Architektur und Stadtentwicklung Pekinger Keller: „Heterotopie“ im Untergrund

Der umgestaltete Bunker bietet Raum für Meetings und Diskussionen.
Der umgestaltete Bunker bietet Raum für Meetings und Diskussionen. | © Ning Wang

Man fordert ihre Schließung oder bemitleidet ihre Bewohner: Die Kellerwohnungen in Peking sind seit langem ein Streitpunkt in der Gesellschaft. Der Künstler Shu Zhou sieht die Lösung in einer heterotopen Untergrundmetropole.

Pekings Wohngegend Wangjing, Huajiadibeili Nr. 3. Ein Mann mit einer Frisur wie Albert Einstein und einer Stofftasche vom Centre Pompidou steigt in den Keller hinab. Er erklärt, er wolle hier einen Raum anmieten und redet von einer Reihe großer Experimente der Umgestaltung, um die Lebenssituation in den Kellern zu verbessern. Liu Qing (刘青), der Vermieter, ist skeptisch.

Liu Qing, 32, stammt ursprünglich aus der Stadt Hengshui (衡水) in Hebei. Offiziell ist er der Verwalter der Kellerräume, zuständig für Angelegenheiten wie Sicherheitsrisiken oder Brandschutz, aber auch für Geburtenkontrolle; in wirtschaftlicher Hinsicht jedoch ist er der Untervermieter der Zimmer im Souterrain, und bestreitet von den Mieteinnahmen den Lebensunterhalt seiner Familie.

Im November 2013 wohnt Liu Qing seit sechs Jahren im Keller. Vor über zwanzig Jahren hat die Zentralregierung unter dem Motto „die Bunker sollen sich selbst erhalten“ (以洞养洞) dazu ermutigt, die Luftschutzkeller aktiv zu nutzen. So wurde aus brachliegenden Pekinger Kellern billiger Wohnraum, der heute Millionen von Wanderarbeitern, die es in die Hauptstadt getrieben hat, Unterschlupf bietet. Doch der Zeitgeist hat sich geändert und nun ist vom „Auszug der Kellerbewohner“ die Rede. Im Jahr 2010 legte die Pekinger Behörde für Zivilverteidigung (北京市民防局) einen Drei-Jahres-Plan zur Entfernung der in den Luftschutzkellern verstreut lebenden Bevölkerung vor, doch seitdem ist nicht viel passiert.

Der Interessent stellt sich als ein gewisser Shu Zhou (周子书) vor. Bei seinem zweistündigen Vortrag klingt Liu Qing ein Schlüsselwort nachhaltig in den Ohren: „Veränderung“. Liu Qing ist für Veränderung, aber sein Instinkt sagt ihm, dass es keine geben wird. Andererseits ist dies eine gute Sache und er bekommt Miete, warum also sollte er nein sagen? Als Shu Zhou das nächste Mal vorbei schaut, steht Liu Qings Entschluss fest. Er vermietet den Hobbyraum im Tiefgeschoss an den Mann mit der Einstein-Frisur. Das Zimmer war früher schon untervermietet und Generationen von Wanderarbeitern haben hier ihre Spuren hinterlassen. Nachdem der Mietvertrag unterschrieben ist, ist Shu Zhou voller Elan. „Wir machen das, du musst nur zusehen“, meint er zu Liu Qing, „eines Tages wirst du die Veränderung bemerken und dann wirst vielleicht auch du dich ändern.“

Es herrscht Unglaube und Untätigkeit

Zu dieser Zeit ist Shu Zhou 34 und macht am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in England gerade seinen zweiten Master. Für die Abschlussarbeit hat er sich das Transformationsprojekt Pekinger Keller ausgesucht. Als Designer und Kurator ist er in der ganzen Welt unterwegs und verkehrt in besseren Kreisen. Doch während seiner privilegierten Laufbahn eines sogenannten „Gao-da-shang“ (高大上, „luxury, large, level up“, Anm. d. Übers.)“ hat Shu Zhou ein Gedanke nie losgelassen: „Es gibt Dinge, die jetzt wichtiger sind als die Kunst beziehungsweise Probleme, die dringender einer Lösung bedürfen.“

Das Problem mit den Kellern ist eine besonders harte Nuss. Momentan kennt die Gesellschaft darauf nur zwei Antworten: Entweder will man sie schließen oder man hat Mitleid mit den Bewohnern. Einen Lösungsansatz für das Dilemma eines wiederholten, aber nicht durchsetzbaren Verbots der Vermietung der Keller als Wohnraum gibt es bisher noch nicht.

