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Porträt
Lü Zhiqiang (吕志强)

Lü Zhiqiang
Lü Zhiqiang | Foto: Privat

Lü Zhiqiang, entsprechend seinem Geburtsjahr im Jahr des Hundes auch unter dem Spitznamen „Hund“ bekannt, wurde in Peking geboren und gehört zur Prominenz der Pekinger Avantgarde-Musik. In den 1980er Jahren war er Mitglied einer Pekinger Breakdance-Crew, bevor er Anfang der 1990er Jahre die Heavy Metal-Band San Ba gründete. Zwischen 1995 und 1999 lebte Lü Zhiqiang in Deutschland. Es waren für ihn inspirierende und prägende Jahre, in denen er mit den diversen Musikstilen, die damals auch in Europa zur Avantgarde gehörten, in Berührung kam. Wieder zurück in China eröffnete er einen Musikclub. Sein Live-House-Club Yugong Yishan wurde zum Szeneort der Pekinger Populärmusik. Monat für Monat lädt Lü Zhiqiang Bands oder Musiker aus aller Welt hierher zu Auftritten ein. Auch deutsche Bands wie Alva Noto, Deine Lakaien oder der Musiker Peter Brötzmann haben im Yugong Yishan Konzerte gegeben. 

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt? 

In letzter Zeit hatte ich vor allem damit zu tun, den Auftritt der finnischen Musikgruppe Apocalyptica im Yugong Yishan vorzubereiten. Die Band spielt Metalstücke auf klassischen Cellos nach. Sie ist in der internationalen Musikszene ziemlich bekannt und wirklich einzigartig. Ich persönlich freue mich schon sehr auf ihren Auftritt. 

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland? 

Anfang der 1990er Jahre lernte ich ein paar Studenten aus Deutschland kennen und bekam dadurch Kontakt zu Deutschen. 1995 ging ich zum ersten Mal nach Deutschland. Ich blieb nur ein paar Monate, dann kehrte ich nach China zurück und begann am Goethe-Institut in Peking für ein halbes Jahr Deutsch zu lernen. 1996 ging ich wieder nach Deutschland und blieb bis 1999. Die meiste Zeit war ich in Berlin. Dort besuchte ich etliche Musikveranstaltungen und war total fasziniert. 

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Mir haben sich dort natürlich ganz neue Horizonte eröffnet. Meine Erfahrungen in Deutschland haben mein musikalisches Verständnis und sogar meine Art zu denken stark beeinflusst. 1999 ging ich zurück nach China; 2003 übernahm ich einen Club und begann, Live-Konzerte zu organisieren. Dass ich ein Live-House betreibe, hat in großem Maße mit dem zu tun, was ich in Deutschland erlebt habe. 

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland? 

Da gab es sehr viele schöne Erlebnisse und alle haben mit Musik und Kunst zu tun; vor allem in meiner Berliner Zeit zwischen 1996 und 1999, als sich alle möglichen avantgardistischen Musiker und Künstler in Berlin versammelten. 

Am interessantesten war es 1998, als ich mit vier Leuten in Berlin in einer WG lebte. Der Zufall hatte uns in dieser Wohnung zusammengeführt, darunter ausgerechnet zwei Künstler: einen Akrobaten und einen Komiker. Aus Spaß tat ich mich mit den beiden zu einer Performance-Gruppe zusammen. Ich war für Breakdance und die Musik zuständig, die anderen zwei machten Akrobatik und Gags. In dieser Konstellation traten wir einen Monat lang im Berliner Scheinbar Varieté auf und kamen beim Publikum gut an. Einer meiner beiden Partner war Kurt Krömer. Damals war er einfach nur ein junger Mann, heute ist er in Deutschland ein bekannter Komiker. Ich habe diese Zeit damals wirklich außerordentlich genossen. 

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland? 

Das war ebenfalls 1996, ich war gerade nach Berlin gezogen und geriet in eine Situation, die mich wirklich in Rage brachte: Da die finanzielle Lage bei uns zuhause damals nicht gerade rosig war, nahm ich nach Vermittlung durch das Berliner Arbeitsamt einen Job bei einer Baufirma an. Ich arbeitete als Bauarbeiter und musste bei alten Häusern die Dachziegel auswechseln. Nach eineinhalb Monaten kündigte ich, doch der Chef dieser Firma weigerte sich, mir den Lohn für die letzten zwei Wochen auszuzahlen. Obwohl meine Deutschkenntnisse damals noch sehr begrenzt waren, suchte ich den Chef in seinem Büro auf, um mit ihm zu verhandeln. Plötzlich zog er eine große Pistole heraus, richtete sie auf meinen Kopf und brüllte, ich solle mich verziehen. Zwar hatte ich noch nie erlebt, dass mir jemand eine Pistole an den Kopf hält, aber ich war damals auch wirklich sehr wütend, so dass ich nicht weiter auf seine Drohungen einging und auf meinem Gehalt bestand. Der Chef hatte mich wahrscheinlich schikanieren und einschüchtern wollen, weil ich Ausländer bin und mein Deutsch auch nicht besonders gut war – aber dann tatsächlich auf mich zu schießen, traute er sich dann doch nicht. Als er sah, dass ich keine Angst hatte, rief er per Telefon die Polizei; auf deren Vermittlung ich schließlich meinen Lohn erhielt. Da mein Deutsch damals aber noch zu schlecht war, konnte ich der Polizei leider nicht erklären, dass mich der Typ mit einer Pistole bedroht hatte. Ansonsten hätte ich ihn auf jeden Fall zur Rechenschaft gezogen. 

So etwas ist mir in Deutschland nie wieder passiert und es ist mir auch nichts derartiges mehr zu Ohren gekommen. Es war wohl schon eine besondere Situation, doch so etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht. 

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise? 

Currywurst und auch Schweinshaxe. 

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“? 

Das Bier. 

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten? 

Die deutsche Kunst. Außerdem natürlich auch alle möglichen Musikstile wie Elektronische Musik, Heavy Metal und sogar auch Volkslieder. In Deutschland beeinflussen sich die musikalischen Elemente gegenseitig und werden schließlich zu etwas Neuem. 

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen? 

Mit dem berühmten deutschen Talkmoderator Harald Schmidt. Der Typ kann wirklich reden. Über Jahre hat er Abend für Abend mit nur einem Tag Pause in der Woche eine Talkshow moderiert. Ich glaube, er hatte auch gar nicht viel Zeit, sich groß vorzubereiten. Er trifft jedes Mal neue Leute, wobei ihm der Gesprächsstoff nie ausgeht. Er holt auch immer etwas Witziges aus den Gesprächen heraus, und das alles live vor der Kamera. Dieses Gefühl, so wie er mit allen möglichen Leuten wie ein Wasserfall reden zu können, würde ich gern einmal haben. 

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen? 

Die Gewissenhaftigkeit, mit der man in Deutschland an die Dinge herangeht, und die Fähigkeit, das Leben und die Arbeit sauber durchzuplanen. Als unser Kind noch klein waren, hat meine (deutsche) Frau alle Mahlzeiten schon eine Woche im Voraus geplant, für jeden Tag etwas anderes. Nach Zubereitung der Lebensmittel hat sie diese portionsweise abgepackt und in den Kühlschrank gelegt. Zum Essen mussten wir die Portion für unser Kind nur noch aus dem Kühlschrank nehmen. Ich finde diese Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt sowohl für das Leben als auch für die Arbeit sehr wichtig.
 

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