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Fokus: Heimat
Meine Heimat war Thüringen

Sommerlandschaft
Sommerlandschaft | © Ulrike Hansen

Sibylle Berg: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich den dermaßen von mir selbst missverstandenen Begriff HEIMAT jemals auch nur denken würde. Lange glaubte ich, überall leben zu können, frei von sentimentalen Gerüchen…“

Wenn man den Ort, an dem man geboren wurde und grösser, verlässt, wird man vielleicht einen angenehmen Platz zum Leben finden. Neue Bekannte, schöne Bäume, hübsche Straßen. Alles kann man finden, vielleicht ist es besser, als das, was man aufgab, meist ist es nur anders, und das Recht auf HEIMAT hat man verwirkt. Ich hätte nie geglaubt, dass ich den dermaßen von mir selbst missverstandenen Begriff HEIMAT jemals auch nur denken würde. Lange glaubte ich, überall leben zu können, frei von sentimentalen Gerüchen, doch dann begriff ich die eigene Beschränkung. Sicher kann ich irgendwo sein, in Asien oder Afrika, staunen kann man überall und sich bewegen und leben, doch nach einiger Zeit überall, beginne ich mich zu sehnen. Nach Menschen, die mir ähnlich sehen, nach Systemen und Werten, die mir vertraut sind. Nach Europa zurückzukehren bedeutet – mich in Sicherheit wähnen. So fing es an, das Erkennen, dass ich weder der Typ für wildes Auswandern bin, und dass ich in meiner begrenzten Zeit nicht mehr viele Neuanfänge in fremden Ländern machen werde. Schade, denke ich manchmal, wenn die Monate wie aneinandergereihte graue Pfützen vergehen. Schade, das ich nicht 300 werde und viele Leben an vielen Orten probieren kann. Und ich begreife, dass ich nie das Gefühl kennenlernen werde, eine Heimat zu haben. Das klingt theatralisch, ist auch so und nicht schlimm, ich stelle es nur fest. Ab und an fragten mich Menschen, warum ich nicht in Deutschland wohne. Da käme ich doch her und so weiter Und ich überlegte und suchte nach Gründen, denn eigentlich ist es ja überall ein bisschen Deutschland, also warum wohne ich denn nicht dort, bis mir einfiel: Meine Heimat gibt es nicht mehr, denn sie war eine Lüge. Ich bin aus dem Osten. Aus einem Osten, den es nicht mehr gibt, denn es war das Land, in dem es keine Nazis gab, keinen Hitler, keine religiösen Fanatiker, in dem alle gleich waren und kommunistische Ideen hatten. Der Westteil Deutschlands war mir so fremd wie Belgien oder der Kongo und ist es immer ein wenig geblieben. Der Westen ist jetzt überall und die schöne Utopie OSTEN existiert nicht mehr. Ist verschwunden.

Meine Heimat war Thüringen.

Das gibt es noch.

Gleich hinter Weimar begann das Land, und es war das Beste an meinem Geburtsort, der zu meiner Zeit eine enge, eitle Kleinstadt war.

Das, was Thüringen landschaftlich auszeichnet, das freundliche Mittelgebirge, fand in Weimar nur als Ettersberg statt. Besser bekannt ist der kleine Hausberg als Heimat des KZ Buchenwald. Der Rest war (ist vermutlich immer noch) eine Ebene von beeindruckender Belanglosigkeit. Ganz hübsch war Weimar, mit Fachwerk und Marktplatz, mit Goethes Park und Ilm, Schloss Tiefurt und Belvedere, das waren die Orte , an die man als Kind mit seinen Eltern wochenends lief. Der Rest war Goethe-Schillerstolz, Professoren, Einwohner, die, wie in vielen Kleinstädten, eine große Abneigung gegen alles Fremde hatten, und unerträgliche Langweile für Jugendliche, mit Aschetonnen, die im Winter immer brannten wegen der heißen Asche, und Häusern, die in sich zusammenfielen. Touristenbusse mit Westleuten darin, die weg durften, nach dem sie durch die Gassen gestrolcht waren. „Weg“ ging in der DDR nur begrenzt. Darum freute ich mich, über das Land, das hinter der Stadt und der Ebene begann.

