Fokus: Nacht „Ich inszeniere die Nacht“

Mischa Kuball: Urban Context, 2000, Projektion Bunker Lüneburg, Stahlgerüst ca. 5 x 30 m, 11 x 2kW Scheinwerfer, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Mischa Kuball: Urban Context, 2000, Projektion Bunker Lüneburg, Stahlgerüst ca. 5 x 30 m, 11 x 2kW Scheinwerfer, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 | Foto: Kwan Ho Yuh-Zwingmann, Hannover

„Es gibt dieses frühe Bild der Kindheit, Autolicht durchs Kinderzimmerfenster im Wechselspiel durch Gardinen, gepaart mit dem Licht der Ampel – all das ist frühes Kinderkino.“ (Mischa Kuball auf die Frage nach seinen Erinnerungen an und frühen Erfahrungen mit der Nacht. Welche Faszination übte sie aus?)

Auch wenn er sich selbst nicht als Lichtkünstler bezeichnet, ist das helle Medium, sind LED-Glühlampen, Dia-Projektoren, Hochleistungsscheinwerfer und andere Lichtbringer das bevorzugte Arbeitsmaterial des Düsseldorfer Konzeptkünstlers Mischa Kuball (Jahrgang 1959). Indem er also das Helle ausstellt, viele seiner Arbeiten aber überhaupt erst im Dämmerlicht sich entfalten, spricht er automatisch auch über das Dunkel, die Nacht. Sie ist ihm „ein tröstliches Moment, ein Mantel für die Seele“. Oft aber ist sie eben auch die dunkle Schwester, Gespielin und Gegenspielerin zugleich.

Die Nacht ist eine Folie, vor der es sich überhaupt erst strahlen lässt.

  • Mischa Kuball: „MetaLicht“, Lichtkunstprojekt für die Bergische Universität Wuppertal 2012, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Achim Kukulies Düsseldorf
  • Mischa Kuball: „MetaLicht“, Lichtkunstprojekt für die Bergische Universität Wuppertal 2012, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Achim Kukulies Düsseldorf
    Mischa Kuball: „MetaLicht“, Lichtkunstprojekt für die Bergische Universität Wuppertal 2012, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: „MetaLicht“, Lichtkunstprojekt für die Bergische Universität Wuppertal 2012, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Achim Kukulies Düsseldorf
    Mischa Kuball: „MetaLicht“, Lichtkunstprojekt für die Bergische Universität Wuppertal 2012, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: PulsLicht, 2007, Marina Rünthe Bergkamen, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Archive Mischa Kuball, Düsseldorf
    Mischa Kuball: PulsLicht, 2007, Marina Rünthe Bergkamen, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: PulsLicht, 2007, Marina Rünthe Bergkamen, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Archive Mischa Kuball, Düsseldorf
    Mischa Kuball: PulsLicht, 2007, Marina Rünthe Bergkamen, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Ulrich Schiller, Düsseldorf
    Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Ulrich Schiller, Düsseldorf
    Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Ulrich Schiller, Düsseldorf
    Mischa Kuball: Megazeichen, 1990, Mannesmann-Hochhaus Düsseldorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: Refraction House, 1994, Synagoge Stommeln, 16 1-kW spotlights, 3 scaffolds, each 5 x 3 m, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Hubertus Birkner, Köln
    Mischa Kuball: Refraction House, 1994, Synagoge Stommeln, 16 1-kW spotlights, 3 scaffolds, each 5 x 3 m, VG Bild-Kunst Bonn, 2015
  • Mischa Kuball: Urban Context, 2000, Projektion Bunker Lüneburg, Stahlgerüst ca. 5 x 30 m, 11 x 2kW Scheinwerfer, VG Bild-Kunst Bonn, 2015 Foto: Kwan Ho Yuh-Zwingmann, Hannover
    Mischa Kuball: Urban Context, 2000, Projektion Bunker Lüneburg, Stahlgerüst ca. 5 x 30 m, 11 x 2kW Scheinwerfer, VG Bild-Kunst Bonn, 2015

Die Studentenkneipe ganz unten im eckigen Beton-Tal ist auch nachts noch geöffnet. Von hier habe ich einen anderen Blick auf die am oberen Rand der Gebäude immer wieder abbrechenden, leuchtenden Linien und Muster als vom OBI-Parkplatz unten in der Stadt.

Überhaupt sind jetzt, am Abend, nur noch wenige Fenster erleuchtet, bald wird es wohl ganz dunkel sein. Das, was vorher wie eine düstere Krone aus Beton über der Stadt schwebte, ist auf einmal, mit den abreißenden bewegten Lichtbändern zu einem bewegten Bild geworden.

Das Uni-Gebäude erinnert in seiner Fragmentierung an eine Ruine, die „Akropolis von Wuppertal“? Hat das nicht mit Gemeinschaft und Wettkampf zu tun? Mit Wissen und Neugier, Forschergeist und Kreativität, mit gelebter Demokratie? Und ist da nicht ein feierliches Zeichen geboten?

