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Fokus: Hochschulbildung
Elitenbildung kann importiert werden

Xin Lijian
Xin Lijian | © Xin Lijian

Aktuell bilden chinesische Universitäten kaum Führungspersönlichkeiten aus, die neue Wege aufzeigen könnten und über innovative Weitsicht verfügen. Universitäten in Hongkong, Macau und Taiwan könnten diese Lücke schließen, meint der Pädagoge Xin Lijian (信力建).

Von Xin Lijian (信力建)

Betrachtet man nur die Immatrikulationsrate, hat sich die chinesische Hochschulbildung bereits von der Elitenbildung hin zur Breitenbildung entwickelt. Die übliche internationale Norm klassifiziert eine Immatrikulationsquote von unter 15 % als Elitenbildung, bewegt sich die Quote zwischen 15 % und 45 %, handelt es sich um Bildung für die breite Masse, bei über 45 % um eine flächendeckende Hochschulbildung.

Die alten kaiserlichen Paläste, Adelsburgen und Gutsherrenhöfe sind heute nur noch Sehenswürdigkeiten. Während hier der Strom der Touristen nicht abreißt, hat kaum jemand Interesse daran, sich ein Bild vom Leben der armen Bevölkerung früherer Zeiten zu machen. Das was wir heute als die klassische Kultur bezeichnen, sei es in Form von Texten oder anderen Dingen, bezieht sich meist nur auf solche Werke, welche uns die elitäre Oberschicht hinterlassen hat, denn das Erbe der einfachen Leute fällt dürftig aus. Die Tatsache, dass die alte Zivilisation von einer kleinen Elite geschaffen wurde, hat manch einen zu dem Schluss verleitet, die Gesellschaft müsse der Elite eine besondere Position zuweisen, eine Haltung, die man als Elitarismus bezeichnet. Während der von Platon aufgebrachte Elitarismus der europäischen Antike sich stark auf den Adel hin orientierte und Herkunft, soziale Stellung und Vermögen zur Messlatte für die Elite machte, legte das konfuzianische Elitedenken größeren Wert auf Bildung und die Kultiviertheit des Charakters.

Die kaiserlichen Beamtenprüfungen können als die politische Umsetzung des konfuzianischen Elitarismus betrachtet werden. Vor dem System dieser Mandarinatsprüfungen hatte man in der Han- und Wei-Zeit sowie während der Südlichen und Nördlichen Dynastien die Beamten nach einem Empfehlungssystem rekrutiert, das mit den Personalauswahlverfahren moderner Unternehmen vergleichbar ist. Der Vorteil des Empfehlungssystems war, dass Wissen und Charakter gleichermaßen berücksichtigt wurden, allerdings war es weniger effizient und man hatte nur eine begrenzte Auswahl an Kandidaten. Das gemeine Volk drang nur schwer bis ins höfische Machtzentrum vor, während Gelehrten- und Beamtenfamilien naturgegeben bevorzugt wurden. Das hatte zur Folge, dass Machtstrukturen zementiert wurden und eine strenge Klassengesellschaft herrschte.

Im Gegensatz dazu hatte das kaiserliche Prüfungssystem eine hohe Trefferquote und war äußerst breit angelegt. Andererseits fragten die Beamtenexamen nur ein begrenztes Wissen ab und noch weniger ließ sich der Charakter einer Person abprüfen. Nachdem das System der Beamtenprüfungen über ein Jahrtausend Bestand gehabt hatte, wurde es schließlich 1905 abgeschafft, vor allem weil die starren Prüfungsinhalte mit der modernen Gesellschaft immer weniger zu tun hatten. Hätte man die Inhalte der Beamtenprüfungen allmählich angepasst und einen Übergang zu den heutigen Prüfungen für den öffentlichen Dienst bewerkstelligt, wären die gesellschaftlichen Umwälzungen womöglich etwas sanfter ausgefallen. So aber hatte die hastige Abschaffung der Beamtenprüfungen – ehe noch ein besserer Mechanismus für die Auswahl der Elite etabliert war – gravierende Folgen. In dem folgenden halben Jahrhundert versuchten sich scharenweise Militärs in der Politik und Warlords zettelten Kriege an. Gleichzeitig wanderten die jungen Talente zum Militär ab und stürzten die traditionelle Kultur bald in eine Nachwuchskrise.

Während es immer noch umstritten ist, ob ein Zusammenhang zwischen der Abschaffung der Beamtenprüfungen und dem Untergang des kaiserlichen Qing-Hauses bestanden hat, ist die symbolische Bedeutung der Wiedereinführung der Hochschulaufnahmeprüfungen zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik (1977, Anm. d. Übers.) gesellschaftlicher Konsens. Bei der Auswahl der Elite übernahmen die Hochschulaufnahmeprüfungen zunächst dieselbe Funktion wie die kaiserlichen Prüfungen. Mit dem Diplom von einem Junior-College erlangte man automatisch den Status eines Kaders. Erst in den 1990er Jahren wurden Examen für den öffentlichen Dienst eingeführt, so dass nicht mehr alles allein an den Hochschulprüfungen hing. Die Wiederaufnahme der Hochschuleingangsprüfung hatte die Regierung mit einer riesigen Reserve an Funktionären versorgt und die Nachwuchskrise der Kader abgefedert. Dies war der offenkundigste Erfolg der Wiedereinführung der Hochschulbildung und ihrer Zugangsprüfungen.