Das Land, in dem es in meiner Erinnerung immer Frühherbst war, und ein wenig diesig am morgen. Lange, leere Landstraßen mit Apfelbäumen am Rand, diese Äpfel, die es nicht mehr gibt. Sie sind vermutlich auch von daheim weggegangen und nie wiedergekommen. Damals konnte man auf diesen Landstraßen wunderbar wandern, weil es keine Autos gab, oder nur alle halbe Stunden mal eines, das wird sich unterdes geändert haben. Ich erinnere mich an vieles nicht mehr, nur an das Gefühl, bei der letzten Wanderung, die ich unternahm, mit der Hoffnung, dass unterwegs ein Wunder passieren würde und ich nicht zurück nach Hause müsste. Es war Sonntag und natürlich Frühherbst, vielleicht aber auch Sommer, und meine Mutter lebte noch. Wir liefen nach Buchfart, die alten Höhlen ansehen, im Sandstein, da hätten Steinzeitleute gewohnt, hieß es, es war warm, und roch nach Nadelbäumen und Wiese. Ich war kurz vor dem Erwachsenwerden, das vermute ich heute, denn die Höhlen hatten keinen Reiz mehr. Als noch Kind hatte es mich sehr interessiert, das da behaarte Nackte gewohnt haben sollten. Jetzt waren nur noch Löcher im Fels. Nach Landstraße und Nebel und Weimar kam man nach Bad Berka, einem alten schönen Kurort, nach Kranichfeld und Tannroda, vielleicht auch Ilmenau, ich bringe die Namen und die dazugehörigen Bilder durcheinander. Es ist nicht wahr, dass man als junger Mensch unempfänglich für die Schönheit der Natur ist. Vielleicht staunt man sogar mehr, als man es später vermag. Ich erinnere mich an alte Holzbrücken, Bäche und an die Sehnsucht, die diese Bilder machten, und mit der ich nichts anzufangen wusste. Vielleicht war es die Suche nach Einheit und Perfektion. Fast war es ein Zuviel an Gefühlen, die ich nicht einzuordnen wusste, Täler und Wald, kleine Fachwerkbauten und Ruhe. Ich wollte Teil davon werden, mich auflösen, oder die Erregung mit mir nehmen, die diese Schönheit herstellte. Viele kleine Häuser, mit Holzveranden habe ich in Erinnerung, die immer wirkten, als ob Rauch aus ihren Schornsteinen käme, und ich überlegte mir, wie ich dort leben könnte, als erwachsener Mensch, aber es fiel mir nichts dazu ein. Das war Erwachsenengeheimnis. Die Menschen in Thüringen, ich weiß nicht mehr, wie sie waren. Vermutlich einfach alt. So alt, wie jeder über 20 eben für einen jungen Menschen ist. Sie hatten einen merkwürdigen Dialekt. Thüringisch hat nichts mit sächsisch zu tun, es ist weicher, runder, bäurischer und karger, nach Holzschnitzen und Raureif.

Auf diesem Spaziergang habe ich nicht viel mit meiner Mutter geredet. Ich weiß gar nicht, ob man mit seinen Eltern redet, ob man überhaupt reden muss, oder ob diese Idee erst später entsteht, mit Worten eine Nähe zu schaffen, die es nicht gibt.

Zu einem Ausflug gehörte natürlich Essengehen, eine gewisse Aufregung in der DDR, denn Essengehen war Luxus. Die landestypischen Gerichte versuchten ein Gegengewicht zur Leichtigkeit der Landschaft herzustellen. Der Thüringer isst Klöße aus rohen geriebenen Kartoffeln, einer hat 8 Mio. Kalorien, und als wäre das nicht genug, fügt man dem armen Kloß Fleisch in brauner Soße zu. Wenn nicht Klöße, isst der Eingeborene Rostbratwürste. Für mäklige Teenager kein Schlemmerparadies. Schöne Gaststätten gab es nicht. Mit Gärten oder Terrassen, das war vermutlich zu viel Arbeit für den gleichen Lohn. Lokale gab es drinnen, und gelb, und zwei Gerichte zur Auswahl. Nach dem Essen liefen wir weiter durch Täler, die es so grün nirgendwo mehr gibt, mit Bächen, die noch Geräusche machten, die man hörte, mit Sonne, die durch Bäume brach und mit einer dauernden Sehnsucht. Die Welt hatte Risse, aber sie war noch soweit in Ordnung, wie sie es eben für ein fast noch Kind ist. Man weiß zu wenig und stellt nichts in Frage. Später weiß man auch nicht viel mehr, aber das Paradies ist geschlossen wegen Erkennens. In den schönen alten Häusern wohnten vermutlich auch damals schon Leute, die auch nicht wussten, wie es geht. Einige waren sicher bei der Stasi, andere schlugen ihre Kinder. Aber das war damals egal. In einer Zeit, da ich noch eine Heimat hatte, ohne es zu wissen. Der Ort, an dem man geboren wurde, ist wie eine Familie. Man kann sie sich nicht aussuchen, man kann sich nur abwenden irgendwann, man kann Liebesgeschichten beginnen, mit anderen Orten, kann ewig suchen, nach dem Gefühl, das man hatte irgendwann vor hundert Jahren, aber man wird es nie mehr finden. Vielleicht taugt Heimat nur in der Kindheit.

Als ich viel später einmal zurückkam, nach Thüringen, war es immer noch eine schöne Gegend, aber das Geheimnis und die Sehnsucht, die sie ausgelöst hatte, lange Zeit zuvor, waren weg.

Sibylle Berg, Sybille Berg Sybille Berg | © Foto: Katja Hofmann geboren in Weimar, lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman Der Mann schläft ist im Herbst 2009 im Hanser Verlag erschienen. Die Theaterstücke von Sibylle Berg (Helges Leben, Hund, Mann, Hauptsache Arbeit!, Nur Nachts u.a.) werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Auf Chinesisch erschienen ist Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.

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