Porträt Xu Fengxia (徐凤霞)

Xu Fengxia (徐凤霞)
Foto: Harald Morsch

Xu Fengxia, 1963 in Shanghai geboren, begann im Alter von fünf Jahren, auf chinesischen Zupfinstrumenten – wie der Wölbbrettzither Guzheng oder der Langhalslaute Sanxian – zu spielen. Nach der Ausbildung in chinesischen Zupfinstrumenten am Shanghaier Konservatorium war sie zunächst Solistin im Shanghai Chinese Orchestra. Mit diesem war sie 1988 auch erstmals auf Gastspielreise in Deutschland. In den 90er Jahren spielte Xu Fengxia Bass in der ersten Frauen-Rock-Band Shanghais, 1990 gab sie ihr erstes Jazz-Konzert im People’s Theatre in Shanghai.

1991 zog Xu Fengxia nach Deutschland, wo sie mit Musikern der Jazz- und Improvisationsmusik wie z. B. Peter Kowald, Johannes Bauer, Hamid Drake, Martin Blume, Peter Brötzmann und Phil Minton zusammenarbeitete. Außerdem etablierte sie sich als Interpretin von Werken zeitgenössischer, hierbei vor allem chinesischer Komponisten, darunter Qu Xiaosong (瞿小松), Chen Xiaoyong (陈晓勇) und Zhou Long (周龙).

Neben der chinesischen traditionellen Musik setzt Xu Fengxia auch Elemente aus unterschiedlichen Musikstilen der Welt und ihre Stimme ein. Die Musikerin tritt regelmäßig bei internationalen Jazzfestivals auf. Bei Uraufführungen zahlreicher Werke zeitgenössischer Komponisten spielte sie unter anderem mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem ensemble recherche oder der Bremer Kammerphilharmonie zusammen. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, so unter anderem 2009 mit dem Jazzpott der Stadt Essen sowie mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2009 für ihre CD mit dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli.

Während eines Gastspiels in China 2009 zusammen mit der deutschen Violinistin Gunda Gottschalk entstand die Idee der Auseinandersetzung mit chinesischer Musikkultur aus einer westlichen Sicht. Hierzu gewannen die Musikerinnen das Indigo Streichquartett aus Wuppertal und komponierten für diese Besetzung unter dem Titel Sounds of Shanghai. Nach erfolgreichen Konzerten in Deutschland soll dieses Vorhaben auch in China umgesetzt werden: Im Herbst 2012 werden Xu Fengxia und Gunda Gottschalk als Duo You Lan nach China reisen, um in mehreren Städten mit chinesischen Musikern zusammenzutreffen und zu konzertieren.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich war eine Woche in Saarbrücken und habe dort einen Solopart in einem neuen Werk der chinesischen Komponistin Wang Lin (王琳) gespielt. Das war beim Saarländischen Rundfunk, anlässlich der Eröffnung des neuen Sendesaals. Dann habe ich noch ein paar Solokonzerte gegeben. Die neuen Projekte kommen jetzt in den nächsten Monaten: Neue Musik mit Zither und Guzheng beispielsweise. Die Zither spielt Georg Glasl, der Zither an der Musikhochschule München lehrt. Im April habe ich dann eine Frankreich-Tournee mit Musikern aus Frankreich und den USA, unter anderem auch mit einer japanischen Koto. Im Mai unternehme ich mit zwei Franzosen – Didier Petit am Cello und Sylvain Kassap mit Klarinetten – eine Konzertreise in China.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Das war 1980, als ich anfing, Die Leiden des jungen Werther zu lesen. 1989 ergab sich dann die Zusammenarbeit mit dem deutschen Modern Jazz-Musiker, Komponisten und Violinisten Lutz Wagner. Damals konnten wir mit Unterstützung des deutschen Generalkonsulats im Shanghaier Volkstheater erstmals ein Konzert improvisierter Musik mit Musikern aus West und Ost geben.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Am meisten habe ich von der Gewissenhaftigkeit gelernt, welche die Deutschen nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in allen anderen Dingen an den Tag legen, und von ihrer Strukturiertheit im Alltag.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Von Grün umgeben zu sein. Und die Wertschätzung, die man fremden Kulturen und insbesondere Künstlern entgegenbringt.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Die Trägheit im Servicebereich. Wenn ich schnell einen Klempner brauche, dauert es in Deutschland ewig. In China ist sofort jemand zur Stelle. Überall muss man hier für so etwas erst einmal warten.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Currywurst.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Das „typisch Deutsche” bedeutet für mich, dass ich verlässliche Partner finden konnte, die nicht irgendwelche großen Projekte versprachen und dann passierte nichts, sondern dass es typisch für Deutschland ist, dass die meisten Leute das, was sie sagen, dann auch tatsächlich tun. Das ist in vielen Ländern dieser Welt gar nicht selbstverständlich. Dies gab mir eine gute Basis, um auch international wirken zu können. Das „typisch Deutsche“ hat mir eine zweite Heimat in Deutschland geschaffen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Die deutsche Ratio, neue technische Entwicklungen, die Naturliebe und das Umweltbewusstsein der Menschen. Die Beiträge, die die großen Dichterfürsten vor ein paar hundert Jahren zur Philosophie und Weltliteratur geleistet haben.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit jedem Deutschen, der offen für fremde Kulturen ist und Verständnis für Künstler sowie einen hohen Wissensstand mitbringt. Ganz gleich ob Mann oder Frau.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Das Bewahren von Kultur, die Achtung der Person und die Sorgfalt in den Dingen, besonders aber die finanzielle Förderung von Künstlern.