Porträt Li Jiwei (李继伟)

Li Jiwei
Li Jiwei | © Li Jiwei

Im Olympia-Sommer hat der Pekinger Künstler Li Jiwei die Deutsche Botschaft in Peking verhüllt, für die Deutschlandpromenade Anfang November 2008 in Kanton entwarf er den Kulturpavillon. Li Jiweis Verbindung zu Deutschland reicht aber viel weiter zurück.

Li Jiwei wurde 1960 in Peking geboren. Anfang der 1980er Jahre studierte er Traditionelle Chinesische Malerei an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking, 1990 ging er als Meisterschüler zu Prof. Markus Prachensky an die Akademie der Bildenden Künste nach Wien. Nach dem Abschluss reiste er über ein Jahr lang durch die USA und Kanada, bevor er sich 1996 in Berlin niederließ. Seit 2003 lebt Li Jiwei wieder überwiegend in Peking. Aus der Malerei kommend, interessiert sich Li Jiwei heute vor allem für Design und Installationen, mit denen er einen engen Bezug zur Gesellschaft herstellen kann. Dabei verwendet er in seinen Arbeiten mit Vorliebe Hightech-Materialien. 2007 entwarf und produzierte er den Kulturpavillon Floating Space für die Deutschlandpromenade in Nanjing und zu den Olympischen Spielen 2008 verkleidete er die deutsche Botschaft in Peking mit einer Installation in Form eines Trikots inFORM - Zustand. Außerdem hat Li Jiwei die Bubble Bar im Water cube, dem Olympischen Schwimmstadion, entworfen und gestaltet.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin nicht nur in letzter Zeit sehr beschäftigt, sondern eigentlich immer. Außer dem Kulturpavillon für die Deutschlandpromenade im November in Guangzhou arbeite ich gerade an der zweiten Auflage des Katalogs zu der Installation inForm – Zustand an der Deutschen Botschaft, die gerade abgebaut wird. Die erste Ausgabe war voller Fehler, deshalb muss ich jetzt noch mal ganz eng mit dem Grafiker und der Druckerei zusammenarbeiten, damit die Qualität meinen Ansprüchen entspricht. Natürlich gibt es noch weitere Projekte, die im Hintergrund laufen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

