mit einem Tintenschreiber in ein Heft geschrieben hatte, waren getrocknet. Er schaltete ein batteriebetriebenes Licht ein und setzte seine Arbeit fort.

Diesmal fand er ein paar neue Hinweise.

Als er den Raum verlassen hatte und den Hof zwischen zwei Gebäuden passierte, hielt er inne. Eine von der Abendsonne beschienene Bank sah aus wie von Gold überzogen. Er ging hin und befühlte die Sitzfläche. Sie war noch warm von der Person, die eben noch hier gesessen hatte. Da kam ihm das Gespräch in den Sinn, das er hier zur selben Zeit mit seinem Professor geführt hatte.

„Kann man es so verstehen: In der Evolution des Universums kreisen sämtliche physikalischen Größen um jene der Zeit, verbinden sich mit ihr und bilden eine bestimmte Evolutionsrichtung, also das, was wir den Zeitpfeil nennen?“, hatte derjenige, der er damals war, gefragt.

„So ist es. Das ist prägnant zusammengefasst.“

„Mir ist eine Frage durch den Kopf gegangen, die ein wenig beängstigend ist. Was meinen Sie, Professor, ist es möglich, dass unser Universum die Zeit verlieren würde?“

„Die Zeit verlieren?“

„Es besteht keine logische Notwendigkeit, dass die Zeit mit anderen physikalischen Größen interagieren muss. Dies ist nur eine natürliche Gesetzmäßigkeit des Universums. Wäre es theoretisch möglich, dass sich die Zeit von anderen physikalischen Größen abkoppelt?“

Über die Augen des Professors huschte ein Grauen. Er blickte zum Himmel, wo sich die Sonne gerade dem Horizont zuneigte. Dann schüttelte er den Kopf und stand auf. „Diese Frage geht übertrifft mein Vorstellungsvermögen.“

Weder der Leuchtenträger noch der Professor hätten je gedacht, dass dieses Grauen bald in den Augen der ganzen Menschheit auftauchen würde.

In einem anderen Forschungsgebäude fand er sein nächstes Ziel: „Wang Chulin, Mitarbeitende bei der Entwicklung von Leistungsmodulen für den Zeitgenerator.“

„Ja...“ Die junge Wissenschaftlerin schien eben erst erwacht zu sein; sie war noch ganz verschlafen. „Was kann ich für Sie tun?“ Verwirrt blickte sie um sich. „Woher kommen Sie denn?“

„Die Entkoppelung der Zeit ist bereits im Gang“, erklärte der Leuchtenträger unumwunden.

„Soll... soll das ein Scherz sein? Ich kenne Sie gar nicht!“ Schnell wich sie ein paar Schritte zurück. Doch kaum war sie außer seiner Reichweite, stand sie still.

Der Leuchtenträger hob einen Kiesel vom Boden auf, machte einen Schritt auf sie zu und warf ihn nach vorn. Der Kiesel blieb in der Luft stehen. Verblüfft sperrte Wang den Mund auf. Dann trat sie selbst einen Kiesel los. Der Stein rollte an die acht Meter voran, um dann plötzlich anzuhalten, als hätte man eine Stopp-Taste gedrückt. Wie der Leuchtenträger nun voranging, bewegten sich die beiden Kiesel im Takt seiner Schritte Strecke für Strecke weiter.

Er wandte sich um und sagte zu Wang: „Das Unglück ist früher eingetreten als erwartet. Die allermeisten physikalischen Größen sind von der Zeit abgekoppelt.“ Seine Augen wirkten wie zwei schwarze Löcher.

Vor vier Jahren hatten Messungen ergeben, dass sich im Universum in naher Zukunft die Zeit entkoppeln könnte. Die Theorie über Zeitenkoppelungsfelder, die von Physikern der ganzen Welt mit vereinten Kräften erarbeitet worden war, musste umgesetzt werden, noch bevor sie ausgereift war. Selbst in China, der weltweit führenden Nation, war derzeit erst ein Test-Prototyp vorhanden. Die Katastrophe kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, gut fünfzig Jahre früher, als wissenschaftliche Prognosen es berechnet hatten. Als es geschah, war der Prototyp gerade in Testlauf, und der einzige Zuständige, der zugegen war, war der Leuchtenträger.

