Porträt Wang Quan'an (王全安)

Wang Quan'an
Wang Quan'an | ©Wang Quan'an

Nicht nur zwei Berlinale-Bären - 2007 für Tuyas Hochzeit und 2010 für Tuan Yuan (Apart Together) - verbinden den Regisseur mit Deutschland.

Dass der 1965 in Yan'an geborene Regisseur und Drehbuchautor Wang Quan'an sich mit Berlin eng verbunden fühlt, ist kein Wunder: Vier seiner Filme wurden bisher auf der Berlinale gezeigt: Im Jahr 2002 Lunar Eclipse im Forum, 2004 The Story of Er Mei im Panorama und Tuyas Hochzeit im Wettbewerb 2007; bei der 60. Berlinale 2010 eröffnete sein neuester Film Tuan Yuan (Apart Together) die Filmfestspiele. Für Tuyas Hochzeit erhielt Wang Quan’an 2007 einen Goldenen Bären für den besten Film. Apart Together brachte ihm und seiner Co-Autorin Jin Na (金娜) einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Darüber hinaus arbeitete Wang Quan'an bei vier Filmen mit dem deutschen Kameramann Lutz Reitemeier zusammen, den er 2002 in Berlin kennenlernte.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Die größte Sache, die mich in letzter Zeit beschäftigt hat, war die Berlinale. Nun, wieder zurück in China, lassen mir die chinesischen Medien keine Ruhe, und ich muss in einer Tour über meinen Eröffnungsfilm bei den 60. Berliner Filmfestspielen erzählen.

Gleichzeitig bereite ich bereits meinen nächsten Film White Deer Plain vor. Die Verfilmung dieses sehr berühmten chinesischen Romans von Chen Zhongshi (陈忠实), der vor zwanzig Jahren geschrieben wurde, war lange Zeit verboten. Viele chinesische Regisseure wollten diesen Film schon machen, etwa Zhang Yimou (张艺谋), Chen Kaige (陈凯歌) oder Wu Tianming (吴天明), und schließlich auch ich. Nun kann es - nach einer Wartezeit von zwei Jahrzehnten - endlich losgehen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Am frühesten bin ich mit Deutschland wohl über die Musik in Berührung gekommen, denn ich liebe klassische Musik, und ich liebe Bach. Außerdem habe ich gerne philosophische Bücher gelesen, und deutsche Philosophie und Literatur sind ja sehr bedeutsam. Aber so richtig unmittelbar war es wohl leider doch ein Mercedes Benz: Als ich als kleiner Junge einen Mercedes Benz sah, erschien mir das wie ein Traumauto. Zu jener Zeit in einem Auto zu sitzen war überhaupt, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen.

Meine erste wirkliche Begegnung mit Deutschland fand statt, als ich auf der Berlinale meinen Debütfilm Lunar Eclipse zeigte. Er wurde dort 2002 im Internationalen Forum des Jungen Films gezeigt. Damals habe ich auch zum ersten Mal das Frühlingsfest in Deutschland verbracht.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Tatsächlich habe ich mit nicht wenigen Deutschen zusammengearbeitet. Außer bei meinem ersten Film war bei den folgenden vier Produktionen der letzten Jahre immer der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier mit von der Partie und auch ein deutscher Beleuchter. Jetzt habe ich außerdem noch Peter Donner als Assistenten für den Alltag. Ich habe gemerkt, dass es mir sehr liegt, mit Deutschen zu arbeiten und zu leben. Soviel uns auf der einen Seite trennt, soviel verbindet uns auch wieder. Dieses Gefühl habe ich, weil ich selbst ein Perfektionist bin und ich entdeckt habe, dass auch die Deutschen diesen Spleen haben. Bei allem, was sie tun, streben sie nach Perfektion und achten auf jedes Detail. Und im Film geht es nun einmal sehr um Details. Nach dieser langen Zeit der Zusammenarbeit haben die Deutschen mein volles Vertrauen. Wir haben gemeinsam einige wertvolle Filme gemacht. Zudem haben wir unter schwierigen Bedingungen in der chinesischen Provinz gedreht. Wir alle können Schwierigkeiten meistern.