1996 bin ich aus Amerika zurück nach Europa gekommen und bin nach Berlin gegangen, d.h., seit 1996 lebe ich in Berlin und mache dort Kunst. Ich war 1988 nach Österreich gegangen, wo ich sieben Jahre studiert habe, nach Abschluss des Studiums ging ich dann in die USA. Amerika war sehr interessant, alles sehr groß und sehr offen, ganz anders als Europa. Alles Gute, was aus Europa nach Amerika kommt, wird dort 10mal größer. Vor Berlin war ich noch einmal in Österreich, dort ist es sehr schön, aber ich dachte an meine Zukunft, daran, in welche Richtungen ich mich entwickeln könnte und fand, dass Berlin dafür der passendere Ort sei. Ich bin in Peking geboren, und Berlin und Peking sind sich sehr ähnlich – einige Menschen sind sehr höflich und kultiviert, aber andere drücken sich wahnsinnig unhöflich aus, fluchen und schimpfen und sind ziemlich schlampig.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Im Vergleich mit anderen Ländern, in denen ich war und die ich kenne, ist Deutschland ein Ort, wo etwas auf die Beine gestellt wird – die Vorgespräche sind immer sehr mühsam, alles muss ausdiskutiert werden, aber sobald man damit fertig ist, kann man loslegen. Natürlich sind die Deutschen auch sehr offenherzig, sie denken nicht um die Ecke, zwar nicht alle, aber die meisten denken doch sehr geradeaus und sehr einfach. Für die Qualität haben die Deutschen Maschinen und Geräte, daher ist die Denkweise auch eher maschinell, geradeaus und ohne Kurven. Dafür gibt es ein sehr einfaches, aber sehr anschauliches Beispiel: Die Linien für Umleitungen auf der Autobahn in Deutschland sind gerade, während sie woanders gebogen sind. Chinesen leben und arbeiten nach dem „Ungefähr“-Prinzip. Aber in Deutschland ist der Druck sehr hoch, eine Sache gut zu machen, da gibt es nichts zu diskutieren. Das hat meine Arbeit sehr beeinflusst, angefangen beim Handwerklichen, über die Herstellung bis zum Material. Ich interessiere mich sehr für Qualität, die Ansprüche an Qualität sind in Deutschland klar und eindeutig, das ist für mich sehr wichtig. Auch die Arbeitsmoral der Deutschen gefällt mir gut – eins, zwei, drei. Allerdings lässt sich nicht alles so eins, zwei drei umsetzen, man braucht auch Flexibilität. Ich versuche, beide Prinzipien zu vereinen, Genauigkeit und Flexibilität.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Ich habe in Deutschland sehr viel erlebt, also - diese Frage ist wirklich sehr schwer zu beantworten. Ein schönes Erlebnis war, wie ich das erste Mal in Berlin eine Installation machen wollte, auf dem Teufelsberg, das ist ein Müllberg, etwa 50, 60 Meter hoch. Für die Installation brauchte ich sieben Tonnen Kieselsteine, 2000 Mozartkugeln und Messingdraht – ich hatte aber überhaupt kein Geld. Also bin ich direkt zu einer Firma gegangen, die Steine produziert. Ich habe dem Chef meine Idee erklärt, der kannte sich mit Steinen aus, hatte aber von Kunst keine Ahnung, und als da nun so ein Künstler auftauchte, so ein verrückter Chinese, der ihm erzählte, ich brauche Geld und Unterstützung, da sagte er einfach: „In Ordnung“. So einfach war das, das hat mich sehr beeindruckt.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Einmal als ich in Berlin Auto fuhr - Deutsche sind ja nicht sehr geduldig – wechselte die Ampel gerade von rot auf gelb und ich wollte losfahren, da begann der Fahrer eines riesigen Autos hinter mir mich plötzlich mit unheimlich schmutzigen Worten anzuschreien: „Kannst du überhaupt Autofahren, du Idiot….“ Ich war gerade aus Österreich gekommen, da siezt man sich immer, dieser Mensch duzte und beschimpfte mich, ich war vollkommen perplex.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Es gibt nicht sehr viel, was mir schmeckt, denn was Essen anbetrifft, bin ich sehr wählerisch. Deutsches Brot ist ganz akzeptabel, ich mag vor allem Schwarzbrot und Mischbrot, außerdem gibt es bei Mainz sehr guten Wein, zum Beispiel Riesling, der ist nicht so süß.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Gradlinig, eckig, selbst die Kurven sind eckig, dafür aber auch sehr genau, sehr logisch, sehr vernünftig.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Für mich ist das die individuelle Kreativität und Schaffenskraft der Deutschen, und die Freiheit. Die drückt sich in vielen Produkten aus, die aus Deutschland kommen, zum Beispiel dem Käfer. Ein Beispiel ist auch Gerhard Richter, er hat Material nicht nur als Farbe und Kunstinhalt genutzt, sondern mit einem großen Spachtel darauf herumgekratzt – das ist ein Ausdruck deutscher Schaffenskraft in der Kunst. 

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit welchem Deutschen ich einen Tag tauschen würde – das ist keine einfache Frage. Ich bin zwar kein Politiker, ich interessiere mich auch wirklich nicht für Politik, aber wenn es möglich wäre, würde ich einen Tag mit Botschafter Dr. Schäfer tauschen. Oder, ich habe noch eine bessere Idee: mit einem Bauarbeiter, der in Deutschland die Linien für Umleitungen auf die Fahrbahn malt.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Den Anspruch an Qualität und die Logik.