Porträt Gitta Seiler

Gitta Seiler
Gitta Seiler | © Gitta Seiler

Die Künstlerin war im September und Oktober 2011 Gast des Residenzprogramms des Goethe-Institus in Peking, wo sie junge Frauen fotografierte.

Die Fotografin Gitta Seiler wurde 1967 in Metzingen geboren. Von 1989 bis 1991 machte sie eine Ausbildung zur Fotografin im Berufsausbildungszentrum Lette-Verein, Berlin. Von 1991-1998 studierte sie in Dortmund Foto-Design bei Professor Arno Fischer. Während des Studiums verwirklichte sie verschiedene Projekte im Ausland: 1994 fotografierte sie Straßenkinder in St. Petersburg, 1996 lebte sie ein Jahr lang in Sao Paulo/Brasilien. Ihre Diplomarbeit zeigte Arbeiten aus diesen beiden Ländern und Deutschland zum Thema „Kind sein“.

Seit 1998 ist sie freiberuflich tätig. Sie lebt in Berlin und war von 2007 bis 2011 als Dozentin an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin tätig.

Zu Gitta Seilers wichtigsten und vielfach ausgezeichneten Arbeiten gehören: weggerannt (1999), das Porträt einer Ausreißerin in Deutschland, abgetrieben (2000), eine Arbeit über eine Abtreibungsklinik für Minderjährige in St. Petersburg, eingesperrt (2002) über junge Frauen in einem deutschen Gefängnis und ungewollt (2006–2009) über minderjährige Mütter in Berlin. Alle Projekte Gitta Seilers erfordern einen intensiven persönlichen Einsatz, die Fotografin verbringt viel Zeit mit ihren Protagonistinnen. Dabei versucht sie einen Zustand zu erreichen, in dem ihre Anwesenheit so sehr zur Normalität wird, dass die Portraiterten sie vergessen und sich so natürlich wie möglich verhalten.

Die vier analog aufgenommenen Serien, teils schwarz-weiß und teils in Farbe, sind in dem 2010 erschienenen Fotobuch im Kehrer Verlag mit dem Titel über mädchen“vereint. Es folgten drei Ausstellungen zum Buch in Ulm, Dortmund und zuletzt in Berlin (4. Mai bis 11. Juni 2011).

Im September und Oktober 2011 hielt sich Gitta Seiler als Gast des Residenzprogramms des Goethe-Instituts in Peking auf.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Mit dem Fotografieren von jungen Frauen in Peking und dadurch mit der Rolle der Frau in China. Die jungen Frauen repräsentieren für mich eine neue Generation, und ich war neugierig, wie sie sich darstellen. Leider ist es sehr schwierig, natürliche Fotos zu machen, denn Chinesen werden von klein auf viel fotografiert und werfen sich immer sofort in eine Pose. Ich möchte aber einerseits natürliche Fotos machen, andererseits aber auch keine „heimliche“ Straßenfotografie.

Neben Studentinnen habe ich auch Frauen in Einkaufszentren fotografiert. Dieser ungehemmte Konsum, wenn sich ständig die Menschenmassen durch diese Zentren drängen – das ist auf eine gewisse Weise schon faszinierend und schockierend zugleich… Ich habe schon 2000 in Russland und 2005/2006 während eines Künstleraufenthalts in Konstanz Frauenporträts gemacht. Vielleicht werden meine Porträts aus Peking diese Serien ergänzen, aber das wird sich erst zeigen, wenn die Fotos entwickelt und ausgearbeitet sind und etwas Zeit vergangen ist.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

2009 habe ich einen Freund, mit dem ich zusammen in Dortmund studiert habe, in Shanghai besucht, den Fotografen Jan Siefke. Durch ihn hatte ich einen besonders intensiven und individuellen Zugang zu Shanghai, aber ich habe in den fünf Wochen auch andere Orte besucht. In Peking war ich nur kurz und habe mir damals gewünscht, noch einmal für einen längeren Zeitraum zurückkommen zu können.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Für mein neues Projekt habe ich viele unbekannte Frauen auf der Straße angesprochen, um sie zu fotografieren. Das ist eigentlich nicht meine Art, so zu arbeiten, aber es war hier aufgrund der Kürze der Zeit nicht möglich, ein Projekt wie meine vorhergehenden zu entwickeln: in einem begrenzten Umfeld, wo mich die Menschen kennen und wissen, was ich tue und warum ich da bin. Es hat mich Überwindung gekostet, die Frauen auf der Straße anzusprechen, mich aber auch weitergebracht. Ich habe dabei viel erfahren und gelernt, z.B. auch wie mit Ablehnungen umzugehen ist. Außerdem werde ich bestimmt mein Konsumverhalten überdenken.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Dass immer wieder Menschen auf mich zukamen, um mir zu helfen, wenn ich auf der Straße stand und hilflos ausschaute.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Wie mir Filme falsch entwickelt wurden – im E6-Prozess statt im C41-Prozess, die Fotos sind alle nicht mehr zu retten. Und wie mir ein Taxifahrer meinen echten 100-Yuan-Schein unter dem Vorwand, dass eine Ecke am Schein fehle, blitzschnell austauschte, und mir einen falschen zurückgab.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Peking-Ente und Hotpot.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Drängeln. Und das gemeinsame Essen an einem runden Tisch und in der Mitte mit der großen runden Glasplatte, die man drehen kann, um so an das gewünschte Gericht zu kommen...

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Das Künstlerviertel 798 in Peking, es ist sensationell, wie Künstler dieses Gelände mit den beeindruckenden Hallen für sich genutzt haben, auch wenn es inzwischen schon ziemlich kommerziell ist.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit irgendeiner Frau, durch die ich die Möglichkeit hätte, die Sprache zu verstehen. Zu verstehen, wie diese vielen Frauen, die ich jeden Tag um mich herum sehe – auf den Straßen, im Bus, in der U-Bahn, in Restaurants – kommunizieren und worüber sie reden.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Das Essen mit Stäbchen und diese Art des Essens, die es erlaubt, von allem zu probieren.