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Das chinesische Märchen von Kassel

Ai Weiwei Template 2007 - documenta 12, Foto: Frank Schinski / documenta GmbH
Ai Weiwei Template 2007 - documenta 12, Foto: Frank Schinski / documenta GmbH | © Courtesy the artist; Galerie Urs Meile, Beijing–Lucerne

Das Fairytale-Projekt transportiert wie alle Märchen auch Ironie. Man denkt an Scheherazade aus 1001 Nacht. Mit den Geschichten, die sie Abend für Abend erzählt, versucht sie dem Tod zu entkommen.

Als ich in Kassel bei klarem Wetter aus dem Zug steige, begrüßt mich das Plakat der Documenta 12. Die Leute auf der Straße sehen entspannter aus als andernorts, vielleicht weil die ganze Stadt im Bann der Kunst ist. Die von Arnold Bode ins Leben gerufene Documenta wird seit 1955 alle fünf Jahre zum Mekka der zeitgenössischen Kunst. Durch sie verändert die Stadt Kassel für einige Zeit ihr Gesicht und ihren Rhythmus.
 

Menschen und Stühle
 

Sieben chinesische Künstler nahmen in diesem Jahr an der Documenta teil. Darunter der Pekinger Künstler Ai Weiwei, für dessen Fairytale-Projekt die internationalen Medien schon vor der Eröffnung am 16.06.2007 reges Interesse gezeigt hatten. Ai Weiweis Idee war es, die orientalischen Geschichten von Tausendundeine Nacht in die Heimat des deutschen Märchens, nach Kassel, zu versetzen. Hier haben zwischen 1812 uns 1815 die Gebrüder Grimm zahlreiche Volksmärchen gesammelt und aufgeschrieben. Nun hat Ai Weiwei 1001 Chinesen zur 12. Documenta eingeladen. Darunter auch Menschen, die in abgelegenen Regionen Chinas leben und bisher nicht einmal die großen Städte ihres eigenen Landes zu Gesicht bekommen haben. Der Künstler scheint jedoch zu befürchten, dass für die Chinesen in der Fremde kein Platz sein könnte, und hat deshalb noch 1001 Stühle aus der letzten Kaiserdynastie Qing wieder in Stand gesetzt und mit auf die weite Reise nach Deutschland geschickt. Es sind alte Stühle, denen Zeit und Gebrauch eine besondere Patina verliehen haben.
 

Das Fairytale-Projekt lässt also nicht nur Chinesen der Gegenwart dem Lockruf der Kunst nach Deutschland folgen, es scheint auch die Vorfahren aus alter Zeit mit auf die Reise eingeladen zu haben. Außer den unbesetzten Stühlen, die sich über die Ausstellungsräume verteilen, begegne ich keinem leiblichen Chinesen aus der Fairytale-Performance. Zwar sehe ich auch einige asiatische Gesichter, aber das sind Ausstellungsbesucher wie ich. Hinter der Aufstellung der Stühle steht ein Konzept. Sie wirken nicht als einzelne Exponate, sondern werden erst durch ihre Gruppierung zu Sitzkreisen zum Kunstwerk. Den Besuchern dienen sie als Rastplatz, die Kunst-Guides versammeln hier ihre Zuhörerschaft um sich und ab und zu nimmt jemand Patz, um eine Videoinstallation anzusehen. Die chinesischen Stühle sind also einerseits ein Ruheort für müde Documenta-Gäste, andererseits schlagen sie Brücken zu den Werken weiterer Künstler. Wenn man sagt, dass die Chinesen des Fairytale-Projekts sowohl Betrachter also auch das Kunstwerk selbst sind und sogar einen schöpferischen Anteil an der Arbeit haben, so sind die Stühle Alltagsgegenstände mit einer bestimmten Funktion und zugleich sehenswerte Kunstwerke. Es ist das Märchen, Fairytale, das die Grenzen zwischen Kunst und Leben auflöst.
 

Ai Weiwei ist auf der Documenta mit insgesamt drei Werken vertreten. Seine Installation Prototype for the Wave besteht aus einer kleinen, auf ein Holzpodest montierten Porzellanwelle, deren Glasur von feinen Brandrissen durchzogen ist. Ursprünglich soll Ai Weiwei eine riesige Welle aus Porzellan geplant haben. Jedoch stellte es sich als technisch unmöglich heraus, einen so großen Porzellanbogen heil aus dem Ofen zu bringen. Aus der kreativen Not heraus soll Ai Weiwei dann die Idee für das Märchenkonzept gekommen sein. Diese Anekdote – mag sie nun stimmen oder nicht – hat durchaus ihren Reiz, denn so waren es die Grenzen der Technik, die die Kreativität des Künstlers beflügelt haben. Die Porzellanwelle in der Ecke des Raumes mit ihren Rissen in der Glasur lässt noch andere Gedankensprünge zu: Vom Gegenstand zum Menschen, von der Verortung im Raum zur Ausdehnung der Zeit.
 

