Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Ein Leben in China
Li Kunwus „Epos des kleinen Mannes“ dokumentiert fünfzig Jahre Wandel in China

„Zeitleiste“: Die drei Bände aus Li Kunwu’s „Ein Leben in China“ reflektieren chinesische Zeitgeschichte
„Zeitleiste“: Die drei Bände aus Li Kunwu’s „Ein Leben in China“ reflektieren chinesische Zeitgeschichte | © SDX Joint Publishing Company

Die Graphic Novel "Ein Leben in China" wurde 2009 erstmals in Frankreich bei Dargaud verlegt und fand nach ihrem Erscheinen großen Anklang bei den Lesern. Für sein "dezidiert chinesisches Sujet, den neuartigen künstlerischen Stil und seinen stark humanistischen Geist" wurde der Comic international vielfach mit wichtigen Preisen bedacht. Vor kurzem hat das Buch seine triumphale Heimreise angetreten und präsentiert sich nun in einer chinesischen Ausgabe.

Die Graphic Novel Ein Leben in China war für den französischen "Comic-Oskar", den Großen Preis der Stadt Angoulême nominiert. Sie wurde auf dem Literaturfestival von Saint-Malo mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und erhielt auf dem Festival Les Rendez-vous de l`histoire in Blois, Frankreich, den Preis für den besten historischen Comic. Der aus Kunming in der Provinz Yunnan stammende Zeichner Li Kunwu (李昆武) ist der erste asiatische Künstler, dem diese Ehren für seine Comic-Trilogie zuteil wurden. Der als "Epos des kleinen Mannes" gerühmte autobiografische Comicroman wurde im Januar 2013 bei der SDX Joint Publishing Company auf Chinesisch verlegt. 

Ein Epos des kleinen Mannes, das zu Herzen geht 

In Ein Leben in China verweben sich Historie, Kultur und Lebensgeschichten zu einem Gesamtbild. Von Die Zeit meines Vaters (Band 1) über Die Zeit der Partei (Band 2) bis zu Die Zeit des Geldes (Band 3) entfaltet sich nicht nur ein umfassendes Panorama der gesellschaftlichen Entwicklung im modernen China, es wird auch der Wandel beschrieben, der China seit der Reform- und Öffnungspolitik bis heute erfasst hat. Das Buch schildert detailliert die Sitten und Gebräuche in der Provinz Yunnan und die Lebensumstände der ganz normalen Chinesen und erzählt von deren Freud und Leid. Darüber hinaus dokumentiert es die großen Ereignisse verschiedener Zeitabschnitte, etwa den "Großen Sprung nach vorn", die "Kulturrevolution", die "Reform- und Öffnungspolitik" oder die Rückkehr Hongkongs. So hält der Comicroman nicht nur die guten und schlechten Zeiten einer Familie und eines persönlichen Schicksals fest, sondern reflektiert die enormen Umwälzungen der chinesischen Gesellschaft von den 1950er Jahren bis heute. Völlig Zu Recht gilt diese Graphic Novel als ein "Epos des kleinen Mannes". 

Die drei Bände enthalten über 3.000 Zeichnungen mit Szenen aus Fabriken, vom Land oder vom Militär. Im Verlauf der Geschichte treten über hundert Personen auf, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Ihre Vorbilder fand Li Kunwu in seiner eigenen Familie, unter Kommilitonen und Freunden oder unter den ganz normalen Menschen auf den Straßen Kunmings oder in den Bergregionen von Yunnan. Einmal geht es um eine junge Frau vom Land, die in der Stadt als Masseurin arbeitet und zur Beerdigung ihres Großvaters in ihre Heimat zurückkehrt. An diesem Beispiel werden die Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben sichtbar, es erzählt von dem Heimweh der jungen Frau und den hohen Erwartungen, die ihre Familie in sie setzt. Das Buch zeichnet von den einfachen Menschen ein mal humorvolles, mal nachdenkliches Bild. Diese realistischen und lebendigen Portraits verleihen dem Werk eine Kraft, die Leser über Ländergrenzen hinweg tief bewegt.

Ein Leben im Comic bezeugt den Wandel der Zeit

Viele ausländische Leser wissen kaum etwas über China, aber sie sind neugierig darauf, wie sich das Land entwickelt und verändert hat. Eine Graphic Novel, die schildert, wie ein Chinese die unterschiedlichen Zeiten erlebt hat, hat es im Ausland so noch nicht gegeben. Für die ausländische Leserschaft ist das eine wundervolle Art, mehr über die chinesische Gesellschaft und Zeitgeschichte zu erfahren. Der Co-Autor des Buches, Philippe Ôtié, meint, für den in China als "Kinderbuch" verschrienen Comic gäbe es in Frankreich einen großen Markt. Hier seien nicht nur die Kinder ganz verrückt nach Comics, auch viele Erwachsene hätten ihre Gewohnheit aus der Kindheit beibehalten und würden nur ungern auf den Bande Dessinée verzichten. "Deshalb kommt es bei den französischen Lesern auch so gut an, wenn ihnen die Entwicklungen und Umbrüche in China in Form eines Comics nahe gebracht werden." 

