Interview mit der Designerin Wu Yimeng Persönliche Geschichten über unbekannte Dinge

Chinesischer Handwärmer, von einer deutschen Teilnehmerin zur Blumenvase umgewidmet
Chinesischer Handwärmer, von einer deutschen Teilnehmerin zur Blumenvase umgewidmet | Foto: Wu Yimeng

Was fängt ein Chinese mit einer deutschen Schultüte an? Und welche Funktion schreibt ein Deutscher einem chinesischen Handwärmer zu? Die Berliner Designerin Wu Yimeng über ihr Kunstprojekt The Things are Us, We are the Things.

Woran arbeitest du aktuell?

Ich bin dabei, ein freies Projekt namens The Things are Us, We are the Things abzuschließen, an dem ich in den vergangenen eineinhalb Jahren immer wieder gearbeitet habe. Dafür hatte ich ein DAAD-Absolventenstipendium. Ich habe kulturspezifische Alltagsgegenstände in Deutschland und in China zusammengesucht und im jeweils anderen Land an Freunde und Bekannte gegeben, damit sie sich mit dem ihnen bislang unbekannten Gegenstand beschäftigten.

Kannst du ein Beispiel geben?

Die Leute haben den Gegenstand und ein von mir gestaltetes Kit aus Fragebögen mit nach Hause genommen. In dem Kit gab es Fragebögen mit assoziativen Fragen, die ich nach einer Methode namens "Cultural Probes" entwickelt habe. Statt allgemeine Antworten zu bekommen, geht es bei dieser Methode darum, individuelle Aspekte bei den Antworten stärker berücksichtigen zu können. Den Bekannten habe ich unterschiedliche Gegenstände mitgegeben: In China habe ich zum Beispiel einen Grillenkäfig gekauft und ihn dann einem französischen Freund in Deutschland gegeben, der aber nicht wusste, wofür der Gegenstand gedacht ist. Weil der Freund viel Wert auf Essen legt, hat er versucht, in dem Grillenkäfig Obst zu trocknen.

Der Umgang mit den Dingen sagt also mehr über ihre Nutzer aus als über den Gegenstand?

Ja. Was das ganze Projekt ausmacht ist das Interesse der Teilnehmer am konkreten Material und ihre Interpretation des unbekannten Objekts. Der französische Freund hat ausprobiert, Obst zu trocknen, das ist aber in dem Grillenkäfig verschimmelt. Am Ende hat ihn der Gegenstand frustriert (lacht). Schließlich hat er den Grillenkäfig zu einem Stifthalter degradiert und so "verpersönlicht".

Bist du bei der Auswertung der Kits zu einem Ergebnis gekommen?

Es ist kein wissenschaftliches Fazit, aber mir ist aufgefallen, dass die Leute in Deutschland und in China ganz anders über die Gegenstände geschrieben haben. Die chinesischen Teilnehmer haben Märchen erzählt, in denen die Gegenstände eine Rolle spielten. "Es war einmal eine Stadt am Meer …" Zum Beispiel wurde das deutsche Milchzahndöschen mit einer buddhistischen Geschichte über eine Erbse aufgeladen. Die Teilnehmer in Deutschland sind analytischer vorgegangen. Anhand der Eigenschaften des Objektes versuchten sie, Schlüsse über die Funktionen zu ziehen. Zum Beispiel durch Analysieren der Größe, Form oder des Materials. Bei einigen klingt die Herkunftsgeschichte eher nach einer Gebrauchsanweisung. Das ist zwar ein Klischee, aber in dem Fall war es genau so. Möglicherweise liegt es auch daran, wie ich die Frage gestellt habe. "Woher kommt der Gegenstand? Erfinde eine mögliche Herkunftsgeschichte". Bei derselben Frage auf Chinesisch (你这件物品是哪里来的?请编一个它的来源故事。) gingen die Teilnehmer mehr auf den zweiten Teil der Frage ein, auf das "Erzählen einer Geschichte".

Hast du bewusst alte Objekte ausgesucht, die aus dem Alltag verschwinden?

