Fokus: Zukunftsangst Unsichere Zukunft für 55 Millionen Kinder

Hausaufgaben im Freien
Hausaufgaben im Freien | Foto: Panzhiwang © ImagineChina

Vom regulären Bildungssystem weitgehend ausgeschlossen und oft von ihren Eltern getrennt aufwachsend, haben die Kinder von Wanderarbeitern ihre eigenen psychologischen und sozialen Probleme.

Die Internetplattform Netease beschäftigte sich zum Jahresende 2010 mit dem Thema „Entscheidungen treffen“. Acht ganz gewöhnliche Chinesen erzählten von ihren Erfahrungen zum diesem Thema. Eine davon war Frau Yang Hong (杨红), die vor 9 Jahren aus ihrer Heimatprovinz Henan zum Jobben nach Peking gekommen ist. Ihre Tochter blieb während all dieser Zeit daheim und wurde von den Großeltern versorgt. Da die Großeltern nun beide bereits über 80 sind, ist Frau Yang der Auffassung, dass sie ihren Eltern diese Last nicht länger aufbürden kann. Sie will deshalb ihre Tochter zu sich nach Peking nehmen, befürchtet jedoch, dass sie die hiesigen Schulgebühren nicht aufbringen kann. Nun steht sie vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie ihre Tochter zu sich in die Stadt holen oder weiter bei ihren Eltern lassen?

Zurückgelassene und „mobile“ Kinder

Yang Hong ist nicht allein mit ihren Problemen, Millionen anderer chinesischer Bauernfamilien stehen vor derselben schwierigen Frage. Offiziellen Angaben zufolge gibt es mittlerweile mehr als 200 Millionen Wanderarbeiter in den Städten Chinas, die etwa 55 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter haben. Diese Kinder werden entweder als „zurückgelassene Kinder“ oder „mobile Kinder” bezeichnet. „Zurückgelassen” bedeutet, dass das Kind über einen längeren Zeitraum getrennt von den Eltern lebt und nur unzureichende elterliche Fürsorge erfährt. „Mobil” bedeutet, dass das Kind unter äußerst unbeständigen Lebens- und Ausbildungsbedingungen lebt. Ganz gleich, wie sich die Eltern entscheiden, in beiden Fällen hat ihre Wahl große Auswirkungen auf das Heranwachsen des Kindes, seine körperliche und geistige Gesundheit, seine zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten sowie seine Beziehung zur Gesellschaft. Die Kinder befinden sich in einer Situation, in der sie einerseits institutioneller Benachteiligung als auch gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sind. Insgesamt sind es düstere Zukunftsaussichten für die Kinder der Wanderarbeiter.

Die Wanderarbeiter wohnen häufig in sogenannten städtischen Dörfern, die zugleich urbane und ländliche Merkmale aufweisen. Die Anzahl der Zugezogenen übertrifft bei weitem die Zahl der Ortsansässigen. Die staatlichen Schulen, die nur für Kinder mit städtischer Haushaltsregistrierung vorgesehen sind, können den plötzlich gestiegenen Schüleranstieg nicht verkraften. Außerdem müssen die Wanderarbeiter vor der Aufnahme ihrer Kinder in staatliche Schulen eine ganze Reihe Unterlagen und Nachweise vorlegen, was in vielen Fällen nur schwer zu verwirklichen ist. Aus diesem Grund sind die meisten Kinder gezwungen, auf private Schulen zu gehen, die eigens für sie eingerichtet wurden und unter dem Namen „Schulen für Migrantenkinder” zusammengefasst werden.

In Peking gibt es etwa 300 Schulen für Migrantenkinder. Bis auf einige wenige, die von der Regierung eine Lizenz erhalten haben, sind alle anderen nicht registrierte, illegale Schulen. Diese Schulen sind sehr dürftig ausgestattet. Nur die wenigsten Lehrer können ein Lehrerdiplom vorweisen, Niedriglöhne und häufiger Unterrichtsausfall sind an der Tagesordnung. Auch die Unterrichtsqualität ist an diesen Schulen nicht gewährleistet. Selbst an einer der besseren Schulen für Migrantenkinder liegt die Durchfallquote bei einer Matheprüfung bei über 80 Prozent.

Wenn eine Schule für Migrantenkinder keine Lizenz vorweisen kann, kann der Schulbetrieb jederzeit eingestellt werden. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren viele Gebäude abgerissen und ihre Bewohner zwangsumgesiedelt wurden. Aus diesen Gründen wurden in den letzten zwei Jahren dutzende Schulen für Migrantenkinder in Peking geschlossen, was Konsequenzen für die Schulbildung tausender Kinder hatte. Im Frühjahr 2010 wurde im Pekinger Bezirk Daxing eine Migrantenschule dichtgemacht und abgerissen. Auf die Frage, wo denn die 1.800 Schüler dieser Schule abgeblieben seien, antwortete der Direktor, dass mindestens ein Drittel von ihnen in die Heimatprovinz zurückgekehrt sei. Die Rückkehr bedeutet für die Kinder, dass sie wieder von ihren Eltern getrennt leben und sich erneut an das Leben auf dem Land gewöhnen müssen. Einige von ihnen sind schon als Kleinkinder nach Peking gekommen und sprechen nicht einmal den Dialekt ihrer Heimat. Der Umzug in das Heimatdorf, zu dem sie keine große emotionale Verbindung haben, ist ein schwieriger und schmerzhafter Anpassungsprozess für die Kinder. Offiziellen Angaben zufolge besucht nur ein Bruchteil der heimkehrenden Kinder weiterhin die Schule, und nur ganz wenige schaffen ihr Abitur und die Aufnahmeprüfung für die Universität.