Was mich persönlich am engsten mit den Deutschen verbindet, ist aber doch, dass ich auf der Berlinale den Goldenen Bären für Tuyas Hochzeit gewonnen habe. Ich kann sagen, dass das mein Leben verändert, ja den chinesischen Film generell beeinflusst hat. Als Zhang Yimou vor über zwanzig Jahren einen Goldenen Bären gewann, hat das für den chinesischen Film noch viel mehr bewegt. Aber tatsächlich hat auch dieses Mal eine Veränderung bewirkt. Der chinesische Film ist jünger geworden und hat eine persönlichere Perspektive eingenommen. So ist nun wirklich die Zeit des chinesischen Films gekommen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Da gibt es so viele schönste Erlebnisse. Lassen wir einmal die Filmfestspiele beiseite, die ganz offensichtlich wundervolle Erfahrungen waren, und sprechen wir von alltäglichen Dingen. Zum Beispiel von meinem wunderbarsten deutschen Alltagserlebnis: Als wir in Berlin an der Postproduktion für meinen zweiten Film saßen, gingen wir jeden Tag nach der Arbeit in einem See am Rand von Berlin schwimmen. Die Leute kamen meist in der Abenddämmerung dahin und viele haben nackt gebadet. Beim ersten Mal habe ich mich noch geniert, aber am nächsten Tag ließ auch ich die Hüllen fallen und bin mit geschwommen. Ich habe mich wirklich unendlich frei gefühlt, vollkommen harmonisch, alles war wunderschön und ganz im Einklang mit der Natur. Vielleicht war das mein schönstes Erlebnis.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Unerfreuliche Ereignisse gab es in der Tat auch viele. Am unerquicklichsten ist in Berlin immer noch das Wetter. Jedes Mal haben sich meine weiblichen Mitreisenden beschwert, sie hätten keine Gelegenheit, ihre schöne Garderobe vorzuführen – aber das ist ja nicht gerade meine größte Sorge. Wäre ich seltener in Deutschland gewesen, könnte ich mich vielleicht noch entsinnen, aber je öfter man an einen Ort fährt, desto mehr verschwimmen die Erinnerungen. Gerade fällt mir gar nichts Unerfreuliches mehr ein.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich persönlich esse am liebsten deutsche Wurst und die Auswahl ist ja sehr groß. Jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, nehme ich zu, weil ich das Frühstück dort so gerne mag. Man muss schon sagen, dass das deutsche Frühstück besonders köstlich und erstklassig ist.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Wenn ich von der rein geistigen Sphäre urteilen soll, meine ich, dass Bach typisch Deutsch ist. Denn meiner Meinung nach ist innerhalb der geistigen Kreativität des Menschen die Musik das Höchste. Das Beste in der Musik und das, was ich am liebsten mag, ist Bach.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Dann doch die Berliner Filmfestspiele. Meiner Meinung nach hat die Berlinale vor allem auf die chinesische Filmkunst einen enormen Einfluss. Eigentlich ist der chinesische Film, verglichen mit anderen wichtigen internationalen Filmfestivals, der Berlinale am engsten verbunden. Ich wüsste nicht, wie die Geschichte des chinesischen Films verlaufen wäre, wäre Das Rote Kornfeld von Zhang Yimou damals nicht prämiert worden. Für den chinesischen Film war das der Wendepunkt, denn von diesem Moment an wurde der chinesische Film in der Welt wahrgenommen. Ich war auch auf anderen Filmfestivals zu Gast, aber die Berlinale ist einfach ganz anders. Auch auf der diesjährigen so wichtigen und feierlichen 60. Berlinale hat man sich nicht dafür entschieden, einen spektakulären Hollywoodfilm mit Starbesetzung als Eröffnungsfilm zu zeigen. Stattdessen hat man den chinesischen Film Tuan Yuan ausgewählt, weil dessen Geschichte und dessen Thema mit Berlin zu tun haben. Eben durch diese Unabhängigkeit kommt die Einzigartigkeit der Berliner Filmfestspiele zum Ausdruck, und zugleich zeigt sich darin auch das Selbstbewusstsein der Berlinale.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Das ist zu schwierig zu beantworten, denn das Problem ist, dass es unter den Deutschen allzu viele gibt, die man beneiden könnte. Im Augenblick fällt mir Matthias Dammann ein, ein Meister des klassischen Gitarrenbaus. Als ich vor einiger Zeit klassische Gitarre lernen wollte, rief ich ihn an, um ihm eine seiner eigenhändig gefertigten Gitarren abzukaufen. Er erklärte mir, dass er im Jahr nur gut zehn Gitarren baue und keine mehr. Als er dann hörte, dass ich über vierzig wäre, meinte er, das ginge noch, dann könnte ich ja noch darauf spielen, wenn ich vielleicht in zehn Jahren seine Gitarre bekäme. Ich bewundere ihn sehr für sein Selbstverständnis als Künstler, und ich finde, die Chinesen sollten von ihm lernen. Die Chinesen sind ständig damit beschäftigt, dem Geld hinterher zu rennen. Selbst wir, die wir uns schon einen Namen gemacht haben, stehen unter diesem Druck. An Dammann habe ich etwas sehr Weises entdeckt, die Weisheit, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leben und Arbeit zu finden. Das Maß muss stimmen. Aber was ist das rechte Maß? Wenn ich also einen Tag tauschen sollte, so würde ich mit ihm tauschen. Weil dieser Tag komplett ihm gehört, und er weder von der Umwelt noch von seiner Arbeit beherrscht wird.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Deutschen stehen mit beiden Füßen auf dem Boden, sie sind realistisch, sorgfältig und gewissenhaft. Diese Qualitäten gehen den Chinesen eher ab. Die Chinesen sind einfach zu clever, sie wollen alles auf dem schnellsten Weg erreichen, doch das hat auch seinen Preis. Was die Chinesen meiner Meinung nach von den Deutschen lernen müssen, ist die Dinge ganz gewissenhaft anzugehen. Man sollte mehr Wert auf innere Qualitäten legen und nicht nur nach Äußerlichkeiten gehen. Ich glaube, das ist auch das, wofür die Deutschen in der Welt am meisten geschätzt werden.