Bildende Kunst und Design Alltagsdesign aus China

Stempel und Stempelkissen
Stempel und Stempelkissen | Foto: Andrea Pollmeier

Von der Aktenmappe zur Thermoskanne: Die Ausstellung Chinesische Dinge rückt chinesisches Alltagsdesign ins Blickfeld. Nach Frankfurt wird sie ab 29. Juli 2012 in der cubus kunsthalle Duisburg zu sehen sein.

Besondere Seiten des chinesischen Lebens teilen sich nicht über touristische Highlights mit. Den lebendigen Alltag entdeckt man eher in den einfachen Dingen, die den Menschen unspektakulär begleiten. Diese Alltagswelt rückt die Ausstellung Chinesische Dinge in den Blick, die im Rahmen des Chinesischen Kulturjahres in Deutschland gezeigt wird. Erste Station war das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. „Mit fast 20.000 Besuchern ist die Ausstellung extrem gut angenommen worden“ berichtet Dr. Stephan von der Schulenburg, Kurator der Asiatischen Abteilung des Museums. Auf Initiative Peter Schneckmanns von der „Drachenbrücke“ und in Zusammenarbeit mit der chinesischen Design-Projektgruppe Popcorn-Idea-Factory hatte er die Ausstellung für drei Monate nach Frankfurt geholt. Ein umfangreiches Rahmenprogramm, das ebenfalls vom Kulturverein Drachenbrücke zusammengestellt wurde, reichte von Tai-Chi bis Hip-Hop und ergänzte den Blick auf chinesisches Alltagsdesign abseits touristischer Klischees. Initiator des Ausstellungsprojekts ist Professor Wu Xuefu (吴学夫), Direktor der Popcorn-Idea-Factory. Mit seinem Team hatte er zunächst in der Reihe Essentially Chinese das Buch Chinesische Dinge publiziert und 2009 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Es zeigt, so das Vorwort, Dinge, die „spezifisch chinesische Qualität“ besitzen. Ziel ist es, im globalisierten Waren-Dschungel auch für Chinesen die eigene kulturelle Identität erkennbar zu machen. In einer chinesischen, englischen und deutschsprachigen Fassung ist das Buch nun zugleich Leitfaden und Katalog der aktuellen Ausstellung.

Wer erkennen will, was „spezifisch chinesisch“ ist, darf nicht das Label „Made in China“ zu Rate ziehen. Dieser Herstellungshinweis findet sich schließlich inzwischen auf zahlreichen Produkten, die keinesfalls typisch für China sind. Zudem gibt es Produkte ausländischen Ursprungs, die – wie das Fahrrad – auf chinesische Art adaptiert und in den Lebensalltag integriert wurden. Wichtig war es dem Team der Popcorn-Idea-Factory, zu dem Soziologen und Künstler zählen, Objekte auszuwählen, die massenhaft genutzt und in ihrem soziologischen Kontext nachvollziehbar werden. „Die Objekte sollten leicht verständlich, und humorvoll sein und im Trend liegen“ erklärt Wu Xuefu seine Vorgehensweise.

Die Idee zur ebenso schlichten wie überzeugenden Präsentation entstand in Paris. Eine chinesische Thermoskanne, wie sie in China früher an jeder Ecke zu finden waren, sah Wu dort als exotische Errungenschaft zu teurem Preis in einem Designergeschäft stehen. Die Faszination des Ungewöhnlichen gab dem Alltagsobjekt einen neuen Reiz. Ähnliche Wirkung erzeugen die „Chinesischen Dinge“ auch innerhalb der Ausstellung, die nach der ersten Station in Frankfurt vom 29. Juli bis 23. September 2012 in der cubus kunsthalle Duisburg zu sehen sein wird.

