Gesellschaft und Medien Scherbenhaufen im Künstlerdorf Songzhuang

3. Dezember: Künstlerprotest am Ort des Geschehens
3. Dezember: Künstlerprotest am Ort des Geschehens | Foto: anonymer Künstler aus Songzhuang

Anfang Dezember 2013 begann im Malerdorf Songzhuang bei Peking zum ersten Mal seit zwanzig Jahren eine große Abrissaktion von sogenannten „Häusern mit eingeschränkten Eigentumsrechten“. Künstler und Bewohner protestieren gegen den Abriss.

3. Dezember: Künstlerprotest am Ort des Geschehens, Foto: anonymer Künstler aus Songzhuang

Anfang Dezember 2013 begann im Malerdorf Songzhuang bei Peking zum ersten Mal seit zwanzig Jahren eine große Abrissaktion von sogenannten „Häusern mit eingeschränkten Eigentumsrechten“. Künstler und Bewohner protestieren gegen den Abriss.

Am 14. Dezember 2013 fielen in Songzhuang (宋庄) östlich von Peking in der größten Künstlerkolonie Chinas, wenn nicht sogar der ganzen Welt, einige gerade erst eingeweihte Wohnhäuser der Abrissbirne zum Opfer. Bereits am 3. Dezember waren im Dorf Xiaobao (小堡村), dem östlichen Kunstdistrikt von Songzhuang, auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern vier Gebäude mit Künstlerstudios von der Gemeinderegierung dem Boden gleichgemacht worden. „So etwas hat es in der zwanzigjährigen Entwicklungsgeschichte des Künstlerdorfs noch nie gegeben.“, stellt ein Angestellter der Beijing Songzhuang Cultural and Creative Company (BSCCD) fest.

„Ateliers sind keine Häuser mit eingeschränktem Eigentumsrecht“

Vom zweiten auf den dritten sowie am sechsten Dezember war es in Songzhuang unter Künstlern und Bewohnern des Dorfes Xiaobao zu Protesten gegen den Zwangsabriss gekommen. Mit ganz unterschiedlichen Resultaten: Während die Künstler ein Transparent mit dem Schriftzug „Künstlerateliers sind keine Häuser mit eingeschränkten Eigentumsrechten“ entfalteten, den Abbruch ihrer Studios damit jedoch nicht verhindern konnten, hatten die Dorfbewohner von Xiaobao den Abrisstrupp, der vor einem Kunsthandelszentrum angerückt war, kurzerhand verjagt.

Dem Maler Ma Yue (马越) zufolge sind die Bewohner des Dorfes äußerst beunruhigt. Wie bei einer Wette würde darüber spekuliert, ob man selber noch von der Abrissaktion betroffen sein werde. Der Sprecher von BSCCD meint: „Einige Investoren haben ihr Kapital sofort abgezogen und auch viele Künstler wollen sich aus Songzhuang zurückziehen“.

Zum Abriss der vier Atelierhäuser erklärt Chen Hongbo (陈洪波), stellvertretender Gemeindevorsteher von Songzhuang: „Als die Behörde für nationale Bodenressourcen anhand von Satellitenbildern die Bodennutzung in der Region Songzhuang untersuchte, fielen ihnen illegale Gebäude auf, die unerlaubt auf Ackerflächen errichtet worden waren.“

Die Behauptung, auf „Agrarland sei illegal gebaut worden“, wird vor Ort jedoch allgemein angezweifelt. Hu Jiebao (胡介报) meint als ehemaliger Parteisekretär der Gemeinde: „Die Atelierhäuser befinden sich auf im Jahr 2010 von der Planungskommission Tongzhou genehmigtem kollektivem Bauland. Für diesen Baugrund liegen sowohl eine kontrollierte und detaillierte Planung sowie ein Bodennutzungsplan vor. Wenn die Satellitenfotos das Land als Agrarfläche ausweisen, hat das komplexe historische Gründe. Den Behörden der Lokalregierung ist bei der Zuordnung des Landes ein Fehler unterlaufen.“