Er brauchte fünf Minuten, um Wang die Situation klarzumachen – das war schon viel leichter, als wenn er es sonst jemandem erklären musste.

„Ich versuche jetzt herauszufinden, wie ich diesen Zeitgenerator kopieren kann“, sagte er, „und ich möchte, dass Sie dafür die Leistungsmodule herstellen.“

„Ich kenne mich nur mit Prinzipdesign aus. Das Testgerät verwendet eine Radioisotop-Batterie, dafür muss fast jedes Teil auf Bestellung gefertigt werden, und die Anforderungen an die Herstellung sind extrem hoch. Für ein ganzes Leistungsmodul braucht es... drei Forschungsinstitute und vier verschiedene Fabriken mit etwa hundert professionellen Technikern.“ Wang Chulin betrachtete das Gerät an der Hand des Leuchtenträgers. Rund und glänzend sah sie aus, so unwirklich, als käme es gerade aus der Gussform. „Nun gut, ich versuche mein Bestes.“ Sie warf noch einmal einen Blick darauf.

Der Leuchtenträger war wieder da, keine Sekunde nachdem er weggegangen war. Er stellte die Handleuchte ab und legte sich auf das Feldbett.

„Nun bist du schon mehr als drei Wochen hier, und die meiste Zeit schläfst du“, bemerkte der Häftling.
„Warum kennst du die Zeit?“, fragte der Leuchtenträger verwundert und glich die erwähnte Zeit mit seiner Armbanduhr ab.

„Ich weiß zwar nicht, was für einen Zauber du hier vollführst. Aber wir Jäger haben ein feines Gespür für das Vergehen der Zeit.“

Der Leuchtenträger lachte höhnisch: „Auch Mörder haben ein feines Zeitgespür.“

„Ich akzeptiere die Konsequenzen. Aber was dich betrifft, sieht es eigentlich nicht danach aus, als würdest du mich hier einsperren, sondern vielmehr dass du auch dich selbst hier einsperrst. Warum willst du mit mir zusammen sein?“

„Diese Frage brauche ich nicht zu beantworten“, gab der Leuchtenträger zurück und kehrte ihm den Rücken zu.

Das halbe Labor war von Testgeräten und Stromgeneratoren vollgestellt. Der Leuchtenträger und Wang Chulin hatten fast den ganzen Tag lang alles herbeigeschleppt. In einem Heft notierte der Leuchtenträger, wo sie die Sachen gefunden hatten; das ersparte reichlich Zeit.

Erschöpft ließen sie sich auf Stühle sinken. Der Leuchtenträger schraubte die Handleuchte auf, um sie zu warten. Als Wang aufstand und die Leuchte anfassen wollte, rief er: „Hände weg!“

Sie zog die Hand zurück.

„Wenn du den Aufbau verstehen willst, dann lass mich es machen. Sie berühren darf nur ich allein. Wir dürfen uns keine unerwarteten Risiken erlauben.“

„Gibt es auf der ganzen Welt nur diesen einen Zeitgenerator?“, fragte Wang.

„Vermutlich ist dies die letzte Zeit im ganzen Universum.“

Wang sog erschrocken Luft ein und trat einen Schritt zurück. Dann blickte sie angstvoll hinter sich und kam wieder näher.

„Deshalb müssen wir so schnell wie möglich eine Kopie anfertigen. Sonst wird keine Zeit mehr existieren, wenn dieses Gerät mal einen Defekt hat.“

Wangs Bewegungen wurden sanfter, ihre Stimme leiser. Behutsam setzte sie sich und blickte ihn unverwandt an.

Nach einer Weile meinte er: „Ich hole was zu essen, bin gleich wieder da.“

„Nein!“ Wie vom Blitz getroffen sprang Wang Chulin auf. „Lass mich hier nicht allein... ich gehe mit!“

„In deiner Zeit bin ich schon nach einer Sekunde wieder da.“

„Nein, ich will nicht wieder aus der Zeit rausfallen, ich gehe, ich gehe auch...“ Ihre Worte klangen etwas verwirrt.

