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Die Wüste wächst

Der Zorn der Wölfe, Titelbild Ausschnitt
Der Zorn der Wölfe, Titelbild Ausschnitt | © Goldmann Verlag

Jiang Rongs (姜戎) Der Zorn der Wölfe polarisiert in Ost wie West und propagiert eine fragwürdige Naturalisierung der Kultur.

Von Dr. Michael Ostheimer

Superlative wecken Zweifel. Sie sollen überzeugen, zumindest überreden – und doch bewirken sie oft nur das Gegenteil. Als „Megaseller“ oder gar als „das erfolgreichste Buch seit der Mao-Bibel“ preisen Presse und Verlag Der Zorn der Wölfe des Autors Jiang Rong (姜戎, Pseudonym) an, das seit 2004 in China für Furore sorgt und seit Anfang 2009 nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein Buch, das antritt, den Volkscharakter der Chinesen zu erklären: „Ihr Chinesen seid wie die Schafe – ihr habt eine Heidenangst vor Wölfen, darum zieht ihr immer den Kürzeren“, und zugleich eine Therapie verspricht: „Wenn die Chinesen den überkommenen und modrigen Geruch des Konfuzianismus aus ihrer Volksseele schnitten und ein Pflänzchen mit dem Geist des Wolftotems in das entstandene Loch pflanzten, dann gäbe dies in Verbindung mit konfuzianischen Werten wie denen des Pazifismus und des Bildungsideals Anlass zu jeder Menge Hoffnung in China.“

Spätestens seit der letzten Documenta kennen die kulturbeflissenen Deutschen den Pekinger Künstler Ai Weiwei (艾未未), der inzwischen von westlichen Journalisten zum „obersten Dolmetscher seines Landes“ stilisiert wird. Mit seinen unzähligen Interviews, seinen künstlerischen Aktionen und seinem Blog steht er im Westen exemplarisch für das moralische Gewissen Chinas. Soll nun 2009, also in dem Jahr, in dem China das Schwerpunktland der Buchmesse ausmachen wird, mit Der Zorn der Wölfe das Selbstverständnis der Chinesen entzaubert werden? Hier Ai Weiwei, der Chinas Gegenwart kritisch begleitet, für den Alltag und die Mühen der Ebene; dort für das große Ganze Jiang Rong, der über den historisch verwurzelten Volksgeist der Chinesen Auskunft gibt und verlautbaren lässt, dass China ohne den Mut der Wölfe keine Freiheit und Demokratie erreichen wird.

Das Buch handelt von dem Pekinger Oberschüler Chen Zhen, der zu Beginn der Kulturrevolution vor den „radikalen, dummen Parolen der Roten Garden […] Ruhe in den Weiten des mongolischen Graslands“ sucht. Chen Zhen ist vom Lebensalltag der Nomaden begeistert, von ihrer Freiheit, ihrem Mut und ihrer Stärke, besonders aber faszinieren ihn die Wölfe, die rätselhaften und undurchschaubaren Herren der Steppe. Im Stile eines Abenteuerromans à la Jack London wird die Jagd eines Wolfsrudels auf eine Gazellenherde geschildert, wie Wölfe eine Pferdeherde vernichtend angreifen und die Menschen als Antwort eine Treibjagd auf mehrere Wolfsrudel veranstalten. Am Ende geben kommunistische Technokraten mit ihren Waffen die Wölfe zur Ausrottung frei und greifen damit auf fundamentale Weise in die nomadische Naturordnung des Graslands ein. Parallel dazu erzählt das Buch die Geschichte eines Wolfswelpen, den Chen Zhen zähmen möchte, den er aber, da das Experiment scheitert, schließlich eigenhändig erschlägt. Während sich zwar das Wesen eines Wolfes nicht korrumpieren lässt, kommt dem Protagonisten aber ganz zu Ende eine blitzartige Erkenntnis und er erblickt „sein ureigenes, inneres Wolfstotem“.

