Science-Fiction Literatur in China Die Entdeckung eines Universums

Bewaffneter Weltraum-Soldat
Bewaffneter Weltraum-Soldat | ©Microfotos

Chinesische Science-Fiction-Literatur gibt es schon seit etwa hundert Jahren. Heute wird sie wieder neu entdeckt.

Die chinesische Naturwissenschaftlerin Tu Youyou (屠呦呦) wurde im Jahr 2015 zu einem viel diskutierten Thema in China, denn im Alter von 85 Jahren erhielt sie den Nobelpreis für Medizin. Dabei geht es den Menschen nicht allein um die Pionierleistungen von Frau Tu – der erste Nobelpreis für eine chinesische Wissenschaftlerin sowie der erste Nobelpreis für eine unter den auf dem chinesischen Festland ausgebildeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern –, sondern auch um die zugenommene Beachtung für die chinesische Wissenschafts-Welt.

Und das nicht allein durch den Nobelpreis. Schon einige Monate zuvor löste ein weiterer Chinese einen Hype aus, der bis heute noch nicht abgeklungen ist. Sein Name ist Liu Cixin (刘慈欣) und er zählt zu den wenigen Dutzend chinesischen Autoren, die derzeit in China die Science-Fiction-Szene bevölkern. Die englische Version seines Meisterwerks The Three-Body-Problem (三体) wurde 2015 mit dem Hugo Award, dem weltweit wichtigsten Science-Fiction-Preis, ausgezeichnet. Viele chinesische Medien bezeichneten diesen Preis in ihrer Berichterstattung gar als den „Nobelpreis der Science-Fiction-Welt“.

In den diversen Medien, einschließlich der einflussreichen Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften, findet man nun regelmäßig ausführliche Artikel und Rezensionen chinesischer Science-Fiction-Literatur. Nie zuvor hat Science-Fiction in China eine solche Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren. Dabei hatte dieses Genre zwischen Mitte der achtziger und den frühen neunziger Jahren noch das Schattendasein eines „Aschenputtels“ gefristet. Die Vorläufer des Magazins Science Fiction World (科幻世界, bis 1991 bekannt unter dem Namen Scientific Literary Arts 科学文艺), der zu der Zeit einzigen Nachwuchsplattform für Science-Fiction-Autoren, hatten sich damals in alle Winde zerstreut, um dem Vorwurf der „geistigen Verschmutzung“ zu entgehen. Nichtsdestotrotz hatte man noch den chinesischen Galaxy Award (银河奖) ins Leben gerufen und damit wichtige Science-Fiction-Schriftsteller wie Liu Cixin und Wang Jinkang (王晋康), die wiederholt Preisträger des Galaxy Awards wurden, bekannt gemacht. Auch hatten Autoren wie Han Song (韩松) und He Xi (何夕) oder Vertreter der neuen Generation wie Jiang Bo (江波), Stanley Chan (陈楸帆) und Bao Shu (宝树) mit ihren Werken beeindruckende und nachdenklich stimmende Welten geschaffen. Aber so richtig wurde das Universum der chinesischen Science-Fiction erst vor kurzer Zeit entdeckt. Und so entfaltet sich Chinas Science-Fiction Kosmos erst jetzt vor den Augen der Welt.

Da es sich dabei tatsächlich um ein sehr junges Universum handelt, legt die chinesische Science-Fiction natürlicherweise eine gewisse Unausgewogenheit an den Tag. Denn obwohl die Science-Fiction-Literatur in China eine hundertjährige Geschichte hat, war ihre Entwicklung immer wieder von Unterbrechungen geprägt. Nur selten gab es Phasen, in denen sich das Genre in aller Ruhe entwickeln konnte. Obwohl es immer chinesische Autoren gab, die mit den diversen Stilen, Schulen und Sujets der westlichen Science-Fiction mehr oder weniger intensiv in Berührung kamen, sind viele Genres noch sehr unausgereift. Dazu zählen beispielsweise Cyberpunk, Steampunk oder die Hightech-Science-Fiction à la Michael Crichton.

Abgesehen von diesen Subgenres ist der chinesischen Science-Fiction bei den zwei wichtigsten Richtungen allerdings der Durchbruch gelungen:

Zum einen ist da die realistische Science-Fiction-Literatur, in der die Verbindung zwischen Realität und Fantasie betont wird. Lao Shes (老舍) Die Stadt der Katzen (猫城记), das von den unwissenden Katzenmenschen auf dem Mars erzählt, ist hierbei das Paradestück aus der Zeit vor der Gründung der Volksrepublik. Bedauerlicherweise kamen die in diese Richtung gehenden Versuche schon bald zum Erliegen. Erst in den 1980er Jahren entstanden wieder herausragendere Werke. Zunächst etwa The Mirror Image of The Earth (地球镜像) von Zheng Wenguang (郑文光) und Moonlight Island (月光岛) von Jin Tao (金涛), in denen Reflexionen über Politkampagnen und Menschlichkeit angestellt wurden. Desweiteren in jüngerer Zeit das anti-utopische Meisterwerk Ant Life (蚁生) von Wang Jinkang oder Bücher von Vertretern der jüngeren Science-Fiction-Generation, darunter Ma Boyong (马伯庸), Fei Dao (飞氘), Stanley Chan oder Wu Yan (吴岩). Der typischste Vertreter dieses Sci-Fi-Genres ist jedoch Han Song, in dessen Romanen sich eine berauschend-halluzinogene Atmosphäre mit wachrüttelnder Schärfe verbindet, was den Leser – vergleichbar mit vielen Dingen, wie sie derzeit in China zu beobachten sind – in eine generelle Verwirrung stürzt. Es scheint, als wollte Han Song durch seine Science-Fiction-Romane die Konfusion und Unentschlossenheit der Welt zum Ausdruck bringen. Sowohl seine Frühwerke Escape from the Mountain of Sadness (逃出忧山) und Gravestone of the Universe (宇宙墓碑) als auch seine jüngeren Romane Red Ocean (红色海洋), Subway (地铁) und High Speed Rail (高铁) machen dabei keine Ausnahme. Han Song wird deshalb als ein tiefgründiger Science-Fiction-Autor gesehen, dessen Wert bisher noch nicht die ihm zustehende Anerkennung erfährt.

Der zweite Durchbruch bezieht sich auf die sogenannte Hard Science-Fiction, bei der naturwissenschaftliche Gedankenspiele im Zentrum stehen. Als die vier einflussreichsten chinesischen Schriftsteller sind hierbei momentan Wang Jinkang, Liu Cixin, He Xi und Han Song (韩松) zu nennen, wobei die ersten drei besonders typische Vertreter der Hard Science-Fiction sind. Man kann sagen, dass sich in diesem Subgenre die stärksten Beiträge der chinesischen Science-Fiction wieder finden.  Auch hat man hier verglichen mit den anderen Genres die größten Erfolge vorzuweisen. The Three-Body-Problem von Liu Cixin wurde nicht nur mit dem Hugo Award ausgezeichnet, sondern ist auch der meistverkaufte chinesische Science-Fiction-Roman seit den 1980er Jahren. Die von Wang Jinkang in Büchern wie We, Together (与吾同在) und Escaping the Mother Universe (逃出母宇宙) geschilderten gigantischen kosmischen Ereignisse werden sich der jungen Lesergeneration unauslöschlich ins Gedächtnis einprägen. He Xi, der allein durch seine Erzählungen zu den vier stärksten Science-Fiction-Autoren zählt, hat kürzlich mit Doomsyear (天年) seinen ersten Roman vorgelegt. Ein herausforderndes Buch, das ähnlich wie Liu Cixins The Three-Body-Problem oder Wang Jinkangs Escaping the Mother Universe Katastrophen von kosmischem Ausmaß schildert. Der Roman enthält nicht nur die neuesten Spekulationen der chinesischen Science-Fiction über das Leben und das Universum, er liefert die überzeugenden Antworten des Autors gleich mit. Nach Liu Cixin, Wang Jinkang und He Xi haben auch Newcomer wie Jiang Bo oder Bao Shu in dieser Richtung bemerkenswerte Anstrengungen unternommen. Die aus Jiang Bos Trilogie Heart of the Galaxy (银河之心) bisher vorgelegten zwei Teile Dark Abyss (暗黑深渊) und Sunset (天垂日暮) sowie Bao Shus Ruins of Time (时间之墟) gelten als die raren Science-Fiction-Meisterwerke der letzten Jahre. Und nicht zuletzt ist auch Chen Zijun (陈梓鈞), der 2013 den Nachwuchspreis des Galaxy Awards gewonnen hat, ein klassischer Vertreter der Hard Science-Fiction.

Was die Autoren betrifft, so ist die Welt der chinesischen Science-Fiction gespalten. Einerseits hat die chinesische Science-Fiction-Literatur fraglos erstklassige Schriftsteller, aber ebenso fraglos gibt es viel zu wenige davon. Die Autoren, die auf dem Markt Bestand haben, kann man an einer Hand abzählen. Die Truppe der Science-Fiction-Schreiber ist also unglaublich schwach besetzt. So wird oft behauptet, die Szene bestehe aus nicht einmal hundert aktiven Science-Fiction-Autoren. Auf einer vom Magazin Science Fiction World organisierten Konferenz meinte neulich ein Redakteur bedauernd: Liu Cixin habe der chinesischen Science-Fiction zwar eine Bresche geschlagen, doch blicke man sich um, müsse man feststellen, dass sich die Nachhut noch gar nicht formiert habe. Vergleicht man die chinesische Science-Fiction mit einer Pyramide, so ragt deren Spitze zwar hoch hinauf, aber das stützende Fundament ist deutlich zu schwach.

Nichtsdestotrotz: Das Universum der chinesischen Science-Fiction-Literatur hat seinen Urknall erlebt. Es steht unter Beobachtung und mit großer Wahrscheinlichkeit wird es immer vielfältiger werden.