Der Leuchtenträger nickte.

Sie kamen in einen Supermarkt. Es war Freitagnachmittag gewesen, als die Zeit sich entkoppelt hatte; viele Leute tätigten gerade ihre Einkäufe. Als sie sich dem Eingang näherten setzte ein lautes Stimmengewirr an, und während sie an den Lagerregalen vorbeigingen, wurden die Menschen in ihrem Umfeld wiederbelebt, gerade so als hätte man bei einer Alltagsserie auf Start gedrückt. Die einen suchten mit gesenktem Kopf ihre Waren aus, andere flüsterten sich etwas zu, manche schlenderten mit ihrem Einkaufskorb voran. Stimmen schwirrten durch die Luft, man hörte die Leute über das Zeitgeschehen und über Klatsch reden, und ein junges Pärchen stritt sich, was sie zu Abend essen wollten.

Unwillkürlich war es Wang, als müsste sie nun ihre Einkäufe erledigen und dann zuhause das Essen kochen – als wäre dieser Leuchtenträger vor ihr nur der Phantasie entsprungen.

„Geh weiter, lass dich nicht auf Diskussionen ein, gib keine Erklärungen ab“, mahnte der Leuchtenträger.
Wang beschleunigte ihren Schritt, um ihn aufzuholen und blickte sich nach den Menschen um, die hinter ihr anhielten.

Die meisten hatten nichts bemerkt von der winzigen Veränderung durch die vorbeigehende Zeitblase. Ihr Leben verlief schon wieder in den gewohnten Bahnen, um dann gleich wieder zu erstarren.

„Abends“ machten sich die beiden zum Schlafen ein einfaches Lager am Boden zurecht.

„Versprich mir, dass du nicht weggehst, während ich schlafe“, bat Wang.

„Mmh“, machte der Leuchtenträger.

„Versprich es mir!“, insistierte sie.

„Ich verspreche es dir.“

Wang schlüpfte in ihren Schlafsack und gab ein Geräusch von sich, das wie ein Aufschluchzen klang. Der Leuchtenträger zog die Leuchte zu sich heran und hielt die angebundene Schnur fest. Dass der Mensch schlafen muss, war ihm richtig zuwider.

Noch immer schien die Abendsonne.

Jeden „Tag“ erkundigte sich der Leuchtenträger bei Wang Chulin nach dem neusten Stand, oft sogar zwei Mal. Die Sache ging nicht wie erhofft voran. Sie mussten bestehende Teile für ganz bestimmte Funktionen zusammenbasteln, und das war alles andere als einfach.

„Hast du Kinder?“, fragte Wang einmal. Sie war gerade am Computer und betätigte die Maustaste. Sie kam nun nicht umhin zu lernen, wie man Schaltkreise zeichnete.

Der Leuchtenträger stutzte. „Nein.“

„Ich habe einen Sohn. Er ist sechs. Wegen der vielen Arbeit konnte ich mich nicht um ihn kümmern. Das nimmt er mir übel. Er ist nicht gern mit anderen zusammen; in der Schule wird er oft geplagt.“ Ihre Stimme wurde weicher. „Bei Gelegenheit möchte ich das wieder gutmachen.“

„Das kannst du sicher“, meinte der Leuchtenträger.

„Ich möchte ihn besuchen.“

„Wo denn?“

„Gleich am Stadtrand, in einer Holzhütte. Er verbringt dort die Ferien.“ Wang nannte den genauen Ort.
Der Leuchtenträger sann eine Weile nach und sagte dann: „Das geht nicht, wir haben keine Zeit.“

„Wir können mit dem Auto hinfahren, das nimmt nicht allzu viel Zeit weg. Gleichzeitig könnte ich auch frische Luft schnappen und mich etwas inspirieren lassen.“

„Wir wissen nicht, wie lange dieser Zeitgenerator noch läuft. Womöglich fehlt uns am Ende genau diese halbe Stunde. Dieses Risiko können wir nicht eingehen.“

„Bitte...“, machte Wang fast flehentlich.