Zum Teil ist es so. Der gusseiserne Handwärmer aus Nordchina, den ich auf einem Antik-Markt in Shanghai gekauft habe, stirbt bestimmt aus. Sonst würde er nicht auf einem Antik-Markt verkauft werden! (lacht) Der Grillenkäfig hingegen ist zwar etwas Traditionelles, aber ich habe mich für die modernisierte Ausführung aus Kunststoff entschieden. Früher waren diese Käfige aus Bambus geflochtene kleine Körbe. Die Aufwertung von alten Alltagsgegenständen ist aktuell in den Pekinger Hutongs zu beobachten, dort gibt es Läden, die den Hutong-Lebensstil nun als Antiquität verkaufen. Mir geht es aber um die "persönliche" Geschichte der Gegenstände, nicht um ihren gehandelten Wert.

Um den persönlichen Charakter zu behalten, habe ich die handschriftlichen Notizen gescannt und in das Buch aufgenommen.

Du hast zwei Schreibtische, einen allein für das handschriftliche Schreiben, sehe ich das richtig?

Ja, analog und digital (lacht und zeigt auf einen Schreibtisch mit Computer und einen mit Pinseln). Ich würde gerne öfter an dem analogen Schreibtisch sitzen!

Um zu entspannen?

Mir macht es Freude, von den großen Meistern abzuschreiben, also zu kopieren, mich an die "große alte Kultur" anzulehnen und die Bewegungen nachzuvollziehen. Einzelne Zeichen kann ich lesen, aber in dem Zusammenhang sind sie mir auch ein Rätsel. Ich kopiere einfach das, was ich sehe. Wenn man schreibt, dann ist das auch eine Art Wiedergabe der körperlichen und geistigen Verfassung. Wenn ich unruhig bin, dann sehe ich das sofort an den Strichen. Manchmal klappt es auch gar nicht (lacht). Im Grafikstudium in Essen haben wir karolingische Minuskeln abgeschrieben. Das war eine gute Basis für die spätere freie Arbeit.

Welche Rolle spielt Handschrift in China?

Im chinesischen Design hat Handschrift einen anderen Stellenwert. Die großen Tageszeitungen haben auf der Titelseite ihren Namen in Handschrift stehen. Oft ist es noch die Schrift von Mao. Er war ein Kalligraf, hatte eine wahnsinnig tolle, kraftvolle Schrift. Heute wird so viel vereinheitlicht. Ich versuche, dagegen zu arbeiten.

Die Publikation ist ein Teil des Projekts, gibt es weitere Teile?

Das Buch The Things are Us, We are the Things ist die Quintessenz dieses Projekts. 2012 wurde der Dummy des Buches im Rahmen der Shanghai Design Week in einer Gruppenausstellung mit 100 chinesischen Designern ausgestellt, die in den 1980ern geboren wurden. Für das gesamte Projekt inklusive der Gegenstände habe ich bisher noch keinen Ausstellungsort in China. Im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt fand 2012 die Ausstellung Chinesische Dinge - Chinese Stuff statt. Wu Xue Fu, den Autor des gleichnamigen Buches, hatte ich auch während meiner Recherchen in Peking kennengelernt. Im Rahmen einer Präsentation in dem Museum habe ich einige meiner gesammelten Objekte und die Fragebögen zu Stillleben inszeniert und mit weiteren Materialien ergänzt; etwa Fotos, die ich auf einem Flohmarkt fand, weil mir eine 70-jährige Teilnehmerin erzählte, dass ihr Gegenstand sie an das Kochbuch ihrer Großmutter erinnerte. Es ging darum, die Dinge in ihrem neuen Kontext zu zeigen. Das Buch dazu wird im Herbst beim Drachenhaus Verlag, einem neuen Verlag, der sich auf kulturelle Themen für junges Publikum spezialisiert hat, erscheinen. Dann wird es auch eine Ausstellung mit dem Buch und den Dingen in Berlin im Museum der unerhörten Dinge, einem kleinen Privatmuseum in Schöneberg, geben. Dort werden eigenwillige Dinge ausgestellt, die eine Geschichte erzählen. Mir gefällt es gut, meine Gegenstände bewusst an einem nicht chinesisch kodierten Ort wie diesem Museum zu zeigen.