Auch das Grundstück, das für das Kunsthandelszentrum gepachtet wurde, liege auf kollektivem gewerblich genutztem Gebiet, meint Li Xuelai (李学来), Leiter des Büros für den Kultursektor in Xiaobao: „Der aktuellen Politik geht es darum, der Geschäftemacherei mit ‚Häusern mit eingeschränktem Eigentumsrecht’ einen Riegel vorzuschieben, insbesondere bei Gebäuden, die sich noch im Bau befinden oder zum Verkauf stehen. Aber kann man die Kultur- und Kreativbranche wirklich mit solchen Projekten in Verbindung bringen?“

Im Jahr 2005 wurde in Songzhuang erstmals das Songzhuang Art Festival veranstaltet. Damals kam auch die Parole „Art shapes the Township“ (艺术造镇) auf. Nachdem die Stadt Peking im Jahr 2007 den Generalplan 2005-2020 der Region um die Gemeinde Songzhuang mit Auflagen genehmigt hatte, wurden über 5.000 Hektar von insgesamt 11.600 Hektar Gesamtfläche der Gemeinde im Plan als vorgesehenes Bauland ausgewiesen. In der Folge wurden auch die Bodennutzungspläne der Gemeinde an den Generalplan angepasst.

Seit 2008 galt das Gesetz für urbane und ländliche Planung: „Baute man auf kollektivem gewerblichen Grund, musste zwar kein Boden enteignet werden, man benötigte aber trotzdem eine Baugenehmigung.“, erinnert sich Hu Jiebao. „Allerdings gab es für derartige Projekte auf Gemeindeebene im Allgemeinen keine zuständige Behörde, weshalb sich die Genehmigungsprozesse endlos hinzogen. Der dörflichen Verwaltungsebene blieb letztlich nicht anderes übrig, als auf eigene Faust zu handeln.“

Hu Jiebao: „Infolge der ‚Politik der Bodenfinanzierung wurde die Umwandlung in ländliches kollektives Bauland lange Zeit blockiert, so dass viel gemeinschaftlicher Boden brach lag. Durch die Intensivierung der Bodenreform machten sich die Landwirte große Hoffnungen, dass das Geschäft mit gewerblich genutztem Grund wieder in Schwung käme, aber ausgerechnet die Behörde für nationale Bodenressourcen wird langfristig zu einem Hemmschuh für die Entwicklung der ländlichen Kollektivwirtschaft. So sieht momentan die Realität aus.“

Kultur als Immobilienwerbung

1994 waren mit Fang Lijun (方力均) und Wang Qiang (王强) die ersten Kreativen aus dem Malerdorf Yuanmingyuan (圆明园) in der Nähe des Alten Pekinger Sommerpalasts nach Songzhuang übergesiedelt, bald war die Kolonie auf gut zweihundert Künstler angewachsen. Heute leben hier über 5.000 Kreative aus allen Landesteilen. In diesen zwei Jahrzehnten ist die Pacht für den Boden von 50.000 Yuan pro Mu auf ein bis zwei Millionen geklettert. Das verfügbare Jahreseinkommen der Dorfbewohner ist ebenfalls von drei bis vierhundert Yuan auf über 60.000 Yuan gestiegen.

„Die Wende kam 2004“, meint Li Xianting (栗宪庭). In diesem Jahr suchte der Parteisekretär von Xiaobao, Cui Dabai (崔大柏), den Künstler auf und erzählte ihm von seinem Plan, den Kultursektor aufzubauen. Li Xianting setzte sich von Anfang an bei der örtlichen Regierung dafür ein, die Ressourcen der Künstler, die leerstehenden Häuser der Bauern und das brachliegende Land zu nutzen. Man solle sich die internationalen Erfahrungen der Kultur- und Kreativbranche zu eigen machen und den Kunstpark Songzhuang errichten. Ein Jahr später gab Parteisekretär Hu Jiebao dann die Parole „Art shapes the Township“ aus.

