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Fokus: Sex! Sex? Sex …
„Ich will ein soziales Bewusstsein für Sex und Liebe erzeugen“

Szene aus „Enthralled“
© Sundream Motion Pictures

Der Hongkonger Journalist Chip Tsao feierte kürzlich sein Debüt als Regisseur. Er kritisiert, dass in Hongkong Sex als Konsumgut verstanden wird. Der Begriff der „Seele“ sei verlorengegangen.

Chip Tsao (陶杰), renommierter Hongkonger Print- und Fernsehjournalist für Politik und Kultur, präsentierte seinen Erstlingsfilm Enthralled (Verzaubert) auf dem 38. Internationalen Filmfestival in Hongkong, bevor der Film am 9. April in die Hongkonger Kinos kam. In dem Film spielt Sex eine zentrale Rolle und verbindet die komplexen Beziehungen zwischen den Protagonisten mit der gesellschaftlichen und politischen Situation im heutigen Hongkong. Im Gespräch mit dem Goethe-Institut Hongkong spricht Chip Tsao über seine Ansichten zu diesem Thema.

Herr Tsao, was bedeutet das Wort „Sex“ für Sie?

Bevor ich auf diese Frage antworte, muss ich auch auf das Wort „Liebe“ eingehen. Ich glaube, dass viele Menschen die beiden Wörter oder Begriffe vermischt haben. Für mich ist Sex ein Mittel, Liebe hingegen das Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns der Seele des anderen zuwenden. Darum bezeichnet man Paare, die seit langem eine Liebesbeziehung miteinander führen, ja auch als „Seelengefährten“.

Glauben Sie, dass die Mehrzahl der Hongkonger diese Auffassung teilt?

Nein. Viele Menschen in Hongkong können sich unter „Seele“ nichts vorstellen. Der Begriff ist noch schwerer fassbar, wenn man zu früh heiratet.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für dieses Phänomen?

Dafür gibt es zwei Gründe: zum einen die Erziehung in Hongkong, zum anderen der einfache Zugang zu Sex als einem Konsumgut. In dieser Stadt findet Sexualerziehung nur in einem sehr begrenzten Rahmen statt. Mit Sexualerziehung meine ich nicht, der Jugend den Umgang mit einem Kondom beizubringen. Wie ich bereits erwähnte, ist Sex nur ein Mittel und Liebe das Ziel. Wir müssen der nächsten Generation vermitteln, wie man Liebe wertschätzt und wie man sich verliebt. Dabei kann es helfen, Bücher und Gedichte zu lesen, Liebesbriefe zu schreiben oder einfach die uns umgebende Schönheit zu würdigen. Ich empfehle jungen Menschen die Lektüre von Romeo und Julia, Die Leiden des jungen Werther und der Werke Hermann Hesses. Jemanden abzuschleppen, ist einfach, aber jemandes Herz zu erobern, erfordert eine Erfahrung, die man nur über einen längeren Zeitraum erwirbt. Durch romantische Gespräche über verschiedene Themen eine vertraute Atmosphäre zu erzeugen, ist das Wichtigste bei einem Rendezvous. Das ist für mich eine fortgeschrittene Form der Sexualerziehung, die über die wissenschaftliche Beschreibung des Körpers im Biologieunterricht hinausgeht.

Sie sagten, dass die Gleichsetzung von Sex mit Liebe in Hongkong etwas mit dem „Zugang zu Sex als einem Konsumgut“ zu tun habe. Können Sie das näher erklären?

Sex ist in Hongkong einfach zugänglich. Ich kenne eine ganze Menge Studenten, die Prostituierte aufsuchen, die nur eine Stunde außerhalb der Stadtgrenze arbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, welche Art von Sex die Studenten dort haben. Der Wunsch nach Sex und Liebe ist allgegenwärtig, wenn er auch nicht sichtbar ausgedrückt wird. Mit unseren Smartphones und elektronischen Geräten sind wir wie gefühllose Roboter, die im Alltagsleben gleichgültig oder gar respektlos erscheinen. Kommunikation findet nicht statt. Wir müssen die menschliche Seite lernen, etwa wie wir unser Gegenüber bei einem Rendezvous für uns einnehmen. Das fängt mit gegenseitigen Komplimenten an und endet damit, eine romantische Atmosphäre zu schaffen und nicht damit, für Sex zu bezahlen.

Galerie: „Enthralled“In Ihrem Debütfilm „Enthralled“ spielt Sex eine sehr dominante Rolle bei all den Beziehungen, die Sie porträtieren und die stets tragisch enden. Warum?

Ich drehte diesen Film mit einem sehr kleinen Budget und innerhalb kurzer Zeit, und ich wollte mit diesen beschränkten Mitteln etwas Besonderes schaffen. Im Film gibt es einige Sexszenen, die sich für die Beziehungen letztendlich schädlich auswirken. Sie spiegeln schlichtweg die Realität in Hongkong wider: Junge Frauen stehen unter dem gesellschaftlichen Druck, reiche und erfolgreiche Männer zu heiraten, die sexuelle Anziehungskraft schwindet und Loyalität zwischen Sexualpartnern ist ein seltenes Gut.

Ihr Film wurde Filmstudenten verschiedener Hongkonger Universitäten vorgestellt. Wie war die Reaktion?

Zu meiner Freude wurde der Film gut aufgenommen. Mindestens 80 Prozent der Studenten blieb bis zum Ende. Das war ein positives Zeichen und bedeutete, dass ihnen der Film gefiel. Ich wollte einen ungewöhnlichen Film schaffen und das Publikum verunsichern. Einer der Charaktere in meinem Film ist ein bisexueller Friseur, der zunächst eine sexuelle Beziehung mit einer schönen Frau eingeht, die mit einem reichen Mann verheiratet ist, und dann mit dem schwulen Sohn dieser Frau. Nach der Vorführung fragten mich einige Filmstudenten nach den Beweggründen des Friseurs und auch nach seiner sexuellen Orientierung. Ich entgegnete, dass es mich nicht interessiere, ob jemand hetero- oder homosexuell sei. Die Studenten sollen sich selbst dazu eine Meinung bilden. Ich will den Film möglichst vielen jungen Menschen zeigen und ein soziales Bewusstsein für Sex und Liebe erzeugen.

Kurzbeschreibung des Films:

Drei ehemalige Schulkameraden einer Grundschule, die sich durch die Auswanderungswelle nach dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens aus den Augen verloren haben, treffen sich nach 20 Jahren und in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen wieder. Als jeder von ihnen eine außergewöhnliche und zuweilen heimliche Liebesbeziehung eingeht, kreuzen sich ihre Lebenswege und nehmen eine fatale Wendung. Die schwelende Unzufriedenheit im Hongkong nach der Übergabe der Staatshoheit an China wird in diesem originellen und schonungslosen Drama über Liebe, Betrug und Verrat eindrucksvoll porträtiert.

Der Film erlebte auf dem 38. Internationalen Filmfestival in Hongkong seine Weltpremiere und kam am 9. April 2014 in die Hongkonger Kinos.

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