Fokus: Stadtwärts! Landwärts! Auf der Suche nach dem ländlichen China

Ausstellung im Dorf, 2012
Ausstellung im Dorf, 2012 | Foto: Zhu Rui

Während sich Chinas Künstler in den großen Städten konzentrieren, verkommt das Land immer mehr zur Kulturwüste. Der Kurator Ou Ning will diesem Trend mit seinem Bishan-Projekt entgegenwirken und gleichzeitig zur Wiederherstellung sozialer ländlicher Strukturen beitragen.

Erst nach dem großen Gemetzel während zweier Weltkriege und dem späteren Härtetest der Periode des Kalten Kriegs kam es in Europa zur politischen Verwirklichung der Europäischen Union. In China waren zwar die erstmals in den Wirren auf den europäischen Kriegsschauplätzen geborenen Ideen von Volksbildung und ländlichem Aufbau während der Republik eine Zeitlang in Mode, konnten aber nichts gegen das Siechtum der schon lange bestehenden politischen und gesellschaftlichen Zustände ausrichten. Die Reform, die Chinas Elite seit mehr als hundert Jahren vorschwebt, ist bis heute nur ein Torso geblieben. In dieser Zeitspanne gab es anhaltende Kriegswirren, ständige Machtwechsel, und ein ums andere Mal wurden neue Ideologien und gesellschaftliche Bewegungen hervorgebracht. Industrialisierungs- und Urbanisierungsbemühungen erodierten das Land; Chinas Grundschwäche, ein auf ländlicher Gesellschaft aufbauendes Land mit einer riesigen bildungsschwachen Bevölkerung zu sein, bewirkte, dass es den Anforderungen einer sogenannten „Modernisierung“ nicht gerecht wurde. Die Gebrechen nagen auch in der heutigen Zeit des sogenannten „aufsteigenden Chinas“ an der Substanz des Landes.

Sowohl die zuerst von Chinas Elite aus Europa eingeführten kommunistischen Politiklösungen als auch die heute aus den USA importierten liberalen Wirtschaftsmodelle bereiten China in Wirklichkeit ständig Probleme. Ob in der politischen Umsetzung oder bei der wirtschaftlichen Entwicklung – es geht lediglich um Parteienmacht und den Profit der oberen Gesellschaftsklassen. Das einfache Volk dieses Landes machte diese Lösung nicht zum wahren Subjekt der Geschichte. Die Entwicklung der Bildung und Fähigkeiten des Volks ist für das heutige China nach wie vor eine wichtige Aufgabe. Seit Beginn des Millenniums verschlimmern sich die durch die Industrialisierung und Urbanisierung entstandenen Probleme in Bezug auf das Dorf, die Landwirtschaft und die Bauern zusehends, und einige Intellektuelle machen sich nun erneut Gedanken über Chinas Entwicklungsrichtung. Dabei nehmen sie die gedanklichen Ressourcen zur Bildung des Volks und dem ländlichen Aufbau aus der Republikzeit wieder auf und initiieren allerorten moderne Bewegungen zum Aufbau des ländlichen Raums; über eine vielgestaltige Aufbaupraxis im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich gelangen sie zu einer Kritik der Globalisierung und exzessiven Urbanisierung, stellen die Bedeutung der ländlichen Probleme erneut heraus und forschen nach einem alternativen Entwicklungsweg für China.

Welche Antworten bietet die Kunst?

Das Bishan-Projekt wurde im Zuge eben jener historischen Entwicklung gestartet. 2011 machten Zuo Jing (左靖) und ich das Dorf Bishan (碧山) in Yixian in der Provinz Anhui zu unserer Arbeitsbasis und gründeten dort die „Bishan-Gemeinschaft“ – ein Experiment des gemeinsamen Wohnens und des ländlichen Aufbaus. In jenem Jahr luden wir aus Festland-China, Hongkong und Taiwan viele Künstler, Architekten, Designer, Musiker, Filmregisseure, Autoren und Studenten als freiwillige Helfer ein, Bishan und die umliegenden Dörfer zu besuchen und die örtliche Gesellschaft zu untersuchen. Darauf aufbauend arbeiteten wir mit den Dörflern zusammen und planten das erste „Bishan Erntefest“. Teil davon waren eine Präsentation zur Geschichte des Dorfs, zur Erhaltung und Revitalisierung von Wohnbauten und traditioneller Handwerkskunst, sowie eine Aufführung von regionalen Opern und lokaler Musik, die Produktion und Vorführung von Dokumentationsfilmen, sowie ein Erfahrungsaustausch zwischen Aktivisten unterschiedlicher Richtungen im Bereich des ländlichen Aufbaus. 2012 veranstalteten wir das zweite „Bishan Erntefest“, zu dem wir von der Regierung von Yixian mit der Planung des „Siebten Internationalen Fotografie-Festivals Yixian“ betraut wurden. Teilnehmer kamen aus Asien, Europa und Nordamerika, und das Thema des Festivals wurde um die Bereiche Umweltschutz, Solidarische Landwirtschaft, ländliche Wirtschaftskooperativen und Community-Hochschulen ergänzt.