Shu Zhou möchte Verbindungen zwischen den Bewohnern unter und über der Erdoberfläche herstellen und die Keller in eine soziale Ökosphäre verwandeln. Alle Interessensgruppen sollen darin Platz finden: Die neue Generation von Wanderarbeitern, die in den Bunkern lebt, der Vermieter, die Leute aus dem Viertel, das Amt für Zivilverteidigung sowie Unternehmen mit sozialem Anspruch. Ganz im Sinne dessen, was der britische Sozialtheoretiker David Harvey einen „sozial-gerechten Raum“ nannte.

Als Shu Zhou seinen Lehrern und Freunden zu Beginn von dem Kellerprojekt erzählt, wird ihm meist entgegengehalten, wie unmöglich und unrealistisch dieses sei. Sein Atelierpartner Han Tao (韩涛), Dozent an der Zentralen Kunstakademie in Peking (中央美院), ermutigt ihn jedoch: „Seit über zehn Jahren diskutiert man in China über diese Probleme, an kritischen Überlegungen fehlt es nicht, aber an Tatkraft. Anstatt sein Handeln auf Kritik und wirkungslose Ideen zu beschränken, sollte man Kritik üben, indem man in der Praxis etwas bewegt.“

Runter vom hohen Ross, hinab in den Keller

Doch wie kann man den aktuellen Wünschen und Bedürfnissen der Kellerbewohner gerecht werden? Shu Zhou und sein Team fangen erst einmal mit einer ganz grundlegenden Arbeit an: Sie betreiben Feldforschung.

Ihr erster Gesprächspartner ist ein Kfz-Mechaniker, in dessen Kellerzimmer eine Kalligrafie mit einem Spruch Laozis hängt: Die edelste Güte ist wie Wasser (上善若水). „Die meisten Leute sind heute ziemlich einfallslos, bei ihnen dreht sich alles nur um Wohnungen, Autos und Frauen. Aber dieser junge Kfz-Mechaniker lässt sich von seiner Arbeit dazu anspornen, mehr über Umweltschutz und Energiegewinnung zu lernen.“

Dann ist da der junge Dampfkesselheizer, der eigentlich Grafikdesigner werden wollte. Sein Vater gab ihm 9.100 Yuan, damit er an den entsprechenden Lehrgängen teilnehmen konnte. Aber obwohl er eine Reihe von Designsoftware beherrschte, fand er keinen Job und kehrte schließlich wieder an den Dampfkessel zurück.

„90 Prozent der jungen Kellerbewohner legen weitaus mehr Einsatzbereitschaft und Wissensdurst an den Tag als die jungen Leute, die oben wohnen.“, stellt Shu Zhou fest. „Aus ihnen werden entweder die nächsten Hoffnungsträger der Wirtschaft oder sie werden zu einer neuen Quelle der Gewalt“. Hier zitiert Shu Zhou aus dem Buch Arrival City von Doug Saunders: „Wir mögen orientierungslos sein, doch das heißt nicht, dass wir vor Schwierigkeiten zurückschrecken. Die Orientierungslosigkeit bedeutet nur, dass wir uns jetzt für eine Richtung entscheiden müssen. Und dann braucht man jemanden, der sich auskennt und einem sagt, wir man die Sache angeht.“

In Liu Qings Bunkerräumen hält man Shu Zhou zunächst für einen Schwindler, aber das ändert sich. Indem er jeden Tag für die Gemeinschaft den Boden fegt, gelingt es ihm allmählich, das Eis zu brechen. Irgendwann schenkt ihm der Fischkoch aus Sichuan eine Staude Bananen und ein junger Kellner stellt einen Kasten Bier für eine gemeinsame Party zur Verfügung.

