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Die Zukunft des Geschichtenerzählens
Du hast alles schon mal gehört

screen shot 24/09/2018 um 20:01:45
© btr

Hey Siri: "Wie wird man in der Zukunft Geschichten erzählen?" "Sie wurden schon erzählt."

Ich bin nicht überzeugt und frage nochmal mit anderen Worten. "Mit welchen narrativen Formen wird man zukünftig erzählen?"  "Du hast bestimmt schon alles gehört, da bin ich sicher", sagt Siri.

Von btr

Wahrscheinlich hat Siri recht. Es gibt auf Erden nichts Neues. Vielleicht ist die Zukunft schon in der Gegenwart, wenn nicht sogar in der Vergangenheit angelegt. Dann befänden wir uns in einer Art Inkubationszeit der Zukunft. Im Chinesischen wäre das eine Tautologie. Zukunft heißt weilai, wei bedeutet nicht, lai kommen: Die Zukunft oder das nicht Gekommene ist noch nicht gekommen. Der Satz unterschlägt, dass das nicht Gekommene in diesem Moment als eine stille "Zukunft" schon da ist. Ich stelle mir vor, ich wäre ein künftiger Archäologe, der heutige Spuren und dabei vor allem jene Stellen untersucht, die bereits zur Zukunft gehören.
 

Betrachten wir zunächst einmal den Bereich der Schrift, also Geschichten, die mittels Sprache erzählt werden: Sind Keime einer Sprache zukünftigen Geschichtenerzählens schon vorhanden? Möglicherweise ja, wie das Himmelsbuch (天书) und das Erdbuch (地书) von Xu Bing (徐冰) zeigen. Im Himmelsbuch schreibt er lateinische Buchstaben in der grafischen Struktur chinesischer Schriftzeichen und schafft so tausende unlesbarer chinesischer Zeichen also eine neue babylonische Sprachverwirrung. Werden die Menschen in der Zukunft gleichzeitig verschiedene Sprachen zum Erzählen benutzen? Oder einfach wie Xu Bing eine neue Spezialsprache für Geschichten schaffen? Das Erdbuch beschreitet einen ganz anderen Weg: Hier wird in international gebräuchlichen Emojis eine Geschichte erzählt. Die Verwendung dieser Weltsprache reißt die sprachliche Trennung verschiedener Kulturen ein.
 
Title page of Chinese artist Xu Bing’s A Book from the Sky Foto: Jonathan Dresner CC BY-NC-ND 2.0, via flickr Kann aber eine solche gemeinsame Sprache die Feinheiten der unterschiedlichen Kulturen rüberbringen? Nehmen wir die Inuit mit ihren vier, einige behaupten gar hundert Worten für Schnee: Kann man mit dem einen Schnee-Emotikon die Unterschiede überhaupt ausdrücken? Je nachdem wie lange man auf das Schnee-Icon am Handy drückt, könnten vier verschiedene Emojis entstehen. Oder um es in der Sprache der Semiotik zu sagen: Das Signifikat müsste exakt mit dem Signifikanten korrespondieren. Wenn wir diesem Weg weiter folgen, finden wir noch andere Beispiele, wie unsere Sprache mithilfe bereits exisierender Sprachen erweitert wird.

Sei es der Gebrauch des Shanghai-Dialektes in Blossoms von Jin Yucheng (金宇澄) oder des Neapolitanischen in Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, wodurch die jeweilige Hochsprache ergänzt wird.

Ebenso kann man durch Zeichensetzung quasi zwischen den Zeilen den Inhalt erweitern. Der Artikel ''A Primer for the Punctuation of Heart Desease'' von Jonathan Safran Foer im New Yorker (Juni 2002) ist ein interessantes linguistisches Experiment. Der Autor erfindet hier neuartige Satzzeichen wie Silence Mark, Willed Silence Mark, Insistent Question Mark, Unexclamation Point oder Low Point, um die feinen Emotionen zwischen den Sätzen zu beschreiben. Seine Satzzeichen führen die Erzählkunst zu ihrem Ursprung zurück, zur Erkundung des Wesens der Sprache. Dabei werden ihre Grenzen ausgelotet und Mittel gesucht, sprachliche Unmöglichkeiten wettzumachen.