Doch die Situation geriet zunehmend außer Kontrolle. Nachdem der Kunstpark von offizieller Seite genehmigt worden war, zog die Pacht für den Grund gewaltig an. Als im Jahr 2008 die Olympischen Spiele in Peking stattfinden sollten, wurde wie verrückt gebaut. „Die Kultur wurde dazu benutzt, eine neue Runde im Immobiliengeschäft einzuläuten“, meint Li Xianting.

2012 wurde das Songzhuang Art Festival, das von der vormaligen Gemeinderegierung noch unterstützt worden war und ganze sieben Jahre stattgefunden hatte, durch die China Art Industry Expo (中国宋庄艺术产业博览会) ersetzt. Li Xianting schrieb in einem Artikel mit dem Titel Alptraum Songzhuang (梦魇宋庄): „Nicht nur, dass während der gesamten Messe der Anteil der Künstler aus Songzhuang verschwindend gering war, die ‚Expo’ wurde auch noch zu einem Paradebeispiel staatlicher Megainvestition. Die Ausgaben beliefen sich auf 188 Millionen Yuan, allein die Kosten für die Maßnahmen zur Umweltsanierung verschlangen 120 Millionen Yuan.“ Li Xianting: „Danach rührte man die Werbetrommel, indem man die riesigen Investitionssummen, die man für Immobilienprojekte an Land gezogen hatte, direkt als Gewinne der Expo verbuchte. In Wirklichkeit war die Kultur zum Aushängeschild für Immobilienprojekte geworden.“

Vor 2005 waren vorwiegend „echte“ Künstler nach Songzhuang gezogen. „Nach 2005 kamen scharenweise auch Leute, die im traditionellen chinesischen Stil malten, Steine verkauften oder gleich kommerzielle Malerei betrieben, dadurch hat sich das kreative Umfeld verändert.“, berichtet der Maler Ma Yue. „Die Mieten kletterten immer weiter nach oben und Nachwuchskünstler, die zwar künstlerische Ideale aber noch keinen Erfolg hatten, können es sich gar nicht mehr leisten, hier zu wohnen.“

Nach den Zwangsabrissen legte Cui Dabai als Parteisekretär von Xiaobao der Stadtregierung von Peking einen Lagebericht vor und fasst darin unter den Punkten „Abriss, Schutz, Kontrolle und Engagement“ ein paar Vorschläge und Maßnahmen zusammen: „Abriss von im Bau befindlichen oder zum Verkauf stehenden unerlaubten Gebäuden; Schutz von Gebäuden und Anlagen, die tatsächlich von der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden; Kontrolle von möglicherweise wieder aufkommender illegaler Bautätigkeit; Engagement dafür, dass die Stadt Peking oder der Staat im Sinne der im November 2013 auf der 3. Plenarsitzung des 18. Zentralkomitees der KPCh beschlossenen ländlichen Reformen das Dorf Xiaobao in der Gemeinde Songzhuang zum Pilotprojekt für die Übertragung von Bodennutzungsrechten bei kollektivem ländlichen Bauland bestimmt.“ Als ehrenamtlicher Präsident der Songzhuang Art Promotion Association setzt sich Hu Jiebao derzeit auch dafür ein, dass die Gemeinde Songzhuang zu einem Pilotprojekt der Stadt Peking für die Übertragung von Bodennutzungsrechten erklärt wird.

Ma Yue und andere Künstler beginnen bereits der Situation im heutigen Songzhuang überdrüssig zu werden. Ihnen geht es wie Li Xianting, der in Alptraum Songzuang sein Leid klagt: „Nach zehn Jahren ist im Kunst- und Kreativsektor von Songzhuang die Welt aus den Fugen geraten. Die Utopie erweist sich letztlich als utopisch. Doch dass Träume zerplatzen und man um die Freiheit der Kunst kämpft, wird für Künstler immer der Normalzustand bleiben.“