„Das Schöne an der Nacht ist,“ sagt Mischa Kuball, „dass sie eine andere Farbe ins Spiel bringt, das Grau in allen Abstufungen. Das sensibilisiert für die Ursprungsfarben und -kontraste. Was das für die Kunst bringt, erprobe ich in jedem Projekt neu.“

Acht Meter hohe Lichstelen stehen entlang der Promenade im einstigen Verlade- und heutigen Yachthafen der vormaligen Kohlestadt Bergkamen. In den 1990er Jahren wurde das Industrieareal in ein Freizeitgelände verwandelt, doch jeden Abend scheint dieser alte Ort wieder zu erwachen. Die Lichter, die, nach unten gerichtet, unseren nächtlich-dunklen Weg beleuchten, damit niemand stolpert oder ins Wasser fällt, beginnen im oberen Teil auf einmal zu pulsieren. Dieser Flecken in seltsam unverbindlichem Gebiet hat offenbar sein eigenes Leben, eine Erinnerung, die in der Nacht lebendig wird.

„In der Kunst ziele ich, meist ja auch öffentlich, auf Sichtbarkeit, Deutlichkeit, Aufklärung. Im Privaten verstecke ich mich gerne im Dunkel, im Zwielicht.“

Eines der ersten großen temporären Werke Mischa Kuballs war die Nachtskulptur Megazeichen am Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf (1990). Die Mitarbeiter der Firma waren maßgeblich daran beteiligt, das Kunstwerk überhaupt entstehen zu lassen. Sehen konnten sie es allerdings erst nach Feierabend, abends, wenn sie sich auf ihrem Weg nach Hause noch einmal umdrehten. In verschiedenen Büros und Fluren wurde, nach einer genauen Choreographie des Künstlers, über Nacht das Licht angelassen und am Ende machten die hellen Fenster das ganze Gebäude zu einer Lichtskulptur mit Rastern und geometrischen Mustern. War es der Stahlskelettbau des modernistischen Hochhauses, den man, neu rhythmisiert und strukturiert, jetzt ahnen konnte? Ein Weihnachtsbaum als Festtagsgruß an die Nachtschwärmer?

Manche Nacht findet erst durch das Licht, das sie in Szene setzt, zu sich selbst.

Refraction House (1994) war ein unumstritten starkes Symbol für das aufklärerische Potential und den metaphorischen Gehalt von Licht – und Kunst. „Das Licht ist Aufklärung“, sagt der Künstler, „die Nacht eher ambivalent.“ Dennoch, auch das Licht kann höchst grausam sein, gehässig und unbarmherzig.

Die Synagoge Stommeln in Pulheim, ein schlichter Ziegelbau inmitten einer Wohnsiedlung, wurde für zwei dunkle Monate, Februar und März, verschlossen und mit Hochleistungsscheinwerfern zum Leuchten gebracht. Aus den Fenstern des ehemaligen jüdischen Bethauses strahlte gleißendes Licht und entfaltete eine erbarmungslose Helle. Das Licht löste die Konturen des Gebäudes nahezu auf und traf die umliegenden Häuser, die Nacht der Nachbarn wandelte sich in eine drängende Erinnerung. Eine Erinnerung an die Pogrome, die Bücherverbrennungen, an all die Gründe, warum diese Synagoge 1937 aufgegeben worden war. Das eigene physische Erleben machte sie so dringend. Diese überhelle finstere Nacht sollte vergehen, aber sie sollte nie mehr vergessen werden. Die Nachbarn der Synagoge waren indes nicht nur dem gleißenden Licht, ausgesetzt, sondern auch den Befürchtungen, mit dieser Illumination den Ort zum ausgezeichneten Ziel von antisemitischem Vandalismus zu machen. Aber, so der Künstler, „die Menschen haben mit ihrem Mut den Nazis Paroli geboten. Der magische Ring der Menschen war ein Schutzschild.“

Und auch wenn er mit Scheinwerfern die Lage eines unterirdischen Bunkers in Lüneburg sichtbar macht, verhandelt der Künstler Geschichte. Bei Urban Context mahnt das Licht, die dunkle Vergangenheit des Baus, 1944 als Gauleiterbunker errichtet, nicht zu vergessen. Mit dem Skelett des Bunkers legt das Licht auch diese Erinnerung tiefster, schwärzester Nacht deutscher Geschichte frei.

Tatsächlich, es scheint als sei die Nacht häufig und fast automatisch die böse Nebenbuhlerin des Lichts, egal wie sehr man sie schätzt. Gut, dass sie in manchem Licht-Werk rehabilitiert wird. 

Mit seinen Lichtinstallationen greift Mischa Kuball unmittelbar ins öffentliche und soziale Leben ein, untersucht Architekturen, Räume und ihre Funktionen, manchmal benutzt er auch Discokugeln oder reflektierende Stoffe, öfters Film und Fotografie, pulsierende Leuchten. Wichtige Grundlagen seiner Kunst aber sind neben dem technischen Equipment die immateriellen Qualitäten des Lichts. Es ist ästhetische Sensation, aber ebenso ist es Symbol für Erleuchtung, Erkenntnis, Aufklärung. Das Licht, metaphorisch gesprochen, verscheucht also nicht bloß die Dunkelheit der Nacht, sondern auch die Unkenntnis, das Düstere, Zwielichtige.