Ai Weiweis zweite Installation Template ist ein Turm aus alten Fenster- und Türrahmen aus der Ming- und Qingzeit, den Ai Weiwei vor dem Auepavillon aufgebaut hat. Der Holzturm wurde zu Beginn der Documenta von einem Sturm gekippt und hat so eine Zustandsveränderung erfahren. Den von Wind und Wetter umgeblasenen Turm umweht nun noch mehr die Nostalgie des alten China. Der Zufall kann ein Readymade zerstören und gleichzeitig die Transformation des Werkes ermöglichen und es vollenden. Eine offene Arbeit wird durch den Eingriff von Außen bereichert und lässt aus der Zerstörung etwas Neues erstehen.

 
Unerwartete Begegnung
 

Auf einen Schlag mit einer so großen Fülle an Kunstwerken aus aller Welt konfrontiert zu werden, macht müde und ich mache mich auf den Weg zu einem Straßencafe. Der Zufall will es, dass sich dort auch Ai Weiwei und seine Frau Lu Qing niedergelassen haben. Ein Märchen wird man nicht finden, wenn man es sucht, aber dafür ist Ai Weiwei nun aufgetaucht. Von Ai Weiwei erfahre ich, dass bereits mehrere Hundert Chinesen in Kassel eingetroffen sind, die sich in der Stadt vollkommen frei bewegen können. Anscheinend so frei, dass keine Chinesenseele zu sehen ist. Gerade ihre Nicht-Anwesenheit mache sie allgegenwärtig, meint Ai Weiwei. Bei Fairytale handele es sich nicht um eine Performance im herkömmlichen Sinn. Performancekunst will normalerweise die Grenzen der Performance ausloten, aber Fairytale ist durchdrungen von Alltäglichkeit. Die Außergewöhnlichkeit des Projekts liege nur darin, dass ohne dasselbe, viele oder sogar der Großteil der teilnehmenden Chinesen niemals nach Europa, Deutschland oder Kassel gekommen wären.
 

Während wir uns unterhalten kommen immer wieder Leute auf Ai Weiwei zu, die ein Autogramm wollen. Da er vor 1993 zwölf Jahre lang in den USA gelebt hat, kann er sich gut auf Englisch unterhalten. Auf mein Erstaunen hin, dass er von so vielen Europäern erkannt wird, erklärt Ai Weiwei, dass er im Westen weit mehr Beachtung finde als in China. Er lässt sich von seiner Präsenz in zahlreichen Medien jedoch nicht beeindrucken. Solange er nicht mit einer Arbeit befasst sei, lebe er wie ein Schwachkopf oder ein alter Mensch, meint er, planlos und ohne sich Gedanken zu machen. Werde er zu einer noch so kleinen Ausstellung eingeladen erwache sein Schaffensdrang. Seine fertigen Arbeiten hätten schon nichts mehr mit ihm zu tun und langweilten ihn sogar. Nur im konkreten Schaffensprozess könne er in die Details eintauchen und erreiche einen Zustand, in dem er durch die Aktion zur Sprache finde.


Das Märchen: offen für alle
 

Am meisten hat Ai Weiwei die Gastfreundschaft der Deutschen überrascht. Die Phantasie, die sie dabei entwickelt haben, hätte man den als zurückhaltend bekannten Deutschen gar nicht zugetraut. So haben die Kasseler hunderte alter Fahrräder zusammengetragen und sie den Gästen aus dem "Königreich der Fahrräder" zur Verfügung gestellt. Vor einigen Tagen haben sich deutsche Meisterköche angeboten, die Teilnehmer des Märchenprojekts mit bayerischen Spezialitäten zu bewirten. Und einige Opernsänger sind vorbeigekommen, um die chinesischen Gäste, die oft keine Fremdsprache beherrschen, in ihrer universalen Sprache von Musik und Tanz zu unterhalten.

 

Nach Ai Weiwei steht das Märchen jedem offen. Wer sich auf seine eigene Art ausdrückt, der findet Zugang zu diesem Märchen und nimmt an dessen Gestaltung Teil. Die Warmherzigkeit, die sich in Fairytale verwirklicht, ist so wunderbar, dass ihr etwas Irreales anhaftet. Aber aus dem Unwirklichen schöpft das Märchen seinen Kraft, aus dem Anfangssatz "Es war einmal vor langer Zeit..." und dem Schlusssatz "und wenn sie nicht gestorben sind...".
 

Das Fairytale-Projekt transportiert wie alle Märchen auch Ironie. Man denkt an Scheherazade aus 1001 Nacht. Mit den Geschichten, die sie Abend für Abend erzählt, versucht sie dem Tod zu entkommen. Das Geheimnis ihres Weiterlebens liegt darin, dass sie die Geschichte nie auflöst. Aus dem Unmöglichen schafft sie das Mögliche. Vielleicht liegt in der Kunst eine ähnliche Bestimmung.

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