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Fokus: Diaosi
Diaosi und die chinesische Suche nach sich selbst

„Diaosi-Zertifikat“
„Diaosi-Zertifikat“ | Shi Yan / ImagineChina

Hätte Genosse Allen Ginsberg als Vizeführer der Beat Generation die weite Reise nach China gemacht, er hätte den chinesischen Diaosi mit Sicherheit ein Gedicht gewidmet. Und zwar eines, dessen Anfang sich größtenteils mit den ersten Zeilen seines Poems Howl decken würde: "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation ruiniert vom Wahnsinn". Zum Beispiel: "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation ruiniert von Göttinnen" oder noch etwas grotesker: "Ich sah das beste Klopapier meiner Generation ruiniert von Sola Aoi".

Von Pu Huangyu (蒲黄榆)

Begriffe rund um Diaosi

Das Wort Diaosi (屌丝, wörtlich: "Schwanzhaare", selbstironische Bezeichnung für die große Gruppe sozialer und ökonomischer Verlierer in China, Anm. d. Übers.) nimmt man eigentlich nicht in den Mund. Aufgebracht wurde es von der Fan-Community des chinesischen Fußballspielers Li Yi (李毅). Die Fangemeinde hatte sich in einem Onlineforum in zwei Lager aufgespalten, wobei die eine Seite die andere als Diaosi verspottete. In der Folge entwickelte sich ein komplettes Begriffssystem: Mit Diaosi meint man Typen, die hinsichtlich Physiognomie, Vermögen und Stilempfinden in der Gesellschaft ganz unten stehen. Sie sind kleinwüchsig, hässlich und arm. Die Gaoshuaifu (高帥富, wörtlich: "großgewachsen, attraktiv und reich") hingegen bezeichnen Männer, die physiologisch, finanziell und in Sachen Geschmack absolut im Vorteil sind. Die Baifumei (白富美, wörtlich: "hellhäutig, reich und schön") gehören als Frauen zur selben Klasse wie die Gaoshuaifu und die Heimuer (黑木耳, wörtlich: "schwarze Morchel", übertragen: Flittchen, Anm. d. Übers.) wiederum stehen auf einer Stufe mit den Diaosi. Die Nüshen schließlich (女神, wörtlich: Göttinnen, Bezeichnung für ein schönes, meist jungfräuliches Mädchen, Anm. d. Übers.) ist die Angebetete, von der ein Diaosi insgeheim träumt.

Mit diesem Begriffskomplex verknüpft sich eine grundlegende Metafiktion: Der Mann aus der Unterschicht verliebt sich in eine Schönheit, die ihm letztlich der reiche Schnösel wegschnappt. Dem jungen Mann aus dem Prekariat bleibt schließlich nichts anderes übrig, als alleine zu bleiben oder eine Verbindung mit einem Mädchen aus seiner Schicht einzugehen.

Ähnliche Metatexte sind in der Geschichte der Zivilisation allgegenwärtig. Sie zielen auf das Problem ab, dass der Mensch in der Gesellschaft, was seine politischen, sozialen, wirtschaftlichen und sogar körperlichen Gegebenheiten betrifft, ungleiche Voraussetzungen hat. Auf psychologischer Ebene korrespondieren sie mit der Natur des Menschen, der im gegenseitigem Wettbewerb steht - und selektiert.

Die Popularität der Diaosi

Obwohl Ausdrücke, die sich auf das männliche Sexualorgan beziehen, in den Vulgärsprachen weltweit üblich sind, sollten sie doch eigentlich nicht als Modewörter der Mainstream-Kultur in aller Munde sein. Niemand hätte gedacht, dass in einem Land, in welchem dem BIP dreißig Jahre lang keine Grenzen gesetzt waren und das in Zukunft die reichste Nation der Erde sein wird, oder es womöglich schon ist, ein Ausdruck wie "Schwanzhaar" zu einem Lieblingswort der Gesellschaft werden könnte. Trotzdem hat es sich in China in den letzten ein, zwei Jahren so rasant verbreitet wie ein Virus. Ausgehend von einem kleinen Zirkel hat es sich zu einem Modewort ausgeweitet, das jedem im ganzen Land bekannt ist. Selbst die People's Daily, das offizielle Blatt der Kommunistischen Partei, zitierte es in ihrer Sonderausgabe zum 18. Parteitag im November 2012, indem sie die Diaosi-Mentalität als eines der wichtigsten gesellschaftlichen Phänomene aufführte. In Anbetracht der Tatsache, dass der offizielle Diskurs des sozialistischen Lagers weltweit stets für seine konservative und steife Sprache bekannt war, fragten sich einige Medien: "Was hat es zu bedeuten, wenn die Diaosi den Sprung in die People's Daily schaffen?". Statt Naserümpfen war in der Presse nun Lobhudelei angesagt. Mach Meinung der Presse bedeutete das Diaosi-Zitat, dass die Amtssprache sich weiter öffnet.

