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Fokus: Kitsch
Farbsymbolik in China

Rot und Gold sind als Symbole für Glück und Reichtum in China omnipräsent – Kitsch?
© Julia Hofmann

Nach deutschem Standpunkt ist in China vieles Kitsch. Dies hängt auch mit dem Umgang von Farben zusammen – hier finden Sie den Abriss einer Geschichte der Farbbedeutung in China.

Von Yang Chunyu (杨春宇)

China ist ein buntes Land, und seine farblichen Vorlieben unterscheiden sich je nach Epoche, Gebiet oder Volksgruppe. Dennoch gibt es einige wissenswerte Gemeinsamkeiten, anhand derer man sich ein Bild über die chinesische Kultur der Farbe machen kann.

Seit der Zhou-Dynastie (ca. 1100–256 v. Chr.) oder der Qin-Dynastie (221–207 v. Chr.) – darüber ist man sich in wissenschaftlichen Kreisen noch nicht einig – bestehen für den Umgang mit Farben strenge offizielle Richtlinien. Die Farben wurden in fünf Haupt- und fünf Zwischenfarben eingeteilt. Gemäß dem „Klassiker des Gelben Kaisers“ (黄帝内经) stehen die Hauptfarben Grün, Weiß, Rot, Schwarz und Gelb für die fünf Wandlungsphasen Holz, Metall, Feuer, Wasser und Erde sowie für die entsprechenden Himmelsrichtungen Ost, West, Süd, Nord und Mitte. Dazwischen liegende Farbtöne, wie etwa Rosa oder Blauviolett, wurden als Zwischenfarben bezeichnet. Das „Buch der Riten“ (礼记) schreibt für die Bekleidung „Hauptfarben für das Oberteil, Zwischenfarben für den Rock“ vor. So wurde das allgemeine Farbempfinden stark beeinflusst.

Während der Dynastien Sui (581–618) und Tang (618–907) waren rote und violette Gewänder hohen Beamten vorbehalten, und in rötliches Gelb durfte sich allein der Kaiser kleiden. Gewöhnliche Menschen hatten sich mit Weiß oder Ocker zu begnügen. Rot als Symbol von Feuer und als Farbe zum Vertreiben unheilvoller Einflüsse durfte nur zu Hochzeiten und Festlichkeiten verwendet werden. Dies ist auch der hauptsächliche Grund, weshalb heute das typische China-Rot im Volk so beliebt ist.

Im Gegensatz dazu pflegten die chinesischen Literaten eine Ästhetik der Schlichtheit. Spätestens ab der Song-Dynastie (960-1279) übten sich die Literaten im Abseits der offiziellen Ämter in bescheidener Zurückhaltung und schätzten besonders das Unbearbeitete und Schlichte. So wurden sogar neu angefertigte Griffbrettzithern (琴) aufwendig bearbeitet, bis sie die fleckige Maserung von altem Holz aufwiesen. Diese Neigung zum Schlichten und zur Zurückhaltung, verbunden mit einer Ablehnung der buntfröhlichen Farbigkeit niederer Volksschichten, hatte auch mit der stetigen Verstärkung der kaiserlichen Machtausübung und der damit einhergehenden immer strengeren Regulierung im Umgang mit Farben zu tun.

Erst mit dem Sturz der Qing-Dynastie (1644–1911) wurden die farblichen Vorschriften gänzlich aufgehoben; Farbe war nicht länger mit Ranghierarchie verbunden, sondern wurde zum Gegenstand persönlicher Vorliebe. Dadurch wurden auch der volkstümliche Umgang mit Farbe und Farbkombinationen neu bereichert. Nach der Ausrufung der Volksrepublik bedienten sich die Revolutionäre dieser volkstümlichen Kultur, um niederen Volksschichten entgegenzukommen und die Massen für sich zu gewinnen, was zu einem Höhepunkt einer stark bunten Farbigkeit führte.

So waren beispielsweise Neujahrsbilder ursprünglich eine volkstümliche Kunst, die hauptsächlich aus drei Gebieten (Yangliuqing bei Tianjin, Taohuawu bei Suzhou und Foshan in der Provinz Guangdong) stammte und Glück verheißende Motive wie wohlgenährte Kinder, Lotosblätter, Karpfen oder Kriegerfiguren hauptsächlich in den Farben Rot, Schwarz, Gelb, Weiß und Grün darstellte. Deren Stil und Technik wurde zu Beginn der Volksrepublik in großem Umfang für Propagandazwecke übernommen, was sich insbesondere auf Propagandabildern, Emailbechern, Waschbecken und anderen Alltagsgegenständen niederschlug.

Dies ist auch der Grund, weshalb wir heute an touristischen Ecken wie Houhai oder Nanluo Guxiang unter den Souvenirs nicht nur kunsthandwerkliche Gegenstände wie Opernmasken, Tonfigürchen oder Scherenschnitte finden, sondern auch Ansteckknöpfe, Plakate und andere Überbleibsel aus der Revolutionskultur, die alle in ähnlich volkstümlicher Färbung gehalten sind.