A Primer for the Punctuation of Heart Disease auf The New Yorker © The New Yorker Die Schriftsprache ist aber nicht das einzige Medium des Geschichtenerzählens. Wenn jede Zeit ihr bevorzugtes Medium hat, dann war es Anfang des 20. Jahrhunderts vielleicht der Roman, heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist es der Film. Obwohl das Zusammenspiel von Bild und Ton die Möglichkeiten des Geschichtenerzählens vervielfachen müsste, sind seine Formen dank Kapital und marktbedingter Kompromisse zunehmend einseitig und begrenzt. Die sogenannten Hollywood Blockbuster sind eher ein Produkt als ein Kunstwerk. Nur in wenigen avantgardistischen Filmen und künstlerischen Werken findet man neue Formen cross-medialen Erzählens.

Im 3D-Film Adieu au Langage (Jean-Luc Godard 2014) steht weniger die Affaire zwischen einem Mann und einer verheirateten Frau im Mittelpunkt, als vielmehr die neue Art der Wahrnehmung durch das Zusammenspiel verschiedener Medien plus der von Godard verwendeten Sprache. Damit schuf er eine ganz neue Filmsprache: poetisch, humorvoll, leichtfüßig, mit einer Montage voller Brüche und Wiederholungen, sowie der "falschen" Verwendung des stereoskopischen Effekts, die den Zuschauer schwindlig machte. Godard selbst meinte, er habe fast kein Wort gesprochen, sondern vielmehr nach den Lücken in der Sprache gesucht.

Wie Marcel Duchamp in seinen Readymades nimmt Godard Aussprüche von Zhou Enlai, Oscar Wilde, Platon, Dostojewski und anderen, manchmal legt er auch seine eigenen Worte einer bekannten Persönlichkeit in den Mund, um über diese Fragmente zu diskutieren und den Zuschauer zu verwirren. "Ein jeder hat die Möglichkeit, Gott zu töten, doch niemand tut es." "Die Bilder haben die Gegenwart getötet." "Ein Tier kann nicht nackt sein, weil das Tier an sich nicht angezogen ist." "In der Zukunft brauch jeder Mensch einen Dolmetscher." "Die Leute, denen es an Vorstellungskraft mangelt, suchen im Realismus Schutz." "Das heute zu diskutieren, wäre zu früh." "Der Stamm der Chikawah nennt die Welt Wald." Solche Zitate verweisen bereits auf zukünftige Metaerzählungen.
 

Noch weiter geht Tino Sehgal, wenn er Tanz, Theater, Sound und andere künstlerische Zutaten mischt, um seine konstruierten Situationen zu schaffen. Er kommt damit meiner Meinung nach dem zukünftigen Erzählen am nächsten. Auf der Dokumenta 13 (2012) stellte er This Variation vor. In einem fast stockfinsteren Raum singen, tanzen, summen, klatschen oder erzählen ca. 20 Darsteller und der Zuschauer erlebt diesen Raum und die Atmosphäre darin, wobei seiner Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt werden. Museumsraum und realer Raum verschmelzen miteinander und statt Geschichten nur zu lesen oder zu sehen entsteht hier eine zusammengesetzte ganzheitliche Erfahrung. Dabei benutzt er keine Technologien wie Augmented Reality, Virtual Reality oder Artificial Intelligence und schafft doch etwas völlig Neues: Er erzählt mittels seiner konstruierten Situationen eine Geschichte, so als ob er eine neue Realität schaffen würde. Diese ganzheitliche Erfahrung lässt alles anders erscheinen, wenn man aus dem dunklen Raum heraustritt.

Siri hat recht, wenn sie sagt, du hast schon alles gesehen. Zukünftige Erzählformen folgen vielleicht nicht  außergewöhnlichen wissenschaftlich-technischen Entwicklungen, sondern benutzen verschiedene Medien, um wieder zum Wesen des Geschichtenerzählens zurückzukehren. Oder wie der französische Literaturkritiker Jean-Claude Lebrun sagte, sollten gute Geschichten den Leser mit beiden Füßen in diese Welt stellen, seinen Blick schärfen und sein perzeptives Sensorium weiten. Man müsse das Gefühl haben, der Alltag sei außergewöhnlich und neu. Sobald der Leser die Augen vom Buch hebe, sehe er seine Umwelt wie im Roman, als sei es das erste Mal.

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