Der Fokus des Bishan-Pojekts liegt dabei stets auf der Kunst als Ausgangspunkt des Dorflebens. Während sich viele ländliche Aufbauprojekte direkt in die politische und wirtschaftliche Sphäre des Dorfs einschalten, Organisationen und Hochschulen gründen, sind wir bei der Finanzierung von künstlerischen Großprojekten abhängig (so nahm das Bishan-Projekt mit mir als Kurator 2011 an der International Design Exhibition der Chengdu-Biennale teil und konnte dadurch an deren Etat teilhaben). Dazu kommt, dass bei unserem personellen Netzwerk und Arbeitserfahrungen das Künstlerische dominiert, und dass die Heimat des Bishan-Projekts, die Region Huizhou (徽州), für ihre kulturelle und historische Tradition und Vielfalt berühmt ist. Aus diesem Grund wählten wir die künstlerische Produktion als primären Ansatz für die Aufbaupraxis.

Ein Gegengewicht zur städtisch dominierten Kunst Chinas

Aus der Perspektive der künstlerischen Produktion beruht die Positionierung des Bishan-Projekts im ländlichen Raum auf einer Neubesinnung in Hinblick auf den gegenwärtigen Kunstbetrieb und seine Institutionen. Das heutige Kunst-Ökosystem ist zwar überaus vital, doch seine Abhängigkeit von staatlicher Autorität und kommerziellem Kapital wird immer schwerwiegender. Das ursprünglich von Europa und den USA ausgehende System von Kunstmuseen, Biennalen, Auktionen und Kunstausstellungen umspannt zwar schon den ganzen Globus, doch es ist bereits zu einem von Ländern und Städten geprägten Markenvertrieb und einem Investitionszirkus heruntergekommen. Die Kunst muss sich mit Fließbandproduktion nach Angebot und Nachfrage richten. Künstlerische Kreativität und Gesellschaftskritik verflüchtigen sich immer mehr. Der Ort der Produktion und Zirkulation von Kunst konzentriert sich zunehmend auf die bevölkerungsreichen und wirtschaftlich entwickelten städtischen Räume, ihre Wertschöpfung kommt dem randständigen ländlichen Raum in keiner Weise zugute. Dadurch entstehen Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten bei der regionalen Verteilung: Einerseits gibt es in den Städten künstlerische Ressourcen im Überfluss, auf der anderen Seite ist der ferne ländliche Raum eine einzige Kulturwüste. Dies bildet eine fast exakte Parallele zur heutigen globalen Verteilung im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Das Bishan-Projekt ist jedoch nicht nur ein Kunstprojekt. Sein Ausgangspunkt ist die Sorge um reale Gegebenheiten wie den durch Chinas übertriebene Urbanisierung verursachten Bankrott der Landwirtschaft, die Rückständigkeit des ländlichen Raums, die Entrechtung der Bauern und das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Das Projekt basiert auf den historischen Erfahrungen der seit Beginn der Republikzeit von Chinas Intellektuellen durchgeführten Bewegungen zum ländlichen Aufbau, sowie auf der kulturellen Praxis in den verschiedenen Regionen Asiens. Es schöpft aus dem Gedankengut aus Chinas traditioneller Philosophie der Landwirtschaft und des ländlichen Raums, ferner aus gegen Globalisierung und Liberalismus gerichteten linken Ideen, ja selbst aus der Geisteshaltung des Anarchismus. Die Kunst ist unser Ansatzpunkt, doch wir hoffen, dass durch unsere Arbeit am Land letztendlich auch die Politik und die Wirtschaft beeinflusst werden. Wir forschen nach einem Wirtschaftsmodell mit dem Bauern als autonomem Subjekt. Wir wollen einen positiven Kreislauf der gegenseitigen Nährung zwischen Stadt und Land aufbauen und von gegenseitiger Hilfe und von Austausch geprägte Arbeitsformen umsetzen. Wir wollen eine Gesellschaftsstruktur der horizontalen Kräfte errichten, Konsensentscheidungen anwenden, „direkte Aktionen“ umsetzen, die Selbstverwaltungstraditionen von Chinas ländlichem Raum wiederherstellen und Utopien reale Politik werden lassen – das sind die Dinge, die uns interessieren.

Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Autarkie und ihrer politischen Selbstverwaltung besaß Chinas traditionelle ländliche Gesellschaft stets eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen externe Krisen. Die Besonderheiten der ländlichen Gesellschaft Chinas wiederzuentdecken hat nichts mit Konservatismus zu tun. Da sich in der heutigen Zeit kein Land der Globalisierung entziehen kann, hätte eine auf ein „kleines Land mit wenigen Einwohnern“ zugeschnittene Regierungsweise im Sinne Laozis (老子) unter den heutigen realen Umständen keinen Bestand, gerade im Fall eines so großflächigen und bevölkerungsreichen Landes wie China. Bei der Wiederentdeckung der Besonderheiten der ländlichen Gesellschaft Chinas geht es darum, unter neuen historischen Bedingungen deren positive Aspekte zu übernehmen und mit offenem Blick nach einem neuen Weg mit chinesischen Besonderheiten zu suchen, abweichend von dem Europas und der USA ebenso wie dem anderer asiatischer Länder. Das ist im Großen und Ganzen die Zielsetzung des Bishan-Projekts, eines Experiments im ländlichen Raum – es versucht, vom Gedanklichen her eine breite Perspektive zu wahren, doch in der Aktion bemüht es sich um jeden kleinsten Punkt.