In China werde, so Wu Xuefu in seinem Beitrag Über chinesische Dinge im Ausstellungskatalog, den in der Ausstellung gezeigten Alltagsdingen wenig Bedeutung zugesprochen. Die Gegenstände würden eher entweder als veraltet oder folkloristisch eingestuft. „Wir glauben jedoch, dass es gerade diese übersehenen, nach chinesischer Art gestalteten Dinge sind, die das ästhetische Bewusstsein des Volkes repräsentieren.“

Das Vorgehen knüpft an die Kunstrichtung des Neuen Realismus an. Während Christo beispielsweise durch die Verhüllung großer, nationaler Monumente wie den Reichstag in Berlin diese Objekte dem Blick entzieht und sie so erneut in die bewusste Wahrnehmung hebt, geht die Popcorn-Idea-Factory hier den umgekehrten Weg. Der kleine, alltägliche Gegenstand wird auf weiße Sockel gestellt und erhält so eine neue Sichtbarkeit, die seinem bisherigen, übersehenen Stellenwert entgegenwirkt.

Wer durch die Ausstellung geht, spürt von all der Theorie im Hintergrund zunächst nicht viel. Vor ihm stehen die Objekte. Indem sie ihrem alltäglichen Funktionszusammenhang entzogen sind, wirken sie auf den ersten Blick wie die Trophäensammlung eines fleißigen China-Reisenden. Die Thermoskanne wird auf ihrem weißen Podest wie ein Kunstgegenstand zelebriert. Der schmale Grat, der Kunst und Design voneinander trennt, wird hier bewusst zur Irritation genutzt. Ist das alles ernst gemeint? Ist das Kinderhöschen mit dem Schlitz auf der Hinterseite wirklich Teil dieser Ausstellung? Das schlichte Alltagsobjekt zeigt anschaulich, wie gut, aber auch wie unterschiedlich das Konzept der Ausstellungsmacher innerhalb und außerhalb Chinas wirksam wird. Was außerhalb Chinas als Attraktion gilt, weil es den Reiz des Ungewöhnlichen trägt und auf die chinesische Art verweist, wie man Kinder zur eigenen Körperkontrolle erzieht, würde innerhalb Chinas als Beispiel für Alltagsnormalität aufgefasst und durch die Aufwertung zum Kunstobjekt irritieren. In jedem Fall wird der simple Alltagsgegenstand zum Symbol für die Umgangsformen einer Gesellschaft und ist so als soziologisch geprägtes Kunstobjekt nutzbar.

Ähnlich hintergründig ist die Präsentation beispielsweise von Bürogegenständen. Die braune Aktenhülle, die für jeden Chinesen angelegt wird und dem traditionellen System der Registrierung entstammt, gibt nicht nur Einblick in die chinesische Bürokratie. Wer sich über den Katalogtext Hintergrundinformationen erschließt, begreift die politische Brisanz, die ein solcher Gegenstand bergen kann. „Die Akte ist versiegelt und wird in einer Dunkelkammer aufbewahrt, so dass man niemals die Gelegenheit hat, selbst über die eigene Vergangenheit Zeugnis abzulegen“, heißt es dort.

Die ausgestellten Objekte wurden unterschiedlichen Lebensbereichen entnommen. Der Katalog kann die Einordnung systematischer leisten, als die Präsentation, die weniger inhaltlichen als visuellen Leitlinien folgt. So gibt es Gegenstände aus den Bereichen „Büro und Klassenraum“, „Essen und Trinken“, „Zu Hause“, „Spaß und Erholung“, „Kleidung“, „Arzneien und Kosmetik“ und „Dekoration“. Die Übersicht könnte der Wegweiser-Tafel eines Kaufhauses entnommen sein und zeigt, wie facettenreich über „Chinesische Dinge“ Einblick in den chinesischen Lebensalltag ermöglicht wird.

Katalog: Chinesische Dinge. Reihe: Essentially Chinese. Popcorn Idea Factory, Peking. China Intercontinental Press, Peking 2009. 170 S., € 15.–.