Porträt Christoph Lepschy

Christoph Lepschy
Christoph Lepschy | Foto: Sebastian Hoppe

Christoph Lepschy, geboren 1967 in München, studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in München und Dublin, arbeitete als Puppenspieler und seit 1989 als Künstlerischer Leiter internationaler Festivals mit Schwerpunkt Figuren- und Objekttheater. Seit 1996 arbeitet er als Dramaturg unter anderem an der Schauburg München, am Theater Freiburg, am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Staatsschauspiel Stuttgart und bei den Salzburger Festspielen. An der Universität Freiburg hat er seit 2004 einen Lehrauftrag für zeitgenössische Dramatik. Im Oktober 2009 wurde er auf die Professur für Dramaturgie an der Universität Mozarteum Salzburg berufen.

Im gleichen Jahr kuratierte er gemeinsam mit der Regisseurin Cao Kefei (曹克非) das chinesisch-deutsche Autorenfestival Neue Dramatik China in Düsseldorf und Peking. Seither befasste er sich intensiv mit dem chinesischen Gegenwartstheater und ist häufig in China unterwegs.

Im Juni 2012 hielt sich Christoph Lepschy längere Zeit in Peking auf, um ein Theaterprojekt mit dem Regisseur Tian Gebing (田戈兵) vorzubereiten, das sich mit dem Thema „Massen“ auseinandersetzen wird. 

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt? 

Zum einen mit Massenbewegungen, Massenphänomenen und dem Verhältnis von Masse und Individuum im Zusammenhang mit einer chinesisch-deutschen Theaterkooperation. Zum anderen mit den Phänomenen, der Theorie und Praxis des Komischen im Zusammenhang eines Semesterschwerpunkts an der Universität Mozarteum Salzburg über das Komische.

Außerdem mit der Geschichte und Praxis der Theaterprobe als Kulturphänomen, insbesondere im Hinblick auf die emotionale Gemengelage des Probenprozesses und die Produktion bzw. Darstellung von Gefühlen. 

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China? 

1992. Durch eine große China-Reise mit meiner Lebensgefährtin Irmgard Enzinger, die damals für ein Jahr in Taipei studierte. Und vorher natürlich durch sie und die Begegnung mit ihrem sinologischen Umfeld. 

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst? 

In vielerlei Hinsicht. Durch viele Begegnungen und konkrete Theaterprojekte mit chinesischen Regisseuren und Autoren war und ist meine Arbeit sehr von der Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur und dem chinesischen Theater geprägt. Von besonderer Bedeutung hat sich für mich dabei die Frage nach der Möglichkeit des wechselseitigen Verstehens im weitesten Sinn erwiesen, nach dem, wie wir uns verstehen und verständigen, was „Verstehen“ eigentlich bedeutet und natürlich die Frage nach dem Missverstehen als produktivem Prozess. Selbstverständlich hat mich auch die chinesische Esskultur beeinflusst, sie ist aus meinem Leben gar nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig wie die Praxis des Taijiquan.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China? 

Ein wiederkehrender Moment: das Gespräch beim Essen, die begeisterte Verständigung über kulinarische Ereignisse, die gespannte Erwartung hinsichtlich der Zusammenstellung der jeweiligen Speisen, die im Laufe des Abends eine nach der anderen aufgetragen werden und sich allmählich zu einer beziehungsreichen Komposition entfalten, zu einem vielfarbigen Ensemble der Geschmäcker. 

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China? 

Die Zurschaustellung von Verurteilten auf einem öffentlichen Platz vor einer großen Menschenmenge. Den Delinquenten hatte man große Pappschilder mit ihren durchgestrichenen Namen um den Hals gehängt und mit einem Megaphon wurden ihre Vergehen der Menge mitgeteilt. Das war 1992 in einer Stadt im Südwesten Chinas. 

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise? 

Die schwerste Frage. Unendlich viele. Zum Beispiel die Pekinger Nudeln, man bekommt frische hausgemachte Nudeln und kombiniert sie mit Gemüse, Fleisch und verschiedenen Saucen nach eigener Wahl.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“? 

Das Prinzip „cha bu duo“, das heißt soviel wie: fehlt nicht viel, sinngemäß könnte man das ins Bayerische übersetzen mit „Passt scho“.

Der Mut zum Alltag als ständiger Baustelle. Das umfassende Lebensprinzip, dem Unvollkommenen, Nichtfertigen, Reparaturbedürftigen ebenso wie maßlosen Schlampereien mit einer gewissen Großzügigkeit zu begegnen.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten? 

Die Schrift. Obwohl ich sie nicht lesen und schreiben kann. Dieses ungeheuer schöne, komplexe und weitverzweigte, zugleich unüberschaubare Zeichensystem, Repräsentant von Wahrnehmungs- und Denkformationen, die mir in vieler Hinsicht fremd sind.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen? 

Mit dem daoistischen Philosophen Zhuangzi (庄子). Es wäre der Gedanke, für einen Tag eine Zeit- und Denkräume überschreitende Erfahrung zu machen. Auch in einer anderen Sprache zu leben. Bestimmt ein großes Abenteuer. Nicht zuletzt das Zurückkommen natürlich. Keine Ahnung, wie und ob man damit im europäischen Hier und Jetzt weiterleben könnte. 

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Gelassenheit und Geduld.