Doch nicht nur in der Welt der Medien ist von den Diaosi die Rede, auch in Intellektuellenkreisen hat man das derbe Wort aufgegriffen. Nach den nordkoreanischen Atomtests Mitte Februar 2013 behauptete der bekannte Sicherheitsexperte Zhu Feng (朱锋) in einem Artikel der Lianhe Zaobao, China selbst werde angesichts der despotischen Macht Nordkoreas zu einem "kubi Diaosi" (苦逼屌丝), einem "hilflosen Schlappschwanz". So kann man selbst in den Darstellungen der den Diskurs bestimmenden Elite beobachten, wie gespalten man in seiner Wahrnehmung der chinesischen Gesellschaft ist: Auf der einen Seite der Aufstieg einer großen Nation, auf der anderen Seite der "hilflose Schlappschwanz", positive versus negative Energie. Das ist das innere Dilemma, in dem sich die chinesische Gesellschaft derzeit befindet.

Chinesen auf der Suche nach sich selbst: Erneutes Scheitern und Erwachen

Wie konnte ein obszönes Wort wie Diaosi in den letzten Jahren so schnell an Popularität gewinnen? In meinen Augen zeigt sich hierin ein neues Gefühl des Scheiterns und Erwachens innerhalb der seit den 1980er Jahren bis heute währenden Suche der Chinesen nach sich selbst. Das Gefühl, bei der Kulturbewegung der 1980er Jahre Schiffbruch erlitten zu haben, resultierte aus einem Mangel an Instrumenten der Selbsterkenntnis. Man hatte sich darauf konzentriert, sich vom Geist der Partei zu befreien, doch abgesehen von Freud und Sartre in Buchform hatte man kaum reale Vorbilder zur Hand. Der Ruf nach Menschlichkeit wurzelte also in einem Widerspruch zwischen Wünschen und Über-Ich. Eine Zeit lang war die Hooligan-Literatur Wang Shuos (王朔) en vogue. Deren dekonstruktive, selbstironische Mittel können als die Ahnherren der Diaosi-Fraktion betrachtet werden. Allerdings war damals die Verstörung größer als die Selbstgewissheit. Hinter der provokanten Haltung des Rowdys verbarg sich eine große Orientierungslosigkeit.

Die chinesische Rock-Avantgarde befand sich in derselben Misere. Während sie unter einem gehirnwäscheartigen Schock durch ausländische Musikrichtungen und Songtexte stand, lag der wahre innere Beweggrund, Rockmusik zu machen, in der Wut auf die Tradition und das Patriarchat. Nach den Vorfällen von 1989 ging man in China zu einem pragmatischen und marktwirtschaftlich orientierten Leben über. Die Musiker konnten allein ihre Ratlosigkeit  angesichts der neuen Gefühle, für die es jedoch keine neue Sprach gab, zum Ausdruck bringen. So driftete die chinesische Rock-Avantgarde nach den 1990er Jahren rasch auseinander, die einen folgten dem Kommerz, die anderen verstummten.