Der Protagonist Chen Zhen macht vor, was dem geneigten Leser als Aufgabe mitgegeben wird: Den Geist der Wölfe aus der Lebenssphäre der mongolischen Nomaden herauszulösen und in eine andere Lebenswelt zu übertragen. Genau hierin aber besteht das Kardinal-Problem des Buches. Es propagiert den Export eines bestimmten – überdies übertrieben einseitig dargestellten – Volkscharakters und vergisst dabei, dass sich die sogenannte mongolische Wolfsmentalität nur vor dem Hintergrund des Nomadentums hat entwickeln können. Wenn man, was das Buch ja wortreich vorführt, einen Wolf nicht oder nur um den Preis der völligen Selbstentfremdung zähmen kann, wie soll es dann gelingen, sesshaften Menschen mit dem Ziel der Selbstverbesserung das wölfische Temperament des Graslands einzuimpfen? Anders gesagt: Was sollen Mitglieder von Ackerbau- oder gar funktional ausdifferenzierten und globalisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften mit dem kleinen Einmaleins des Wolfs anfangen?
Das Buch hat seine Qualitäten, wenn man es als Abenteuergeschichte liest, ja, als epischen Abgesang auf die nomadische Lebenswelt des mongolischen Graslands. Mit ethnologischem Gespür und kenntnisreichem Blick für die Wechselwirkungen von Flora, Fauna und Mensch vergegenwärtigt Jiang Rong, wie aus anthropozentrischer Verblendung ein eingespieltes Ökosystem zerstört und – im wörtlichen Sinne – verwüstet wird.

Wer jedoch aus dem Buch einen lebensphilosophischen Katechismus oder gar eine ernst zu nehmende anthropologische Theorie herauslesen möchte, wird mit einer simplen Ideologie abgespeist. Vierzig Jahre nachdem Mao Tse-tung (毛泽东) den Chinesen auftrug, vom Genossen Lei Feng (雷锋) zu lernen, also Einfachheit, Fleiß, Patriotismus und Opferbereitschaft zu beherzigen, verkündet Der Zorn der Wölfe ein vitalistisches Menschenbild. Ein Menschenbild, das auf der Naturalisierung der Kultur basiert und somit alle moralisch-politischen Fragen den ‚Gesetzmäßigkeiten der Natur’ unterstellt. Kein Wunder auch, dass der historisch-politische Hintergrund in dem Buch – immerhin spielt es während der Kulturrevolution – zum großen Teil ausgeblendet wird. Denn Vergangenheitsbewältigung wie überhaupt der Begriff der historischen Verantwortung implizieren, dass Menschen aus vergangenen Verfehlungen lernen, indem sie die Kultur im Sinne einer Humanisierung weiter verfeinern. Wer dagegen nur vom Geist der Wölfe lernt, hat für alle menschlichen Vergangenheits- und Zukunftsfragen eine einzige Antwort parat: Die wahre Kulturrevolution ist die Naturalisierung der Kultur, also eine Revolution, die die Naturvergessenheit des Menschen aufhebt, ihn vernatürlicht. Dies ist übrigens eine Position, gegen die Lu Xun (鲁迅) – auf den sich das Buch meines Erachtens zu Unrecht mehrfach in affirmativem Sinne bezieht – zeitlebens anschrieb. Der große Erfolg, der dem Buch Der Zorn der Wölfe in China beschieden wurde, zeigt, dass Lu Xuns Programm einer spezifisch chinesischen Aufklärung, nämlich sich dem Westen zu öffnen, ohne sich dabei selbst zu verleugnen, keineswegs an Aktualität verloren hat.

Die Attraktivität des Buches im Westen verdankt sich dagegen nicht zuletzt der Tatsache, dass hier eine sozialdarwinistische Moral etabliert wird, die – besonders in Deutschland wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit – als politisch unkorrekt verpönt ist, zu der man sich aber als geistige Entlastung von den ungeheuren Zumutungen der modernen Zivilisation ab und an gerne flüchtet. Dass damit eine interkulturell fragwürdige Exotisierung einhergeht, sei nur kurz angemerkt. Denn den Chinesen bzw. den Mongolen wird ein naturalisierter Volkscharakter (Schafe bzw. Wölfe) zugeschrieben, der zum westlichen Zivilisationsdiskurs konträr steht.

Fazit: Das Wolfstotem sollte man nomadischen Gesellschaften vorbehalten. Alle anderen Gesellschaften mögen es mit Hesses Steppenwolf halten, der als Zwitterwesen zwischen Natur und Kultur hin- und hergerissen ist, oder einfach mit Nietzsche: Der Mensch ist „das nicht festgestellte Tier“.

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