Perspektivlosigkeit erzeugt viele psychologische und soziale Probleme

Häufiger erzwungener Schulwechsel und Schulabbruch führen dazu, dass den Migrantenkindern die Möglichkeit, sich durch Bildung in die städtische Gesellschaft zu integrieren und sich weiter zu entwickeln, versperrt bleibt. In vielen großen chinesischen Städten und Vorstädten gibt es immer mehr Jugendliche ohne elterliche Aufsicht, Schulausbildung und Arbeit. Sie streunen unsicher, ziellos und verbittert herum und gefährden die Stabilität der Gesellschaft. Eine Polizeistatistik aus einem Pekinger Bezirk zeigt, dass 75% der jugendlichen Straftäter aus der Generation der Post-Neunziger zugewanderte Migranten sind.

Der ständige Wechsel zwischen „zurückgelassen“ und „mobil“ sein, die fehlende elterliche Fürsorge und das wechselnde Umfeld – all dies hat negative Auswirkungen auf das körperliche und psychische Wohl der Migrantenkinder. Die zurückgelassenen Kinder wachsen bei ihren Großeltern auf, wodurch die elterliche Liebe und Erziehung zu kurz kommt. Durch die Arbeitsmigration zersplittern nicht nur die Familien, sondern es kommt auch leicht zu einer Unterversorgung und mangelnder Beaufsichtigung der Kinder, was in der Schlüsselperiode ihres Heranwachsens verschiedenste Probleme nach sich ziehen kann. Was die „mobilen“ Kinder betrifft, so sind viele Migrantenfamilien dem Großstadtdschungel nicht gewachsen, die Eltern sind zu beschäftigt damit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und haben daher keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Dies führt zu psychologischen und sicherheitsrelevanten Problemen. Man muss nur einmal die Zeitung aufschlagen, um festzustellen, dass Berichte über Verbrechen, deren Opfer Kinder sind, größtenteils Kinder aus Migrantenfamilien betreffen. Auch sexueller Missbrauch ist häufiger in dieser Bevölkerungsgruppe anzutreffen.

Gemeinnützige Organisationen im Einsatz

Glücklicherweise gibt es immer mehr Gruppen in der Gesellschaft, die sich der Probleme von Migrantenkindern annehmen. Diese Organisationen bemühen sich um eine Unterstützung der Migrantenkinder außerhalb des starren Schulsystems. Das im Jahre 2008 gegründete Pekinger Beratungs- und Ausbildungszentrum „Growing Home” ist eine gemeinnützige Einrichtung, die Kindern und Jugendlichen verschiedene Leistungen anbietet und sie beim Heranwachsen begleitet. „Growing Home” fördert auch Lehrer und Ehrenamtliche, die in Migrantenschulen arbeiten und bietet ihnen eine Lehrerausbildung an. Heranwachsende Kinder von Wanderarbeitern erhalten hier Rat bezüglich der Arbeitssuche und künstlerischer Ausbildung sowie psychologische Beratung. Bis heute hat „Growing Home” über 20 Migrantenkinderschulen, mehreren hundert Lehrern und etwa 2.000 Migrantenschülern mit kostenlosem Ausbildungs- und Beratungsservice zur Seite gestanden.

Die in Hongkong registrierte, international ausgerichtete gemeinnützige Organisation „Compassion for Migrant Children“ (CMC) organisiert in ihren Nachbarschaftszentren verschiedene Veranstaltungen und Projekte, um mittellosen Migrantenkindern finanzielle und materielle Unterstützung und Sozialleistungen anbieten zu können. In Peking gibt es mittlerweile drei solcher CMC-Zentren in Migrantensiedlungen, in Shanghai eines. Das Motto ihrer Internetpräsenz lautet „Friends of New Citizens”. Das Ziel der Organisation ist es, freiwillige Helfer und Sozialeinrichtungen zu unterstützen, um den Kindern der Wanderarbeiter besser helfen zu können.

Die „Zigen Association for Rural Education and Development“ hilft seit mehr als 10 Jahren zurückgelassenen Kindern und Jugendlichen bedürftiger Familien in Chinas armen ländlichen Regionen. Die Organisation hat in mehr als 200 Dörfern in elf Provinzen Chinas, darunter Guizhou, Yunnan, Shanxi und Hebei, Hilfsprojekte in den Bereichen Schulausbildung, Erwachsenenbildung, allgemeine ländliche Entwicklung etc. durchgeführt.

Darüber hinaus gibt es auch noch andere gemeinnützige Organisationen in China, wie z.B. „Migrant Workers’ Friend“, „Migrant Women’s Club“, „Peasants’ Children“, „Teachers’ Home“, „Migrant Workers’ Home“ und „United Heart Home of Hope“. Außerdem setzen sich auch gemeinnützige Vereine an Universitäten für die Migrantenschulen ein.

Die Entscheidung

Yang Hong hat sich letztendlich dazu entschlossen, ihre Tochter nach Peking zu holen. Aus einem „zurückgelassenen” Kind ist ein „mobiles” Kind geworden. Die Tochter besucht nun eine Schule für Migrantenkinder, die nur Mathe-, Chinesisch und Englischunterricht anbietet. Die oben beschriebenen Probleme werden Yang Hong und ihre Tochter unausweislich auch in Zukunft begleiten. Kann den 55 Millionen zurückgelassenen und mobilen Kindern der Wanderarbeiter Chinas geholfen werden? Ihr Schicksal wird einen immensen Einfluss auf die weitere Entwicklung des ganzen Landes haben.