Wirklich als Vorläufer der Diaosi kann eine Gruppe von Menschen gelten, die in den 1970er Jahren geboren wurde. Sie hatte ihre Jugend in einer offenen Zeit verbracht und nicht mehr die historische Last der Vorgängergeneration zu tragen. Ihre schönen Fantasien über das Leben und die Gesellschaft entnahm man den Szenen westlicher Blockbuster, die in New York oder Paris spielten. Zwischen dem Ende der 1990er Jahren und der Anfangsphase der Ära von Hu Jintao (胡锦涛) und Wen Jiabao (温家宝) begann die neue Generation mit dem internationalen Lebensstil gleichzuziehen. Sie öffnete sich für die urbane Zivilisation und Konsumkultur, trank Kaffee bei Starbucks, sah sich Filme in der Originalversion an und trug Marken wie Nike oder Adidas. Während sich die Geldbeutel immer mehr füllten, wurde die  Suche nach einem eigenen Selbstverständnis zum Lebensziel für die urbane Mittelklasse. Erfolg war der einfachste und billigste Weg, den eigenen Wert herauszustellen. Doch seitdem sich zur Erfolgstheorie noch Marken und ein wenig Balsam für die Seele gesellten, war das Lebensgefühl beinahe perfekt. Von der ersten Tasse Kaffe, die Wei Hui (卫慧), die Autorin von Shanghai Baby, bei Starbucks trinkt, bis zur ersten Louis Vuitton Tasche der Hauptfigur Du Lala (杜拉拉) in A Story of Lala's Promotion sieht man: Beim Aufstieg des Kleinbürgers in die Mittelklasse folgte die menschliche Karrierekurve einer ganz klaren Logik. 

Im Zuge der sich für die Bevölkerung in den letzten Jahren unaufhaltsam ausweitenden  Informationskanäle jedoch kam es zu einer Reihe von öffentlichen Skandalen mit sozialem Sprengstoff, die im Internet weiter gärten. Als beispielsweise der jugendliche Verursacher eines Verkehrsunfalls vor Ort verkündete "Klagt mich doch an, wenn ihr könnt, mein Vater ist Li Gang (李刚)" (Vizechef der örtlichen  Polizeibehörde Anm. d. Übers.), wurde der Satz "Mein Vater ist Li Gang" groß in den Vordergrund gerückt und zum Symbol dafür, dass die Klasse der Mächtigen sich einfach so über den Rechtsstaat hinwegsetzen kann. Im Fall Guo Meimei (郭美美), die in die Kritik geriet, weil sie ihren Reichtum zur Schau stellte, obwohl sie im Wohltätigkeitssektor arbeitete, richtete man die Speerspitze auf den hinter ihr stehenden "Ziehvater". Diese Zwischenfälle haben dazu beigetragen, dass die junge Generation, deren Lebensziel es eigentlich war, es zum Kleinbürger oder bis in die Mittelklasse zu bringen, vor der real herrschenden Ungerechtigkeit nicht länger die Augen verschließen können. Allmählich wird ihnen bewusst, dass es in Chinas Gesellschaft nicht wie bei einer Frühlingsfestgala zugeht und es nicht jeder durch den eigenen Fleiß nach oben und zu einem guten Leben schaffen kann. Schließlich stand die These von ungerechten Machtstrukturen und verzerrten ideologischen Wertvorstellungen im Raum. Das Entscheidende ist tatsächlich der gewaltige Klassenunterschied zwischen den sogenannten Diaosi und den Baishuaifu, der im heutigen China über soziale Ressourcen, Fortschrittsmöglichkeiten und sogar das Zivilisationsniveau entscheidet. Während die junge Generation das Gefühl hatte, auf der Strecke geblieben zu sein, startete sie im Internet eine muntere Attacke gegen die Gaoshuaifu der privilegierten Schicht. Als Gegenspieler der Gaoshuaifu werden die Diaosi immer mehr zu einem Synonym für eine Klasse ohne politische Privilegien. Sie scheinen den Geschmack der Mehrheit viel eher zu treffen und gelten als "politisch korrekt". Das mag der Grund dafür sein, dass sich heute sogar Chinesen für Diaosi halten, die am chinesischen Wohlstand teilhaben. So bekundete etwa der unter der neuen Generation für die Anprangerung von Privilegien bekannte Bloggerstar und Rennfahrer Han Han (韩寒) öffentlich, er sei ein echter Diaosi, und das, obwohl er Autorenhonorare in Millionenhöhe einstreicht und damit einer der bestbezahltesten Autoren in China ist.

Man sieht also, dass im Vergleich zu der Zeit nach 1989, als das gesellschaftliche Leben in China eine immer stärkere Tendenz zur Entpolitisierung zeigte, die heutige Popularität des Diaosi-Begriffs in gewisser Weise ein Erwachen bedeutet. Dabei liegt der Unterschied zwischen der Diaosi-Generation und der Rock-Generation der 1980er Jahre darin, dass Erstere in einem China groß geworden ist, das mit der Welt Schritt hält. Sie weiß genau, wo sie steht.
 

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