Zu dieser Zeit bemerkt auch Liu Qing an sich die erste Veränderung seit dem Transformationsprojekt: Er geht nun zeitig zu Bett und steht früh auf. „Wenn jemand jeden Tag so früh auf der Matte steht, kann ich schlecht auf der faulen Haut liegen.“

Über- und unterirdische Räume: „Heterotopia“

In dem kleinen Kellerzimmer kommt der fantasiebegabte Shu Zhou auf immer neue Ideen. Beispielsweise macht er Liu Qing den Vorschlag für einen „Know-How-Austausch“. Wanderarbeiter und ehemalige Kellerbewohner, die sich bereits erfolgreich etabliert haben, sollen den jungen Neuankömmlingen mit Berufstipps und Informationen Starthilfe geben. Im Gegenzug sollen die Jungen auch den Alten etwas beibringen. Shu Zhou will auf diese Weise die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Keller- und Etagenbewohnern ausloten und das Vertrauen in der Stadt wiederherstellen. Liu Qing ist skeptisch: Wie soll man genügend Leute für so einen Austausch finden? Soll er die etwa alle alleine auftreiben? Shu Zhou wehrt lachend ab und fragt Liu Qing, was er denn lernen wolle. Der meint nach einigem Überlegen: „Ich will wissen, wie man einen Online-Shop eröffnet, meine Schwiegertochter möchte einen bei Taobao. Das, meint Shu Zhou, sei kein Problem, er kenne da jemanden.

Im Untergeschoss gehen indessen sichtbare und spürbare Veränderungen vor sich. Der Hobbyraum nimmt allmählich surreale Züge an. Während Boden und Wände mit dicker, weißer Farbe gestrichen wurden, lässt man obere Teile der Wände unberührt. Der weiße Anstrich, Symbol für ein neues Leben, hebt sich vor der vergilbten Mauer in Form eines Dachgiebels ab. Shu Zhou nennt den Raum in seinem Experiment den White House Container. „Einerseits möchten die jungen Leute aus den Bunkern mit dem verdienten Geld in ihre Heimatprovinz zurückkehren und sich ein Haus bauen, das ihnen ganz alleine gehört; andererseits wollen sie die brutale Realität ihres derzeitigen Kellerdaseins bewahren, um sich immer vor Augen zu halten, dass sie für die Veränderung ihrer Situation noch härter arbeiten müssen.“

Auch die Trennwände im zentralen Gang, der durch den Luftschutzbunker führt, werden neu gestrichen. Blau die Wände, die ins Innere des Kellers weisen, „damit die Menschen in der Früh, wenn sie aus dem Haus gehen, die blaue Farbe als Symbol der Hoffnung sehen.“ Gelb die Wände, die in Richtung Ausgang zeigen, „so dass die Kellerbewohner, wenn sie abends nach getaner Arbeit nach Hause kommen, von einer heimelig warmen Farbe empfangen werden.“ Ein aus der Provinz Henan stammender Koch begrüßt die Veränderungen. Als er einmal Besuch von einem Kollegen bekommt, meint auch der anerkennend: „Euer Keller ist schon was Besonderes!“

Inzwischen hat sich jemand für Liu Qings „Know-How-Austausch“ gefunden. Ein Mädchen mit einem runden Gesicht demonstriert auf ihrem Apple-Laptop die Abläufe auf der Auktionsplattform Taobao: Angefangen bei der Einrichtung eines Kontos über das Setup der Benutzeroberfläche bis hin zu Waren und Versand. Als Dank trägt ihr Liu Qing ein Ständchen vor. „Diese Sache hat mich wieder ein Stückchen verändert. Das, was ich anfangs für einen Witz gehalten habe, ist nun Realität.“

Der Bunker wird immer mehr zu der Heterotopie, die Shu Zhou sich vorgestellt hatte. Der Keller ist kein Keller mehr, sondern ein Ort realer Existenz, der von der Wirklichkeit abweicht.

Die wachsende Metropole im Untergrund

Ende Januar 2014 legt Shu Zhou den Zwischenbericht zu seinem Abschlussprojekt vor. Mit dem Konzept für den Know-How-Austausch im Gepäck fliegt er zurück nach London, um dort sein Projekt vor seinen Professoren zu verteidigen. Er erntet Zustimmung, aber man weist ihn auch auf eine Schwachstelle hin, die seinem Projekt zum Verhängnis werden könnte: Woher kommt das Geld? Die Dozenten meinen, sein Konzept böte keinen Lösungsansatz für die zentralen Interessenskonflikte. Wie könnte man ein Geschäftsmodell entwickeln, durch das sich das Projekt selbst tragen und wirklich nachhaltig entwickeln kann, ohne auf öffentliche Wohlfahrt und die Wohltätigkeit der Bevölkerung angewiesen zu sein?