Natürlich sind solche Souvenirartikel in unserer marktorientierten Zeit längst weit entfernt von ihren einstigen Aussagen, im Trend sind nun Scherz und spielerische Imitation. So lebt hier ein Stil neu auf, der eigentlich längst durch modernere Arbeitstechniken abgelöst sein sollte, und zu nostalgischen oder touristischen Zwecken werden bedruckte T-Shirts oder Souvenirartikel angeboten, einerseits als Angebot für chinesische Konsumenten, welche die damalige Zeit miterlebt haben, andererseits um eine touristische Neugier ausländischer Reisender am „nachrevolutionären“ China zu befriedigen.

Außer diesen eher allgemeinen Angaben zu farblichen Vorlieben der Chinesen müssen wir uns nun noch etwas komplexeren Zuständen zuwenden, die durch die Größe des Landes und die Vielfalt seiner Kulturen hervorgerufenen werden. Denn obschon für den größten Teil der Bevölkerung gilt, dass Rot für Festlichkeit, Gelb für Reichtum, Schwarz für Feierlichkeit, aber auch für Furcht steht, während Weiß Reinheit, aber auch Trauer um Verstorbene ausdrückt, ist diese Gleichsetzung für viele Minderheitenvölker nicht unbedingt gültig.

Für die Mongolen etwa, welche sich als Abkömmlinge eines grauen Wolfs und einer weißen Hirschkuh verstehen, ist Weiß eine Farbe des Feuerscheins und der Sonne und gilt als warm und rein. Unter dem Einfluss des lamaistischen Buddhismus hat sich diese Vorliebe für die weiße Farbe sogar noch verstärkt. So bezeichnen die Mongolen beispielsweise gutherzige Menschen als „weiße Menschen“, eine laue Brise wird als „weißer Wind“ bezeichnet, Wohltätigkeitsunternehmen als „weiße Unternehmen“ und der erste Mondmonat des Neuen Jahres gilt als „weißer Monat“, weshalb das Frühlingsfest auch als „Glück des Weißen Mondes“ bezeichnet wird. Ebenso in weißer Farbe sind auch die im nomadischen Leben der Tundra unentbehrlichen Dinge wie Jurten oder Milchprodukte. Weiß ist hier also sozusagen die Farbe der Heimat. Dies steht in einem interessanten Kontrast zur Sichtweise der Han-Chinesen, welche Weiß als Symbol für Vergänglichkeit sehen und in diesem Sinne eine Beerdigung als „weiße Angelegenheit“ bezeichnen.

Im Südwesten Chinas gibt es außerdem eine Minderheit, die sich selbst nach dem Begriff für „Weiß“ (Bai) benennt. Die Angehörigen der Bai bezeichnen sich als „weiße Söhne und Töchter“ und nennen gute Menschen solche mit „weißem Herzen und weißer Leber“. Sie tragen mit Vorliebe weiße Kleider, wohnen in weiß getünchten Häusern und pflanzen im Garten weiße Orchideen. Auch die benachbarte Volksgruppe der Naxi hält traditionellerweise die Farbe Weiß in Ehren. Für diese Bevölkerungsgruppen steht Weiß für Glück und Segen.

Die Farbe Schwarz, welche in der han-chinesischen Kultur eher mit Unheil assoziiert wird, hat wiederum für die Volksgruppe der Yi, welche im Gebiet von Sichuan und Yunnan ansässig ist, eine ganz andere Bedeutung. Die Yi teilen sich selbst in „Weiße Yi“ und „Schwarze Yi“ ein, wobei die Schwarzen als Adelige mit „schwarzen Knochen“ gelten, während die Weißen das gemeine Volk der Beherrschten darstellen. Heirat zwischen den beiden Gruppen ist nicht möglich. Die Wertschätzung für die Farbe Schwarz drückt sich auch in ihrer Bekleidung aus: Männer wie Frauen tragen schwarze Turbane und schwarze Umhänge, Männer tragen blau-schwarze Hosen, Frauen Patchwork-Röcke und mit farbigen Borden umrandete schwarze Kleidungsstücke. Schwarz gilt hier als Farbe des Adels und der Würde und findet allgemein Gefallen.

In unserer konsumorientierten Zeit führen solche unterschiedlichen Auffassungen über Farben mitunter zu Missverständnissen. So steht beispielsweise die Farbe Rot bei einigen Minderheitenvölkern für frisches Blut und wird nicht als glückbringend angesehen, findet daher auch in Architektur und Bekleidung kaum Verwendung. Dennoch werden in gewissen touristischen Orten ganze Straßenzüge mit roten Lampions vollgehängt, um eine geschäftige Atmosphäre zu schaffen und Konsumenten anzuziehen; ja sogar Gebäude werden ausgiebig rot bemalt. So mögen zwar Touristen angeworben werden, doch ist es störend für den Alltag der Lokalbevölkerung und ruft unnötige kulturelle Konflikte hervor.

Allerdings ist die chinesische Kultur der Farbe stets auch offen geblieben für äußere Einflüsse. Vor wenigen Jahrhunderten hätte sich wohl noch niemand vorstellen können, dass bei einer Hochzeit die Braut einen weißen Schleier tragen würde, und erst recht nicht, dass der Bräutigam in Schwarz auftreten würde. Heute hingegen ist dies in China eine so alltägliche Erscheinung geworden, dass keiner sich darüber Gedanken macht.

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