Auch wenn man neben den Hochschuleingangsprüfungen nun Examen für den öffentlichen Dienst etabliert hatte, hatte sich an der Bildungsmission der Universitäten, nämlich die Regierungsorgane und öffentlichen Institutionen mit Personal zu versorgen, nichts geändert. Nachdem in China die Marktwirtschaft Fuß fasste, herrschte in allen möglichen Organisationen Personalbedarf, doch die Ausbildung an den Universitäten blieb stereotyp auf den Beamtendienst ausgerichtet. Die oberste Pflicht des Beamten lautet Gehorsam, während doch bei institutionellen Führungspersönlichkeiten der Mut, neue Wege zu gehen, und innovative Weitsicht gefragt sind. Dieses Missverhältnis von Hochschulbildung und Personalbedarf brachte nicht nur die Regierung an ihre Grenzen, sondern erst recht nichtstaatliche Organisationen einschließlich Unternehmen. Das Personalproblem der ausgehenden Qing-Dynastie wiederholte sich aufs Neue.

Infolge des Bedarfs an technischem und wissenschaftlichem Personal zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik richteten einige Schwerpunktuniversitäten nach und nach Klassen für Junior-Studenten ein, um den hochbegabten Nachwuchs aus ganz China gesammelt auszubilden. Blickt man nach über drei Jahrzehnten zurück, so wurden, um nicht von einem Fiasko zu sprechen, doch zumindest die hohen Anfangserwartungen enttäuscht. Selbstverständlich hatte man nur Jugendliche mit einem außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten zu den Junior-Klassen zugelassen. Wenn diese hochbegabten Kinder keine Bilderbuchleistungen brachten, ist das nicht nur bedauerlich für sie selbst, sondern ein Verlust für die gesamte Nation, ein Schaden, der gar nicht zu bemessen ist.

Die Universitäten gestehen ein, dass man bei der Ausbildung von Junior-Studenten zu wenig Erfahrung gehabt habe. Doch beschränkt sich dieses Erfahrungsdefizit wirklich nur auf die Ausbildung von Junior-Studenten? Obwohl China weltweit die größte Zahl an Mittelschulabsolventen hat, lässt das Niveau der Hochschulabgänger in China zu wünschen übrig. Selbst wenn hier und da ein Student positiv hervorsticht, ist dies nicht unbedingt das Verdienst der Hochschulbildung, vielmehr scheint es dem universitären Unterricht einfach nicht gelungen zu sein, das Naturtalent zu „glätten“. Die nationalen Spitzenuniversitäten Peking-Universität und Tsinghua-Universität, die früher spöttisch als „Propädeutika für das USA-Studium“ bezeichnet wurden, haben heute neue Konkurrenz aus Hongkong, Macao und Taiwan bekommen. Selbst ihr Status als „USA-Propädeutika“ scheint nun über kurz oder lang gefährdet zu sein. Während die Studiengebühren permanent angepasst werden, bleiben die unzeitgemäßen Bildungsmodelle unangetastet. Einem Junior-Studenten der Ingenieurs- und Naturwissenschaften wurde das Bachelorzeugnis nur deswegen verweigert, weil er im Fach Philosophie durchgefallen war. Der Malereiprofessor Chen Danqing (陈丹青) zog sich wegen der unsinnigen Anforderungen an Masterstudenten seitens der Universität aus der Lehre zurück: Nach den Hochschulbestimmungen müssen selbst Masteranwärter in künstlerischen Fächern in der höheren Mathematik reüssieren. Nur, was kann die höhere Mathematik zum künstlerischen Schaffen beitragen?

Ein derart starres Modell der Hochschulbildung mag in der Breitenbildung noch angehen, doch für die Bildung der Elite ist es absolut unangebracht. Die Elitenbildung muss pluralistisch und individuell zugeschnitten sein, sie muss Führungsqualitäten und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl fördern, doch in dieser Hinsicht gibt es in China keine Aussicht auf Verbesserung. Die Notlösung liegt in einer soliden Bildung für die breite Masse, so könnte man den Hochschuletat über nach der Immatrikulationszahl bemessene Schlüssel auf sämtliche Hochschulen verteilen und so den staatlichen Geldsegen allen chinesischen Studenten zukommen lassen.

Die chinesische Elitenbildung könnte ähnlich wie andere Luxusgüter von auswärtigen Hochschulen „importiert“ werden. Man müsste dazu noch nicht einmal ins Ausland fahren, denn Hongkong, Macao und Taiwan könnten hier den Löwenanteil beitragen. In den letzten Jahren haben die Universitäten im Raum Hongkong und Macao, eng gekoppelt an den Bedarf auf dem chinesischen Festland, einen Entwicklungssprung gemacht. Insbesondere die Sonderverwaltungszone Hongkong ist durch ihr Hochschulwesen in nur einem Jahrzehnt von einer „kulturellen Wüste“ zur führenden asiatischen Bildungsmetropole aufgestiegen. Auf der Rangliste der Universitäten rangieren die University of Hong Kong und die Hong Kong University of Science and Technology sowie eine Reihe weiterer Universitäten weit vor der Peking oder Tsinghua Universität und anders als bei letzteren Universitäten wurden diese Erfolge erzielt, ohne dass auch nur ein Cent des zentralen Staatshauhalts angerührt wurde. Hongkong ist seit über zehn Jahren wieder Teil des chinesischen Vaterlandes, der Stolz Hongkongs gereicht auch China zur Ehre, und so wäre es kein Gesichtsverlust, wenn man die Ausbildung der Eliten in die Hände Hongkongs legen würde.

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