Mit dieser Fragestellung reist Shu Zhou zurück nach Peking und beginnt eine Umfrage unter jungen Stadtbewohnern: „Stell dir vor, du wärst in dieser Metropole ganz auf dich allein gestellt. Du bekommst einen dunklen fensterlosen Raum, der aber nicht als Wohnung genutzt werden soll. Was würdest du damit anstellen?“ Sein Team sammelt vierhundert Antworten: Schlafen, an die Wand starren und in mich gehen, ein Atelier oder ein Kellerkino aufziehen ... Am 30. März 2014 organisiert Shu Zhou in seinem White House Container testweise ein Untergrund-Kino und nimmt allein an einem Abend 300 Yuan ein. Früher dagegen hatte das Zimmer durch die Miete monatlich nicht einmal 700 Yuan eingebacht. Erst hat man in die Renovierung des Kellers investiert und nun kommen tatsächlich Kunden und man macht Gewinn, für den Bunker und dessen Vermieter Liu Qing ist das ein Quantensprung.

In der nächsten Zeit führt das Team in dem Viertel über hundert Interviews mit jungen Leuten aus der Design- oder Kunstbranche. Der White House Container wird deren Vorstellungen entsprechend in einen Wood House Container umgestaltet. In dem durch eine Holzvertäfelung veredelten Raum gibt es nun ein Bett sowie Hocker und Arbeitstische, die man komplett zusammenklappen und in der Wand verschwinden lassen kann. Sichtbar ist dann nur noch die glänzende Holzoberfläche in Form eines Häuschens mit spitzem Giebel. Liu Qing kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus: Von der Mietwohnung über das Kellerkino bis hin zum Atelier wird der Raum wie ein Transformer an immer neue Funktionen angepasst.

Shu Zhous nächster Plan: Ein Viertel des Untergeschosses soll jungen Wanderarbeitern für drei Monate übergangsweise zum Wohnen zur Verfügung gestellt werden; ein Viertel des Bunkers soll an junge Künstler und Designer vermietet werden; ein weiteres Viertel wird zu Unterrichtsräumen und Werkstätten umgebaut. Der Rest des Kellers dient als Galerie und Café oder steht als öffentlicher Raum den Bewohnern von oben zur Verfügung. Auf diese Weise entwirft Shu Zhou für Peking einen makrostrukturellen Raumplan: „Jeder junge Wanderarbeiter, der sich für die Kreativbranche interessiert, kann sich gegen eine bestimmte Gebühr für unsere dreimonatige Kreativwerkstatt der Untergrundmetropole einschreiben. Man könnte in Peking in den unterschiedlichen Branchen der einzelnen Stadtviertel verschiedene Kellerateliers einrichten. Ein Untergrundlabor für Wissenschaft und Technik im Hightech-Viertel Zhongguancun (中关村), ein unterirdisches Finanzstudio in der Beijing Financial Street (金融街) oder eine Business-Werkstatt in der Nähe des China World Trade Centers (国贸).“

So könnten sich die Keller immer weiter ausdehnen, sich zu einem dynamischen kulturellen Raum im Untergrund entwickeln und zu einem Treffpunkt für die Jugend werden. „Wenn das Experiment gelingt, werden sich die Beziehungen zwischen den über- und unterirdischen Bewohnern verändern. Dann wird niemand mehr behaupten, hier würde der Abschaum der Gesellschaft versteckt. Man wird von einem positiven Ort sprechen, vom dem die Öffentlichkeit profitiert.“

Das Projekt hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die der Vermieter Liu Qing weder überblicken noch steuern kann. Was die Zukunft bringt, vermag auch er nicht vorauszusagen, aber sein Instinkt sagt ihm, dass hier etwas Großes im Gange ist. Das macht ihn ein bisschen nervös, aber er freut sich darauf.