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Stadtgeschichten: Shanghai
Li Lei (李磊): Wer in einem Kunstmuseum arbeitet, hat eine Mission

Li Lei

Li Lei hat zwei Gesichter: das des Künstlers mit Leib und Seele, der die Freiheit sucht und das des akribischen und gewissenhaften Museumsarbeiters, der sich seiner Verantwortung wohl bewusst ist. Schon lange frage ich mich, wie sich diese beiden Persönlichkeiten Li Leis vertragen. Denn es ist schon erstaunlich, wie die beiden Rollen in einer Person so gut harmonieren können.

Im Rahmen seiner Arbeit und Vorhaben ist Li Lei Zeuge geworden, wie sich die Morphologie der Shanghaier Kunstmuseen gewandelt hat. In der westlichen Gesellschaft ist die Entstehung von Sammlungen und Kunstmuseen aufs Engste mit dem Aufstieg der städtischen Bürgerschicht und der Etablierung eines öffentlichen Raums verbunden. Die königlich-kaiserlichen Schatzkammern waren keineswegs das, was man in einem modernen Sinn unter einem Museum versteht. Erst in der Moderne wurden die Museen zu einem Raum, der sein Wissen mit der Bevölkerung teilt. In China jedoch haben Sammlungen und Kunstmuseen einen anderen Weg der Entwicklung genommen. 

In Shanghai wurde das erste der Öffentlichkeit zugängliche Kunstmuseum im Jahr 1956 gegründet, als der Ciros-Tanzpalast (仙乐斯舞厅) zu einem Ausstellungsraum umgebaut wurde, der bis in die achtziger Jahre genutzt wurde. 1986 fand das Kunstmuseum einen neuen Standort, der bessere Ausstellungsräume bot. Der Kunst in Shanghai gab das enormen Auftrieb. 2002 - zu dieser Zeit hatte das Shanghai Art Museum (上海美术馆) bereits die Gestalt eines Kunstmuseums angenommen - zog man in die schönen Räume des Shanghaier Pferderennclubs an der westlichen Nanjing-Road um. Als Li Lei 2005 seine Tätigkeit im Shanghai Art Museum aufnahm, bestand eine seiner wichtigsten Aufgaben in der erfolgreichen Fortführung der Shanghai Biennale (上海双年展). Dabei folgte Li Lei immer der inneren Überzeugung, dass ein Kunstmuseum der Allgemeinheit dienen muss und dass es eine Verantwortung gegenüber der Kunstgeschichte hat.

Vor allem aber beschäftigt sich Li Lei tagtäglich mit der Frage, wie man die normale Stadtbevölkerung in eine Kunstaustellung lockt. Zu jeder Shanghai Biennale betreibt er intensive  Pressearbeit. Ungeachtet des in China herrschenden bürokratischen Systems geht Li Lei aktiv auf die Journalisten zu und bedient sie entsprechend ihren medialen Anforderungen mit unterschiedlichen Informationen. Solch einen Einsatz erlebt man nicht oft. Zudem hat Li Lei ein gutes Gespür für Marketing. So hat er einmal die riesige Kunstinstallation einer Lokomotive direkt am Eingang des Museums platziert und so scharenweise neugierige Bürger anlockt, die vor dem Kunstwerk in Gruppen für ein Erinnerungsfoto posierten. Ein echter Multiplikator für die Mundpropaganda. Seine Bemühungen hatten Erfolg: „Die Shanghaier stehen Schlange, um die Biennale zu sehen“, hieß es in den Medien.

Der Neubau des China Art Museums (中华艺术宫), wie das Shanghaier Kunstmuseum heute heißt, zieht jeden Tag unzählige Touristen an, von denen die meisten eher beiläufig durch die Ausstellung schlendern. Den Vorwurf einiger Kunstfachleute, „das ruiniere die Atmosphäre der Kunstaustellung“ weist Li Lei entschieden zurück: „Es ist nur gut, wenn viele Touristen kommen. Wir sind für die Kunstliebhaber da, aber auch für die, die nichts von Kunst verstehen. Und Letztere sind für uns sogar noch wichtiger, denn sie stellen die Basis dar, auf der die Volkskultur der gesamten Nation fußt. Was ist die Zielsetzung eines so großen Kunstmuseums? Ich denke doch, möglichst viele Menschen, die mit Kunst eigentlich nichts am Hut haben, in unser Haus zu holen und ihnen einen Eindruck davon zu vermitteln, wie bunt Kunst sein kann.“

Trotz seines großen Engagements im Dienste des musealen Auftrags, die Kunst den Menschen nahe zu bringen, hat Li Lei auch den professionellen Aufbau der Kunstsammlung nicht vernachlässigt. Ein exzellentes Kunstmuseum benötigt eine erstklassige Sammlung. Schenkungen von Künstlern sind ein großer Vertrauensbeweis und Anerkennung für ein Museum. Wu Guanzhong (吴冠中), der Altmeister der chinesischen Moderne, hatte in seinen späten Jahren eine Ausstellung im Shanghaier Kunstmuseum. Die Schau war professionell gemacht und von internationaler Bedeutung. Damals beschloss Wu Guanzhong dem Kunstmuseum einige seiner Bilder zu übereignen. Durch die erste Gabe von vier Bildern, ergänzt durch eine spätere zweite Schenkungen mit dutzenden Werken und den vielen Kunstwerken, welche die Familie dem Museum nach dem Tod des Künstlers vermachte, wir die künstlerische Entwicklung Wu Guanzhongs vollständig repräsentiert.

