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Porträt
Liu Xuefeng (刘雪枫)

Liu Xuefeng
Liu Xuefeng | © Liu Xuefeng

Liu Xuefeng, bekannter Musikkritiker und leidenschaftlicher Fan der Bayreuther Festspiele, sprach während der Deutschland-Promenade in Guangzhou über die deutsche klassische Musik und ihre Rezeption in China. 2008 ist in China sein Buch Wallfahrt: Wagners Bayreuth (2008) erschienen.

Liu Xuefeng (刘雪枫), geb. 1961 in Dalian, ist ein renommierter Kritiker für klassische Musik. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie, wurde er von klein auf musikalisch geprägt. 1979 begann er an der Peking Universität chinesische Geschichte zu studieren. Er war ehemals Chefredakteur der Zeitschriften Philharmonic und The Gramophone. Gegenwärtig ist er Direktor der Abteilung Kunst und Kultur der Gesellschaft für Kulturförderung in den unterentwickelten Regionen Chinas, Generalsekretär des chinesischen Wagner-Vereins sowie Chefredakteur der Zeitschrift Philharmonic World, die von der China Symphony Development Foundation herausgegeben wird. Liu Xuefeng verfasste mehrere Bücher, darunter Götterdämmerung – Wagner und das Musiktheater (1994), Hautnah an der Romantik (1999), Über die Musikgeschichte des Westens (2000), End Your Sorrow at Sunrise (2004), Landkarte deutscher Musik (2005), Wallfahrt: Wagners Bayreuth (2008) und Österreich nach Noten (2008). Außerdem gab er Schriftreihen wie Wagners gesammelte musikalische Werke oder Wissen der Weltkulturgeschichte heraus.

Während der Deutschland-Promenade, die vom 7.-15. November 2008 in Guangzhou Station machte, sprach Liu Xuefeng mit Besuchern des Kulturpavillons über die deutsche klassische Musik und ihre Rezeption in China.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich schreibe gerade für den Almanach des Caijing Magazine für Wirtschaft und Finanzen an einem Ausblick auf die klassische chinesische Musik im Jahr 2009. Gemeinsam mit einer amerikanischen Finanzzeitschrift bringt das Caijing Magazine jährlich ein dickes Jahrbuch auf Englisch und Chinesisch heraus. Da mein Artikel noch ins Englische übersetzt werden muss, muss ich mich mit dem Artikel beeilen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Mein Vater war Violinist. Als ich noch sehr klein und völlig unwissend war, hörte ich bereits die Musik Beethovens, die Romanze in F Major. Ich war damals vielleicht zwei Jahre alt.

Anfang der achtziger Jahre schrieb ich Artikel über Wagner. Damals war mir die deutsche Musik längst vertraut, schon in der Mittelschule kannte ich Furtwängler, ich hörte japanische Schallplatten aus den vierziger Jahren, die von Furtwängler dirigierte Ouvertüre zu Tristan und Isolde und Isoldes Liebestod. Bereits damals bewegten mich jungen Burschen solche Geschichten so sehr, dass ich tagelang melancholisch und schwermütig war.

Wirklich kennen lernte ich Deutschland, als ich 2002 zum ersten Mal nach Deutschland kam. Für mich war das, als würde ich nach Hause kommen. Nicht etwa, weil ich das Land blind verehrte, aber die dortige Atmosphäre, die Reinszenierung der Legenden, die Empfindung für das Historische erzeugten in mir das Gefühl einer Heimkehr. Man mag mir diese Aussage zum Vorwurf machen, aber ich habe das tatsächlich so empfunden. Das ist sogar einer Leserin aufgefallen, als ich wieder zurück in China an dem Tagebuch 10 Tage in Bayreuth schrieb. Das Tagebuch erschien als Serie. Ich schrieb also über den ersten Tag, wie ich mich von München gen Norden nach Nürnberg aufgemacht hatte, dort umstieg und erst spät abends in Bayreuth ankam. Dieser erste Teil war gerade erschienen, da meinte eine Leserin, ich hätte eine Heimreise beschrieben.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich sehe meine Deutschlandreisen, den Kontakt zu Land und Leuten und die Begegnung mit der deutschen Musik als einen wichtigen Teil meines Lebens an.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Schön ist vielleicht nicht das angemessene Wort, aber am nachhaltigsten hat mich sicherlich Bayreuth beeindruckt. Ich fahre jedes Mal für zehn Tage dorthin und in diesen zehn Tagen vergesse ich wirklich alles um mich herum, sogar das Telefon schaltete ich aus. Jeder Tag dreht sich 24 Stunden lang allein um die Oper. Vom Aufbruch aus dem Hotel bis zum Ende der Vorstellung vergehen ungefähr sieben Stunden. Die verbleibende Zeit verwende ich ganz darauf, mich auf diese sieben Stunden vorzubereiten. So sind das unvergessliche Erlebnisse.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich hatte in Deutschland nur ein einziges unerfreuliches Erlebnis. Am Berliner Flughafen bekam ich es mit einer äußerst mitleidlosen Frau zu tun, die mir nicht ein bisschen Übergepäck gewährte. Schließlich musste ich die Hüllen von etlichen brandneuen CDs vor Ort herunterreißen und wegschmeißen. Ich sehe noch den voll gestopften Mülleimer vor mir, das hat mich damals sehr deprimiert.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Meine deutsche Lieblingsspeise gibt es in der Wirtschaft meines Bayreuther Hotels. Der Mann der Wirtin bereitet frische Pilze wirklich einzigartig zu. Die habe ich später an keinem anderen Ort mehr so gut gegessen.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch"?

Deutsche sind in allem sehr gewissenhaft. In Peking legt man deine Worte nicht auf die Goldwaage, man kann etwas einfach ohne Gewähr zusagen. In Deutschland dagegen kann man keine lockeren Zusagen machen, denn man wird dann auch beim Wort genommen. Heute zum Beispiel wäre ich eigentlich vorher doch noch gerne auf die Toilette gegangen, aber als ich bemerkte, dass mir nur noch zwei Minuten blieben, sagte ich mir, heute bist du mit Deutschen verabredet, da darfst du nicht eine Minute zu spät kommen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Darüber muss ich erst mal nachdenken. Mal ganz abgesehen von der Musik. Allerdings finde ich, dass die deutsche Musik heute nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist. Aber wenn man es historisch betrachtet, hat Deutschland musikalisch Großes geleistet. Deutschland hat der Welt drei Komponisten geschenkt: Bach, Wagner und Richard Strauss. Beethoven und Brahms sind dagegen viel zu „wienerisch“, ihre wichtigsten Werke haben sie in Wien geschrieben. Natürlich schätze ich auch Weber sehr, man muss einfach sagen, dass er die unmittelbarste Quelle der Wagner-Opern ist. Ohne Weber hätte es auch keinen Wagner gegeben.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Die Frage ist ja, welcher Deutsche hat den ganzen Tag etwas zu tun? Wenn ich nur einen Tag hätte, würde ich mir ein Arbeitstier aussuchen, ich wäre gerne einen tag sehr beschäftigt. Eigentlich mag ich Lessing sehr gerne, denn ich beneide ihn um seine Epoche. Zu jener Zeit partizipierten die Kritiker am Schöpferischen. Der Kritiker sah sich jeden Tag ganz entspannt die Stücke an, anschließend schrieb er die Rezension, die Besprechung der Premieren einfach nach Lust und Laune. Also, ich tausche mit Lessing.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Offenheit und zugleich die Ordnung. Deutschland ist sehr frei, aber ich habe niemals die Befürchtung, dass diese Freiheit ins Chaos umschlagen könnte.

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