Porträt Jade Y. Chen (陈玉慧)

Jade Y. Chen
Jade Y. Chen | © Moonwoman (王月)

Seit 1992 lebt die Schriftstellerin in München, die Protagonisten ihres Romans Die Insel der Göttin wurden als die "taiwanischen Buddenbrooks" bezeichnet.

Die Autorin, Journalistin und Regisseurin Jade Y. Chen führt seit vielen Jahren ein „Leben im Kulturaustausch“: Seit 1992 pendelt sie zwischen ihrer Heimat Taiwan und ihrem Wohnort München, wo sie mit ihrem deutschen Mann lebt. Geboren 1957 in Taichung, Taiwan, studierte Jade Y. Chen Geschichte und Literatur in Paris sowie Regie und Choreografie, unter anderem bei Ariane Mnouchkine und am La MaMa Theatre in New York. Zuletzt erhielt sie für ihren Roman The Sea God Family, der auch für die Bühne adaptiert und 2009 in Taipei aufgeführt wurde, zahlreiche Preise, so unter anderem 2006 den „Red Chamber Award“ der Hong Kong University für den „besten chinesischen Roman“ sowie den Taiwanischen Literaturpreis 2007. Der Roman ist 2008 auf Deutsch unter dem Titel Die Insel der Göttin im Münchner Frühling Verlag erschienen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Da ich beabsichtige, einen Roman über Tee zu schreiben, habe ich in letzter Zeit viel über Geschichte und Hintergründe des taiwanischen Oolong-Tees nachgelesen. Außerdem probiere ich alte chinesische Tees, um dem Charakter der alten Teesorten nachzuspüren. Erst gestern habe ich einen dreißig Jahre alten Dongding Oolong-Tee aus Nantou getrunken und einen hundertjährigen Pu`er-Tee aus Yunnan. Der alte Dongding war ausgezeichnet. Die ersten Schlucke waren noch säuerlich, was ich zunächst auf das Alter des Tees schob. Aber nach dem dritten Aufguss kam seine Süße zum Vorschein, und ganz zum Schluss hatte er sein Orchideen-Aroma voll entfaltet. Ich habe genug damit zu tun, die Eindrücke, welche diese Tees bei mir hervorrufen, zu Papier zu bringen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Mit sechzehn fing ich an, westliche Bücher zu lesen. Das erste war Demian von Hermann Hesse und für mich eine literarische Offenbarung. In den folgenden Jahren haben mich dann die Filme von Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder tief beeindruckt. Als ich in den 1980er Jahren in Paris Regie studierte, fuhr ich gelegentlich mit dem Zug nach Deutschland, um mir ein Theaterstück anzusehen. Dabei entdeckte ich die Lebendigkeit und den Facettenreichtum der deutschen Theaterszene. Natürlich verehrte ich wie die meisten meiner französischen Regie-Kommilitonen Pina Bausch. Ich habe jedes ihrer theatralischen Tanzstücke gesehen. Besonders ihr Stück Café Müller hatte es mir damals angetan. Dass ich mich dann später in München niederließ, hatte mit einem deutschen Mann zu tun.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Da die deutsche Grammatik fast so komplex ist wie Anatomie, braucht man gar nicht den Mund aufzumachen, solange man noch nicht ganz genau weiß, was man sagen will. In der chinesischen Syntax hingegen müssen wir keine Verben konjugieren. Da die Grammatik relativ simpel ist, können die einzelnen Wörter beinahe wie Bauklötze aneinandergereiht werden. In gewisser Weise lässt es das Chinesische zu, dass man spricht während man denkt, und sollte etwas unklar bleiben, fügt man einfach noch etwas hinzu. Durch das Erlernen der deutschen Sprache haben sich meine Denkgewohnheiten verändert. Heute muss ich mir erst darüber im Klaren sein, was ich sagen will, bevor ich zu reden anfange. In der Folge hat das womöglich auch mein Schreiben beeinflusst.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Im Sommer das gemeinsame Biertrinken mit Freunden unter den Bäumen eines bayerischen Biergartens. Im Winter die innigen Gespräche, die ich mit meinem Liebsten vor dem Kamin bei einem Glas Wein führte.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Zahnarztbesuche. Aber das hat wohl nichts mit Deutschland zu tun, sondern vielleicht einfach damit, dass ich generell ungern zum Zahnarzt gehe. Ein deutscher Zahnarzt meinte einmal zu mir, er müsse bei der Behandlung meiner Zähne viel vorsichtiger sein, weil die Zähne der Asiaten anders beschaffen seien als die der Deutschen. Eine weitere unerfreuliche Erfahrung waren Friseurbesuche. Mir ist aufgefallen, dass deutsche Friseure das feste schwarze Haar von uns Asiaten einfach nicht schneiden können. Vielleicht haben die Deutschen alle sehr feines Haar.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Oh ja, beispielsweise Weißwürste, natürlich mit einer Brezel dazu. Oder auch Leberkäse mit Spiegelei. Außerdem Schweinebraten und Bratkartoffeln. Die Liste der gutbürgerlichen Gerichte, die mir schmecken, ist noch lang.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Wenn die Deutschen „jein“ sagen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Wie Schopenhauer oder Nietzsche in so flüssigem Deutsch über Philosophie schreiben konnten, beziehungsweise wie Freud oder Jung in so schönem Deutsch die Psychologie beschrieben haben. Ganz zu schweigen von Mozart und Bach.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Lou Andreas-Salomé, und zwar im Sommer 1897, als sie in München Rilke kennen lernte.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Ich komme immer mehr von der Haltung ab, die Kulturen miteinander zu vergleichen oder etwas übernehmen zu wollen. Lieber möchte ich mich wie ein Chamäleon an das jeweilige soziokulturelle Umfeld anpassen. Bin ich in Asien, fühle ich mit als Asiatin, und zurück im Westen bemühe ich mich, nach westlicher Facon zu leben. Wenn ich allerdings unbedingt etwas nennen soll, dann eine Lebensphilosophie von Konfuzius: „Sei bewusst über dein Wissen und ehrlich über dein Unwissen“ . Dies ist eine Einstellung, die ich sehr bewundere, und zugleich ein kulturelles Merkmal. Allerdings haben die Deutschen diese Idee von Konfuzius in jeglicher Hinsicht viel konkreter und gründlicher umgesetzt als die Chinesen.