„Tut mir leid, wir sind die Hoffnung der Menschheit.“

An jenem „Abend“, erst nachdem Wang Chulin schon lange eingeschlafen war, stand der Leuchtenträger auf und ging. Er nahm ein Heft, schlug eine Seite auf und begab sich gemäß den Angaben in ein anderes Labor. Hier saß ein dicklicher, blasser Forscher, der mit der Arbeit auch nicht recht vorankam und gerade eine verzagte Miene machte.

„Warst du eben weg?“ fragte der aufmerksam gewordene Forscher.

„Nein“, gab der Leuchtenträger zurück.

Der Forscher nickte und machte sich wieder an die Arbeit.

Gemeinsam analysierten sie einige Testergebnisse. Als der Forscher sich umdrehte, um die Daten einzutragen, ging der Leuchtenträger wieder weg.

Nachdem er noch weitere Labors inspiziert hatte, kam ihm etwas in den Sinn. Er stieg ins Auto und fuhr zu jener Holzhütte am Stadtrand. Mit einer hydraulischen Klammer aus dem Wagen brach er das Türschloss auf.

Drinnen lag Heugeruch in der Luft, die Sonne warf ihre schrägen Strahlen durch die Ritzen der Holzlatten, und der Staub wirbelte durch die Streifen zwischen Licht und Schatten, wie Plankton, das im tiefen Meer darauf wartet, gefressen zu werden. Hier gab es keine Kinder. Kein Mensch war da.

Da stieß der Leuchtenträger mit dem Kopf an etwas. Wie er aufblickte, baumelte eine blitzende Sichel über seinem Kopf.

In seinem Heft strich er eine Seite durch. Er ging nicht wieder zu Wang Chulin.

Er wusste nicht, wie oft er den Leuchtenträger schon hatte aufwachen sehen. Der Häftling grüßte gewohnheitsmäßig.

„Guten Morgen“, gab der Leuchtenträger zurück.

„Nun sprichst du.“ Der Häftling grinste. „Wo warst du denn wieder?“

„Woran merkst du, dass ich draußen war?“

„Der Geruch um dich ist jedes Mal anders. Auch die kleinen Narben verändern sich. Ein paarmal hast du, ohne darauf zu achten, die Kleider gewechselt.“

„Sieh einer an.“

„Ist es etwa so, dass du in einer andern Zeit lebst als ich?“

„Man könnte es wohl so nennen. Nun, eigentlich...“ Der Leuchtenträger überlegte eine Weile. „Eigentlich brauche ich es dir nicht zu verschweigen.“

Und er erklärte dem Häftling das universale Verhängnis mit der entkoppelten Zeit, wobei er viel mehr Zeit aufwandte als sonst, wenn er es jemandem erklärte. Der Häftling allerdings brauchte weit weniger Zeit, die Tatsache zu akzeptieren, als andere.

„Heißt das, dass du mir eigens Zeit gibst, um mich zu bestrafen?“, fragte er.

„Ja. Du hast mit deinem Gewehr meine Exfrau angeschossen.“ Gewaltsam unterdrückte der Leuchtenträger eine Gefühlswallung.

Der Häftling verfiel in Schweigen. „Ich akzeptiere deine Strafe. Wie geht es ihr nun?“

„Eine lebensgefährliche Wunde. Sie liegt im Krankenhaus. Nur dank dieser Katastrophe ist sie noch nicht gestorben. Doch von Glück kann man da wohl kaum reden.“

„Warum willst du, dass die Zeit wieder in Umlauf kommt? Dann wird sie ja sterben.“

„Sie wird es nicht bereuen“, sagte der Leuchtenträger.

„Du verstehst sie. Du liebst sie noch immer“, murmelte der Häftling. „Warum habt ihr euch denn scheiden lassen?“

Der Leuchtenträger stand auf und verschwand.

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