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Porträt
Meng Jinghui (孟京辉)

Meng Jinghui 2009
Meng Jinghui 2009 | © Chongqing Evening News/ImagineChina

Im November 2010 wird das Stück Lebensansichten zweier Hunde des experimentierfreudigsten chinesischen Theaterregisseurs im Staatstheater Braunschweig zu sehen sein. Deutschland besuchte er bereits 1993 zum ersten Mal.

Meng Jinghui wurde 1965 in Peking geboren. Nach einem Studium an der Chinesisch-Fakultät der Capital Normal University bestand er die Aufnahmeprüfung für die Central Academy of Drama und wechselte als Masterstudent ins Regiefach. Meng Jinghui gilt heute als der erfolgreichste Regisseur des experimentellen Theaters in China. 2008 begründete er das Beijing Fringe Festival, ein Jugendtheater-Festival, dem er als künstlerischer Leiter vorsteht.

Als Regisseur inszenierte Meng Jinghui unter anderem die Stücke Warten auf Godot, I Love XXX, Rhinoceros in Love sowie das Musical Murder at Garden In The Air (auch: Murder in the Hanging Garden) – fast immer mit großem Erfolg. In seinen kühnen Experimenten und seinem Nonkonformismus gilt Meng Jinghui in der chinesischen Theaterwelt als einzigartig.

Neben der Regiearbeit schreibt und adaptiert Meng Jinghui auch selbst Stücke für das Theater: 1992 schrieb er die Ming-Oper Die Sehnsucht nach der Weltlichkeit – wenn Mönch und Nonne den Berg verlassen sowie Boccaccios Dekameron zu dem Theaterstück Si Fan um, und setzte das Stück selbst in Szene. 1995 adaptierte und inszenierte Meng Jinghui Put Down Your Whip – Woyzeck nach Georg Büchner und 2008 brachte er Rainer Werner Fassbinders Film Liebe ist kälter als der Tod in einer Theaterfassung auf die Bühne.

2009 wurde Meng Jinghuis Stück Lebensansichten zweier Hunde (2007) im Rahmen der Spielreihe Neue Dramatik: China am Düsseldorfer Schauspielhaus dem deutschen Publikum in einer szenischen Lesung vorgestellt. Als Schauspiel wird es ab 20. November 2010 in der Regie von Marc Becker am Staatstheater Braunschweig zu sehen sein. Bisher sind von Meng Jinghui außerdem die Bücher Archive of Avantgarde-Drama (2000) und Meng Jinghuis Archive of Avantgarde-Drama (2010) erschienen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich hatte damit zu tun, das Beijing Fringe Festival zu organisieren, angefangen von der Werbung, dem Ablauf und einigen technischen Details bis hin zur Einladung der ausländischen Ensembles. Unter anderem war in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut das deutsche zeitgenössische Tanzstück From the Other Side zu sehen. Danach bereite ich eine neue Theaterinszenierung vor. Den Text habe ich bereits, ein neues von meiner Frau Liao Yimei (廖一梅) geschriebenes Stück über die Liebe, an dem sie mehrere Jahre geschrieben hat.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Wirklich betreten habe ich deutschen Boden zum ersten Mal 1993, ich blieb zehn Tage. In Berlin gibt es ein Gebäude, das von außen wie eine chinesische Polizeikappe aussieht, das Haus der Kulturen der Welt. Im Rahmen des damaligen Kunstfestivals China Avantgarde habe ich dort mit einem kleinen Ensemble – Hu Jun (胡军), Guo Tao (郭涛) und Ya Te (雅特) – Warten auf Godot gespielt. Auch der Rockmusiker Cui Jian (崔健) und viele andere waren damals vor Ort, wir hatten eine Menge Spaß, das ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Abgesehen davon, dass wir selber spielten, habe ich mir auch andere Stücke angesehen. Außerdem habe ich ein kleines Theater in Neubrandenburg besucht und mit dem dortigen kleinen Ensemble zusammengearbeitet.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich habe zahlreiche deutsche Theateraufführungen gesehen und das deutsche Sprechtheater hat mich in vielerlei Hinsicht inspiriert und angeregt. Es hat mich entdecken lassen, dass man Theater auch ganz anders aufziehen kann als das klassische Drama oder das Theater im Sinne der chinesischen Tradition. Tatsächlich hat mir die Verortung des deutschen Theaters zwischen Tradition und Innovation immer sehr gefallen. Deutschland hat eine großartige Theatertradition, jeder kennt Goethe und Schiller. Dazu kommt die so ganz andere heutige Theaterszene, so haben etwa die zeitgenössischen deutschen Theatermacher die Ästhetik, Entwicklung und die neuen Räume des Theaters weltweit durch ihre innovativen Überraschungen bereichert. Theater ist weder simple Unterhaltung, noch hat es einen einfachen Erziehungsauftrag, es ist vielmehr etwas, was latent in der Überlagerung verschiedener Sphären stattfindet, etwa in der zwischenmenschlichen Kommunikation, der gegenseitigen Spiegelung von Mensch und Gesellschaft sowie den Zukunftsräumen der gesellschaftlichen Entwicklung. Ich finde, diese Durchlässigkeit in der deutschen Theaterkultur muss einen Intellektuellen einfach begeistern. Auf mein Leben hat Deutschland allerdings keinen Einfluss.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Als ich 1993 zum ersten Mal in Deutschland war, sah ich eines Abends an der Berliner Mauer eine Gruppe seltsam gekleideter Jugendlicher, die in ihrer schwarzen Kluft einen äußerst düsteren Eindruck machten. Dieses Bild faszinierte mich sehr und wenn ich heute daran zurückdenke, steht es mir noch ganz deutlich vor Augen. Dieser Moment hat damals in mir die Sehnsucht nach fremden Kulturen geweckt.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Unerfreuliche Erlebnisse hatte ich eigentlich keine, alles war sehr erfreulich.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Das deutsche Sauerkraut ist sehr gut, außerdem Kartoffelpüree wie man es zu Eisbein isst.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Design, Musik und der Expressionismus der 1920er und 1930er Jahre sind für mich typisch deutsche Dinge. Besonders Bauhaus ist für mich der Inbegriff Deutschlands. Aber auch die Musik, manche Musik verbinde ich sofort mit Deutschland, wenn ich sie höre, auch das Lyrische in der Musik hat etwas sehr Deutsches. Dann ist da noch das deutsche Kabarett, die expressionistische Malerei und das Theater Brechts. So etwas gab es in anderen Ländern nicht, und es ist auch unmöglich, das systematisch in sich aufzusaugen, man kann es einfach nur genießen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich denke das Theater, Architektur und Design. Das Bauhaus hat Generationen beeinflusst.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Marx. Ich stelle mir seinen Alltag sehr eintönig vor, mein Leben hingegen ist zu turbulent. Ja, ich denke ich würde gern mit Marx einen Tag tauschen, ein Tag würde aber auch genügen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Deutschen sind sehr genau. Ich selbst bin kein systematischer Mensch, und manchmal nervt es mich sogar, Probleme logisch anzugehen. Doch wenn man einige Zeit in Deutschland war, fällt einem auf, wie sehr man diese Dinge genießt, diese Logik, diese Beständigkeit und Sturheit, so etwas kann manchmal einfach wundervoll sein. Für einen übermäßig emotionalen Menschen wie mich hat das analytische Denken klare Vorteile.

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