Fokus: Nacht Einer wacht

Nachtkiosk
Nachtkiosk | Foto: Martin Moser

Wir gehen ins Bett, sie zur Arbeit: Pförtner, Kioskbetreiber, Türsteher bleiben wach, während die Stadt schläft. Drei nächtliche Begegnungen bei einem Streifzug durch München.

Ein Tag in der Staatsbibliothek wird länger, je näher die Prüfungen rücken. Und irgendwann geht er vielleicht in die Nacht über. Warum die Leute hier sitzen? Und ob sie nach so vielen Stunden überhaupt noch arbeiten können? Schwer zu sagen. Nachfragen verbietet sich jedoch. Ganz still lesen hier Studenten ihre Bücher. Kopfhörer auf, den Kapuzenpulli tief in die Stirn gezogen, blättern sie mit übernächtigten Augen im Schein der Leselampen. Ab und zu verstohlene Blicke. In die Stabi, so heißt es unter Münchner Studenten, geht man nicht unbedingt nur zum Lernen. Sie ist für viele auch ein Ort zum Flirten.

Offiziell ist hier in der Bibliothek um Mitternacht Schluss. Doch das Rausschmeißen beginnt schon fünf Minuten eher. Eine ruppige Frauenstimme aus den Lautsprechern bittet einen, doch endlich zu gehen. Bücher zu, Leselampe aus, raus in die Nacht – eigentlich. „Das ist jetzt aber nicht ihr Ernst", der Pförtner am Eingang zum Lesesaal der Staatsbibliothek schaut den jungen Mann, der vor ihm steht, ungläubig an. Sein gemütliches Gesicht mit dem grauen Zwirbelbart hat für einen Moment jede Freundlichkeit verloren.

In zwei Minuten will er den Lesesaal abschließen. Schluss mit der Nachtwache. Der junge Mann will trotzdem noch rein. Er murmelt etwas von Unterlagen vergessen und drückt sich verlegen durch das Drehkreuz. „Aber beeilen sie sich", ruft ihm der Wachmann mit strenger Stimme hinterher. Er kennt sie gut, die späten Besucher. Immer kurz vor seinem Feierabend. Was das bringen soll? Hat er bis heute nicht begriffen. Morgen öffnet doch die Stabi wieder.

Kiosk kurz nach eins: Anlaufstelle für Nachtvagabunden

Gleich hinter der Straßenbahnhaltestelle am Platz der Münchner Freiheit leuchtet die Nacht neongrün. In seinem Kiosk legt Mike, schwarze Brille, rote Trainingsjacke, gerade frische Butterbrezen in die Auslage. Der Arbeitsplatz des 25-Jährigen ist um diese Zeit ein echter Blickfang: Tagsüber ein eher unauffälliger Klotz aus Glas, entfaltet das würfelförmige Gebilde in der Dunkelheit seine ganze Pracht und erstrahlt in futuristischem Grün.

Vor dem Kiosk warten Leute auf ihre Straßenbahn, trinken Bier. Ab und an kommt ein Kunde aus den dunklen Seitenstraßen, hin zum Kiosk-Würfel. Mike öffnet dann sein Schiebefenster: Bier? Zigaretten? Kein Problem. Kondome? Die gibt’s um die Uhrzeit nicht mehr. Drogerieartikel darf Mike nachts nicht verkaufen.

Kurz nach eins und er ist noch nicht ganz wach. Erst vor wenigen Stunden hat sein Wecker geklingelt. Morgens, das ist für ihn kurz nach 22 Uhr. Wenn die anderen aufstehen, geht er ins Bett. „Im Moment ist die Nacht für mich der Tag."

Um 7 Uhr morgens endet seine Schicht. Dann kommt die Ablöse für den Tag. 23 Stunden am Stück hat der Kiosk geöffnet – in München, wo sonst in vielen Supermärkten schon um 20 Uhr die Kasse schließt, ist das tatsächlich noch eine Seltenheit.

Richtig viel los ist heute nicht. „Zu kalt", meint Mike, „dann wird es langweilig." Wenn keiner kommt, sitzt er hinter seiner Glasscheibe und wartet. Vor seiner Zeit im Kiosk hat Mike im Hotel gearbeitet. Nachtschichten sind also kein Problem, meint er. Manchmal gefällt ihm dann die Arbeit sogar besser: „Am Tag wollen die Leute zur Arbeit und alles muss schnell gehen: Kaffee, Zigaretten, fertig. Nachts haben die Kunden mehr Zeit."

Ein Trip bis zum Sonnenaufgang

Nach Mitternacht verwandelt sich die Straße vor den Clubs der Stadt zur Bühne. Schummriges Laternenlicht, ab und zu ein Autoscheinwerfer, der die Schatten der Partygänger auf die Hauswände wirft. Florian, Dreitagebart, schwarze Basecap, dicke Winterjacke mit Kunstfell, beobachtet die Nacht von seinem Barhocker aus. Er bewacht einen Club in der Nähe des Karlsplatzes.

Vor seinem Hocker auf dem Gehsteig: immer Action. Mal rangeln Besoffene miteinander. Ein falsches Wort, böse Blicke, Fäuste. Paare torkeln aus dem Club, verschwinden im kleinen Wäldchen gegenüber. „Die finden sich für die Nacht bei uns im Club, dann geht’s da drüben ab."

In der Nacht verstecken sich die Menschen hinter eine Maske, meint Florian. Die wollen sein, wie sie am Tag niemals sein können. Was die anderen dann denken, scheißegal. Einfach die Sau rauslassen. Saufen, tanzen, gerne mehr. Sie verstecken sich hinter einem anderen Ich – und bei manchen hat dieses Ich nicht sehr viel an. „Eben haben wir eine reingelassen. Da weißt du nicht mehr, ist es noch ein Kleid oder eher Gürtel."

Im Minutentakt fahren nun Taxis vor, spülen mehr und mehr Gäste vor Florians Tür. „Hey Ladies, Stempel? Nein?" Taschenkontrolle, alles gut, bitte rechts rum zur Kasse. Je älter die Nacht, desto besoffener die Leute. Ein Gast stolpert an Florian vorbei. Mit Mühe findet er den Weg zur Eingangstür. Heute, an einem Mittwoch, ist das kein Problem, da ist der Club nicht ganz so voll – und Florians Auswahlkriterien deshalb nicht so streng. „Samstags hätt ich den aber nicht mehr reingelassen."

In Nächten wie diesen raucht Florian rote L&M, wohl immer ein bisschen zu viele. Dazu Cola. „Der Tiefpunkt kommt, da kannst du dir sicher sein." Wann genau? Tagesform. „Meistens zwischen vier und fünf."

Die Nacht wird für ihn zum Trip aus fremden Gesichtern, Koffein – und Adrenalin, wenn sich wer vor seiner Tür daneben benimmt und er eingreifen muss. „Am Morgen musst du dann erst mal runterkommen. Doch manchmal nimmt man die Nacht mit ins Bett."