Die Eindrücke, die chinesische Leser bei der Lektüre haben, sind hingegen etwas anderer Art. Li Kunwu zufolge lag die Inspiration zu dem Buch "in dem Wunsch, die unterschiedlichen Zeiten, die ich und meine Eltern erlebt haben, in der Form eines autobiografischen Comics zu dokumentieren. Mit so einer positiven Resonanz habe ich nicht gerechnet." Während der Arbeit zu dem Buch fiel Li auf, dass sein 55-jähriger Lebensweg die Entwicklungsgeschichte des heutigen Chinas vollständig und real nachzeichnete und dass er seine eigenen Erfahrungen als einfacher Bürger mit allen Chinesen teilte, die Mitte des letzten Jahrhundert geboren worden waren. In gewisser Weise wurde er selbst zu einer "Norm" oder einem "Modell". Bei älteren Lesern stellt sich bei der Lektüre dieser langen Graphic Novel ein hoher Widererkennungs- und Identifikationswert ein. Durch die detaillierten Schilderungen des Autors stehen ihnen die historischen Szenen jener Jahre wieder bildlich vor Augen. Die jüngere Lesergeneration hingegen kann über das Buch in eine Geschichte eintauchen, die zwar noch nicht lange zurück liegt, aber ihr doch etwas fremd ist. Der lebendige und subtile Pinselstrich des Zeichners und der durchdachte Erzählfluss lassen abstrakte historische Begriffe real und erfahrbar werden, so dass man ganz mühelos zu einem tieferen Verständnis von den Erlebnissen und Lebensumständen der älteren Generation gelangt. 

Objektiv und wirklichkeitsnah - weder gefundenes Fressen für Kritiker noch Sprachrohr der Propaganda

Es bedurfte einiger Überraschungen, ehe es zur Idee von Ein Leben in China kam. Im Mai 2005 nahm der Franzose Philippe Ôtié Kontakt zu Li Kunwu auf. Er hatte Lis Comic Eighteen Wonders of Yunnan (云南十八怪) gesehen und war äußerst angetan von dem Reiseflair, das sich in den Illustrationen vermittelte. Nun wollte er mit Li gemeinsam den Graphic Novel Marco Polo in China herausbringen. Die Geschichte lag bereits fertig in seiner der Schublade, er wartete nur noch darauf, dass Li sie in Bilder umsetzen würde. Li machte sich ans Zeichnen, war aber nicht zufrieden. Die Figuren, die aus seiner Feder kamen, hatten einfach nichts mit ihm selbst zu tun. Für Li war das nicht anderes als Auftragsarbeit. Im Oktober des Jahres war Li Gast auf einer Austauschveranstaltung des französischen und chinesischen Comics in Peking. Ôtié vermittelte ein Treffen mit dem Verantwortlichen von Dargaud, dem weltweit größten Comic-Verlag. Der Verleger schlug vor, Li solle seine eigenen Erfahrungen in einem Comic zeichnerisch umsetzen. Eine Idee, die genau den Vorstellungen des Künstlers entsprach. Hierauf machte Marco Polo den Weg für Ein Leben in China frei, und Ôtié lieferte erneut die Textvorlage dazu.

Auf der Grundlage von Li Kunwus Erzählungen verfasste Ôtié ein Skript, dem teilweise noch fiktive Szenen hinzugefügt wurden. Li war für die Illustration und die Dialoge verantwortlich. Der gemeinsame Schaffensprozess zog sich über fünf Jahren hin und war oft genug problematisch. Zwischen dem Bild, das Chinesen von sich selbst haben, und dem ausländischen Blick auf China gibt es große Diskrepanzen. Obwohl die beiden Autoren in der Einschätzung mancher historischer Ereignisse sogar diametral auseinander lagen, bemühten sie sich immer um einen Ausgleich. "Das Werk sollte weder ein gefundenes Fressen für China-Kritiker werden noch als Sprachrohr der Propaganda dienen". Die beiden versuchten Lis Erfahrungen objektiv und wahrheitsgetreu nachzuerzählen und das Gesicht der Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger zu wahren. Sie tasteten nach dem schmalen Grat zwischen chinesischer Propaganda und westlicher Kritik und überlassen es dem Leser nachzudenken und zu urteilen.

Top