Auf die Frage, warum Wu Guangzhong und seine Familie sich dazu entschlossen haben, die 110 besten Arbeiten seines Lebens ausgerechnet dem Shanghaier Kunstmuseum zu vermachen, gibt Li Lei eine ehrliche Antwort: „Wu Guangzhong hat vor allem auf die Bedeutung der Stadt und das Format des Kunstmuseums geachtet. Vor allem Letzteres war ihm wichtig. An zweiter Stelle standen die Museumsarbeiter. Professionalität, Ehrlichkeit und Weitsicht spielen dabei eine große Rolle. Wenn man einen weiten Horizont hat, kommt man gut mit den Leuten klar. Dann kommen sie in vielen Fragen auf dich zu.“  Das Geschenk, das Wu Guanzhong Shanghai und dem Museum machte, ist äußerst wertvoll, aber es verbindet sich auch eine große Verantwortung damit. Die Stadt und das Museum seines Vertrauens haben die Erwartungen des Künstlers letztlich nicht enttäuscht. Heute befindet sich im China Art Museum eine Saal mit einer Dauerausstellung von Wu Guanzhongs Werken.

Ein gutes Kunstmuseum hat eine pädagogische Verantwortung gegenüber den Bürgern einer Stadt. Es hat die Pflicht, die Künstler seiner Zeit zu unterstützen und ihr Erbe weiterzutragen. Oder, wie Li Lei es sagen würde: „Wer in einem Kunstmuseum arbeitet, hat eine Mission.“

Li Lei im Interview

Shen Qilan: Ist Shanghai in China nicht der Ort, an dem sich hinsichtlich Kunstsammlungen und Museen am meisten tut?

Li Lei: Der viermalige Umzug des Shanghaier Kunstmuseums spiegelt die gesamtkulturelle Entwicklung in China wider. Allein die Zahl der bis 2015 in Shanghai entstandenen Privatmuseen ist beeindruckend. Was die Präsentation visueller Kultur betrifft hat Shanghai eine führende Position.

Wie schneiden unsere Kunstmuseen denn im internationalen Vergleich ab?

Im Vergleich zu den Museen in Europa, den USA, ja sogar in Japan, liegen wir noch weit zurück. Diese Diskrepanz ist eine Frage des Bewusstseins. In Europa hat man schon vor dreihundert Jahren angefangen staatliche Kunstmuseen zu errichten. Nach der Französischen Revolution wurde der Louvre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Vermögen des Kaisers wurde zu einer allgemeinen Ressource. Auch in England hat jeder  - ohne Ansehen von Klasse, Hautfarbe und Herkunft – das Recht auf eine allgemeine kulturelle Bildung.

Stehen hinter Kunstmuseen und Sammlungen staatsbürgerliche Werte?

Ja natürlich. In anderen Staaten gelten Kunstmuseen als Verkörperung der zentralen Werte des jeweiligen Landes und Volkes. Sie sind extrem wichtige Plattformen für die Bildung der Bürger und den interkulturellen Austausch. Auch unser Land muss sich in diese Richtung entwickeln. China ist jetzt auf dem Stand, auf dem die USA vor hundert Jahren waren. Heute wird manchmal behauptet, dass in China zu viele Museen gebaut würden. Meiner Meinung nach werden jedoch nicht zu viele Museen gebaut, sondern bei weitem noch nicht genug. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht, ob noch ein neues Museen entsteht, sondern wie sich ein bürgerliches Bewusstsein etablieren lässt. Es geht um das Verständnis, im Dienst der öffentlichen Kultur zu stehen; um das Bewusstsein, dass unser kulturelles Eigentum erforscht, geschützt und weitergegeben werden muss. Nach diesem Verständnis hat jede einzelne Sammlung ihre Bedeutung. Ohne dieses Bewusstsein ist jedoch sogar der Bau eines einzigen Museums Verschwendung.

Wie würdest du die Position des China Art Museums beschreiben?

Wir bieten der Gesellschaft eine Dienstleistung im Sinne eines öffentlichen kulturellen Fundaments an, und das auf einer ganz grundlegenden Ebene. Manche sind der Meinung, es kämen zu viele Touristen, aber genau um sie geht es uns bei unserer Arbeit. Wir werden in diesem Jahr circa drei Millionen Besucher haben, im letzten Jahr waren es nur zweieinhalb Millionen.

Li Lei (李磊), 1956 geboren in Shanghai, ist heute stellvertretender Direktor des China Art Museums (中华艺术宫). Schon davor war er geschäftsführender Direktor des Shanghai Art Museums (上海美术馆) sowie stellvertretender Leiter des Shanghai Oil Painting and Sculpture Institute (上海油画雕塑院). Er hat die alle zwei Jahre stattfindende Shanghai Young Arts Exhibition (上海青年美术大展) ins Leben gerufen und große Kunstevents wie die Shanghai Biennale (上海双年展) geleitet.

Seit 1996 widmet sich Li Lei künstlerisch als auch wissenschaftlich vor allem der abstrakten chinesischen Kunst. Dabei versucht er die zentralen Gedanken der chinesischen Kultur mit der international etablierten abstrakten Bildsprache zu kombinieren und so den Weg einer chinesischen abstrakten Kunst eizuschlagen. Li Lei hatte Einzelausstellungen in Peking und Shanghai, New York, Frankfurt, Linz, Amsterdam, im niederländischen Boxmeer sowie in Brüssel.

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